20. Oktober 2021 / 07:00 Uhr

Als Hansa-Trainer Eilts in St. Pauli gefeuert wurde

Als Hansa-Trainer Eilts in St. Pauli gefeuert wurde

Sönke Fröbe/Christian Lüsch
Ostsee-Zeitung
Dieter Eilts war bis März 2009 Trainer des FC Hansa Rostock.
Dieter Eilts war bis März 2009 Trainer des FC Hansa Rostock. © Frank Söllner
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Trainerrauswurf, Führungskrise, Blocksturm, Krawalle: Das Zweitligaduell am Hamburger Millerntor im März 2009 war eines der brisantesten zwischen Koggen- und Kiezklub. 

Die Stimmung bei Hansa war hochexplosiv im März 2009. Die Mannschaft taumelte als Zweitliga-Vorletzter dem erstmaligen Absturz in die Drittklassigkeit entgegen, der glücklose Trainer Dieter Eilts stand vor dem Aus und die gesamte Klubführung wankte. Der Koggenklub stand am Abgrund und ausgerechnet Erzrivale FC St. Pauli konnte ihm den möglicherweise entscheidenden Stoß versetzen. Das war die Gemengelage, als Hansa an einem Freitagabend unter Flutlicht am Millerntor spielen musste. „Siegen oder fliegen“, hatte Manager Rene Rydlewicz Trainer Eilts als unmissverständliche Botschaft mit auf den kurzen Weg von Rostock nach Hamburg gegeben.

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Der frühere Hansa-Profi Rydlewicz hatte erst wenige Tage zuvor Herbert Maronn als Sportchef abgelöst und schnell durchblicken lassen, dass er Ex-Europameister Eilts nicht für den richtigen Mann auf der Rostocker Trainerbank hielt. Denn die Bilanz des Werder-Idols war katastrophal: Ganze fünf Punkte holte er aus neun Spielen. Die tiefe sportliche Krise der Mecklenburger hatte sich längst zur Führungskrise ausgewachsen. Noch vor Hansas Spiel beim FC St. Pauli erklärte Aufsichtsratschef Adalbert Skambraks am Nachmittag seinen Rücktritt. „Weil Medienvertreter es nicht schaffen, mich auf ihre Linie zu bekommen“, hieß es unter anderem in seiner skurrilen schriftlichen Begründung.

So begann der Tag, der als einer der kuriosesten in Hansas Nachwende-Historie eingehen sollte. Skambraks’ Nachfolger wurde von Hansa aus dem Tschechien-Urlaub zurück in die Heimat geholt: Hans-Ulrich Gienke. Der Radio-Manager wusste schon auf seiner ersten Dienstfahrt nach Hamburg, dass sein neues Amt als Aufsichtsratschef „nicht vergnügungssteuerpflichtig“ sein würde.


Hansa-Trainer seit 1990:

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Ex-Trainer von Hansa Rostock ©

Das galt auch für Hansas Spiel und vor allem dessen Begleitumstände am Abend. Schon vor dem Anpfiff kam es zu schweren Ausschreitungen mit verletzten Polizisten und Fans beider Seiten. An einem U-Bahnhof in Stadionnähe setzte die Polizei sogar einen Wasserwerfer ein, weil Rostocker Chaoten Flaschen und Feuerwerkskörper geworfen hatten.

Im Stadion blieb die Atmosphäre vor 22 000 Zuschauern aggressiv, obwohl Hansa schnell mit 2:0 führte und das Spiel in der ersten Halbzeit beherrschte. Als die Mannschaften nach der Pause aus den Kabinen zurückkehrten, enterten Chaoten den Zaun des Gästeblocks, entrollten ein Transparent mit der Aufschrift „Hansa-Hooligans - wir scheißen auf Erfolge, wir wollen nur Randale“ und zündeten Feuerwerkskörper. Vor dem Anpfiff hatten etwa 400 Chaoten die Polizeiabsperrungen durchbrochen und sich unkontrolliert Zugang zum Rostocker Block verschafft. In der zweiten Halbzeit kippte das Spiel, St. Pauli gewann mit 3:2 und Eilts verlor seinen Job. Nicht nur Klubchef Dirk Grabow war fassungslos. Er kauerte am Ende dieses Chaostages mit aschfahlem Gesicht in den Stadionkatakomben.

Der Hansa-Trainer schaute nach dem Abpfiff mit verschränkten Armen und glasigen Augen auf das Spielfeld, ehe er bei der Pressekonferenz Galgenhumor zeigte: „Ja, soll ich denn laufen?“, entgegnete Eilts einem Journalisten auf die Frage, ob er mit dem Teambus zurück nach Rostock fahren werde.

Wenige Minuten zuvor war dem 44-Jährigen mitgeteilt worden, dass seine Dienstzeit bei Hansa nach nur 104 Tagen beendet ist. Nach einem der brisantesten Duelle zwischen den beiden Nordvereinen, deren Fanszenen sich bis heute spinnefeind gegenüberstehen, erhielt Dieter Eilts ausgerechnet vom Gegner Unterstützung: Als „unanständig“ bezeichnete St. Pauli-Präsident Corny Littmann das „Siegen-oder-fliegen“-Ultimatum von Rydlewicz. Pauli-Trainer Holger Stanislawski fand es „bedenklich für den Trainerjob: Das grenzt fast an Körperverletzung“.

Noch am selben Wochenende wurde Andreas Zachhuber von Hansa als Nachfolger präsentiert. Der Ex-Profi stellte sich mit klarem Plan und markiger Ansage vor: „Wir haben noch 88 Tage Zeit, Vollgas zu geben. Ab sofort heißt es: Kopf hoch, Brust raus, Schluss mit dem Geheule.“ „Zacher“ gab den Lokführer und riss alle mit. „Wer nicht bereit ist, in diesen Zug einzusteigen, der hat bei mir keine Chance“, kündigte er an. Ihm gelang es, die explosive Stimmung abzukühlen. In den elf Spielen bis zum Saisonende blieb Hansa ungeschlagen und schaffte den Klassenerhalt.