02. August 2020 / 09:55 Uhr

Als 96-Aufstiegsheld Milovanovic per Fallrückzieher traf...: „Dann habe ich Flügel bekommen“

Als 96-Aufstiegsheld Milovanovic per Fallrückzieher traf...: „Dann habe ich Flügel bekommen“

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Geschafft - 96 in der 2. Bundesliga! Vladan Milovanovic feiert den Aufstieg der Roten.  
Geschafft - 96 in der 2. Bundesliga! Vladan Milovanovic feiert den Aufstieg der Roten.   © Archiv
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Im Relegationshinspiel musste Vladan Milovanovic noch Zuhause bleiben, im Rückspiel ebnete er Hannover 96 mit seinem Fallrückzieher den Weg in die 2. Bundesliga. Rund 22 Jahre ist das nun her, doch auch heute erinnert sich der Aufstiegsheld gerne an seine Zeit bei den Roten zurück.

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Es war genau 22.57 Uhr an diesem denkwürdigen 24. Mai 1998 als Torhüter Jörg Sievers den Schuss von Francisco Copado abwehrte. Damit hatte 96 das Elfmeterschießen gegen Tennis Borussia Berlin mit 3:1 gewonnen und den Aufstieg in die zweite Bundesliga geschafft.

Wer aber hatte wirklich daran geglaubt? Zu trostlos war der 96-Auftritt beim Hinspiel in Berlin gewesen, das 0:2 schmeichelte den Hannoveranern. Ein frühes Tor wollten sie in der zweiten Partie erzielen, um dann mit Hilfe der 50 000 Zuschauer im Niedersachsen-Stadion das fast Unmögliche möglich zu machen.

Bilder vom Hinspiel der Relegation zur 2. Bundesliga zwischen Tennis Borussia Berlin und Hannover 96 (21. Mai 1998)

Die Spieler von Hannover 96 und Tennis Borussia Berlin betreten den Rasen. Zur Galerie
Die Spieler von Hannover 96 und Tennis Borussia Berlin betreten den Rasen. ©

Milovanovic rettet 96 in die Verlängerung

Der Plan funktionierte. Schon in der siebten Minute köpfte Gerald Asamoah das wichtige 1:0. Markus Kreuz hatte geflankt. Und der eingewechselte Vladan Milovanovic, den die Anhänger zuvor lautstark gefordert hatten, erzwang in der 84. Minute mit seinem Fallrückziehertor die Verlängerung.

Es war sein schönster 96-Moment, natürlich. „Und der Höhepunkt meiner Karriere“, sagt Milo auch heute noch. Wir erreichen den 50-Jährigen in seiner serbischen Heimatstadt Krusevac, hier lebt er mit seiner Frau Maja, Tochter Tara (17) und Sohn Ugljesa (12): „Ich führe ein ganz normales Leben.“

Normal war an diesem Sonntagabend vor 22 Jahren gar nichts. Sechs Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit dann der absolute Wahnsinn. „Dieter Hecking hat den Ball zurückgelegt zu Fabian Ernst, der hat auf Carsten Linke geflankt, unser Fußballgott legte mir den Ball per Kopf vor. Und dann habe ich Flügel bekommen.“ Milovanovic lag quer in der Luft, der Ball schlug hoch oben im Tor ein.

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96 behält die Nerven

Die von Wadenkrämpfen geschüttelten 96-Spieler retteten sich schließlich ins Elfmeterschießen. Da zeigte Berlins Millionenteam Nerven. Neben Copado versagten auch Bruno Akrapovic (Jörg Sievers hielt seinen Schuss) und Harun Isa (schoss vorbei). Bei Hannover trafen dagegen alle Schützen: Ernst („Mir ging der Stift“), Linke und Markus Kreuz.

„Milos“ Tor war auch ein Abschiedsgeschenk an 96. Erst drei Stunden vorm Spiel hatte der sensible Serbe erfahren, „dass ich dabei bin“. Beim Hinspiel in Berlin hatte Coach Reinhold Fanz noch auf Milovanovic verzichtet, ihm mangelhafte Trainingsleistungen vorgeworfen. Der 96-Toptorjäger (22 Saisontreffer in der Regionalliga) war frustriert in Hannover geblieben. Beim Rückspiel gab er seine Antwort auf dem Platz. In der 61. Minute wurde Milovanovic für Hakan Bicici eingewechselt, 23 Minuten später traf er.

"Meine große Liebe ist Hannover und der Verein"

„Ich bedanke mich bei den Fans, dass sie immer an mich geglaubt haben. Ich habe bis zur letzten Sekunde gezeigt, dass ich ein 96er bin“, sagte Milovanovic damals. Heute sagt er: „Diese zwei Jahre bleiben für mich die schönsten Jahre meines Lebens. Meine große Liebe ist Hannover und der Verein, für den ich das alles gemacht habe.“ Es war aber auch „eine schwierige Zeit, weil ich mich nicht mit dem Trainer verstanden habe.“

Milo erzählt: „Es war klar – wenn wir aufsteigen, muss ich gehen. Wenn wir in der dritten Liga geblieben wären, hätte der Trainer gehen müssen.“

Die besten Torschützen von Hannover 96 seit 2000 (jeweils für jeweilige Saison).

Saison 2019/20 (2. Bundesliga): Marvin Ducksch - 15 Tore Zur Galerie
Saison 2019/20 (2. Bundesliga): Marvin Ducksch - 15 Tore ©

96 stieg auf – und Milovanovic blieb in der damaligen Regionalliga, wechselte nach Braunschweig. „Dort herrschte großer Druck, alle erwarteten viele Tore von mir. Und alles andere als der Aufstieg war kein Erfolg.“ Ab 1999 hieß sein Trainer dort ... Reinhold Fanz: „Da hatte ich kein Problem mehr mit ihm, wir haben uns ausgesprochen.“ Milovanovic war fortan aber immer wieder verletzt, musste sich an der Achillessehne operieren lassen: „Es war der Anfang vom Ende meiner Karriere.“

"Hannover gehört in die erste Liga"

Dass Braunschweig nächste Saison wieder mit 96 zusammen in einer Liga spielt „freut mich nicht“, sagt Milovanovic – und liefert die schnelle Begründung: „Ich gönne Braunschweig den Aufstieg in die zweite Liga – aber Hannover gehört in die erste Liga.“

Was hätte er in seiner Karriere anders laufen können? „Eigentlich nichts“, sagt Milovanovic. „Ich hätte mir nur gewünscht, in Hannover bleiben zu können.“ Hat er noch Kontakt zu 96? „Ab und zu schreibe ich bei Instagram mit Leo Manzi, auch mit Otto Addo und Gerald Asamoah.“

Und was macht Hannovers Aufstiegsheld heute? „Ich habe mit einem Freund in Krusevac eine Sporthalle gebaut und eine Fußballschule geleitet. Seit acht Jahren bin ich jetzt Chiropraktiker. Außerdem betreue ich einige Basketballer der serbischen Nationalmannschaft, sozusagen als Privatmasseur.“ Und dann sagt Milovanovic, das, was ihn so sympathisch macht: „Ich bin zufrieden.“