12. Februar 2021 / 07:35 Uhr

Als Titel-Prämie eine Luftmatratze: Chemie Leipzigs "Don Quijote" Horst Slaby wird 80

Als Titel-Prämie eine Luftmatratze: Chemie Leipzigs "Don Quijote" Horst Slaby wird 80

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Mit der BSG Chemie feierte Horst Slaby (l.) seine größten Erfolge.
Mit der BSG Chemie feierte Horst Slaby (r.) seine größten Erfolge. © Westend-Presseagentur
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Er machte 280 Spiele für die BSG Chemie Leipzig, feierte mit den Leutzschern unter Coach Alfred Kunze die sensationelle Meisterschaft 1964 und erforschte später an der DHfK den Fußball. Am Freitag feiert Horst Slaby seinen 80. Geburtstag.

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Leipzig. Als einziger 64er Meisterspieler der BSG Chemie schoss er nie ein Pflichtspieltor, bekam als Titel-Prämie eine Luftmatratze mit dem Stempel „Ausschussware“ und war 1989 als Trainer für einen falschen Wechsel verantwortlich, der die BSG die Punkte und ihn den Job kostete: Horst Slaby hat viel erlebt in seiner Karriere. Vor allem die sensationelle DDR-Meisterschaft 1964, Pokalsieg und EC-Spiele machten ihn zur Legende: Am Freitag feiert der einstige Dauerläufer und Mittelfeld-Terrier seinen 80. Geburtstag.

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Kein Pflichtspieltor für Chemie

Dabei waren ihm die Erfolge lange Zeit gar nicht sicher. Als Alfred Kunze 1961 in Espenhain auftauchte, wo Slaby als 19-Jähriger spielte, wollte er eigentlich dessen Mannschaftskameraden Seidel beobachten. Der war krank, dafür machte Slaby das Spiel seines jungen Lebens und erzielte beim 6:3-Sieg drei Treffer. So landete er bei Kunzes SC Lok im Stadion des Friedens und wurde 1963 mit dem „Rest von Leipzig“ nach Leutzsch geschickt. „Ich war froh, dass Alfred Kunze mein Trainer blieb und hatte kein Problem, beim angeblichen Rest gelandet zu sein“, erzählt der lebensfrohe und fidele Slaby. Chemie spielte sich in die Herzen der Leipziger, siegte sich zum Titel und schuf so eine unsterbliche Legende.

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Horst Slaby war als Defensivmann immer dabei (280 Spiele für Chemie). Nur ein Pflichtspieltor gelang ihm nie: „Das hat einfach nicht geklappt. Dafür habe ich hinten den Laden mit zusammengehalten.“ Noch heute amüsiert er sich über die Meisterprämie: „Es gab 600 Mark, eine Aktentasche und eine Luftmatratze. Die hatte einen Stempel ,Ausschussware’. „Das hat man gemacht, um die Dinger aus dem eigentlich für den Handel bestimmten Kontingent herauszuschmuggeln“, lacht Slaby.

Als Trainer ein "Don Quijote"

1971 machte er Schluss und wurde für 15 Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe Fußball an der DHfK. Die dortigen Erkenntnisse entsprachen höchstem internationalen Niveau, allein es gelang nicht, sie in die Praxis zu transferieren. Horst Slaby vermutet die Ursachen in mangelnder Motivation: „Es ging den Fußballern doch gut, viel mehr war nicht zu erreichen. Es gab weder riesige Summen an Geld zu verdienen noch stand ein Wechsel ins Ausland zur Debatte. Also richteten sie sich im System DDR gemütlich ein – mit den bekannten Folgen.“ Die Clubs und die Nationalelf agierten nur punktuell auf internationalem Top-Niveau.


Die Meisterelf der BSG Chemie 48 Jahre nach ihrem Triumph: Bernd Rohr, Klaus Liesiewicz, Helmut Schmidt, Hans-Georg Sannert, Manfred Walter, Dieter Scherbarth, Horst Slaby, Wolfgang Krause, Bernd Bauchspieß, Wolfgang Behla, Heinz Herrmann, Klaus Günther (v.l.n.r.).
Die Meisterelf der BSG Chemie 48 Jahre nach ihrem Triumph: Bernd Rohr, Klaus Liesiewicz, Helmut Schmidt, Hans-Georg Sannert, Manfred Walter, Dieter Scherbarth, Horst Slaby, Wolfgang Krause, Bernd Bauchspieß, Wolfgang Behla, Heinz Herrmann, Klaus Günther (v.l.n.r.). © Christian Modla

1986 kehrte er in die Praxis zurück und heuerte bei Chemie als Trainer an. Dort begann seine Zeit als „Don Quijote“, er lief permanent gegen Widerstände an. In der Beschaulichkeit der zweithöchsten DDR-Spielklasse scheiterte er an gewaltigen Unterschieden im Anspruchsdenken. Zum Beispiel am Widerstand bei Spielern, die eigentlich nicht aufsteigen wollten: „Es gab immer das gleiche Geld. In der zweiten Liga hast du von zehn Spielen acht gewonnen. In der ersten nur zwei von zehn. Also worin sollte da der finanzielle Anreiz bestehen?“, fragt sich Slaby noch heute.

Geburtstagsfeier via Facetime

Zudem gab es Intrigen, Machtkämpfe und sportliche Schwächungen durch Einberufungen zur Armee und „Delegierungen“ zu Lok. Allein drei Spieler mussten in dieser Zeit nach Probstheida wechseln, mit Barth und Zimmerling zwei Stützen der Elf. Zu allem Überfluss passierte ein Wechselmalheur in Nordhausen, wo Chemie 2:0 gewonnen hatte, aber einen älteren Spieler zu viel eingewechselt hatte. Slaby war zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr auf der Bank, musste aber seinen Kopf hinhalten, als das Spiel mit einer Niederlage gewertet wurde. Er wurde U16-Nationaltrainer, ehe er zehn Jahre als Erzieher und Sportlehrer in Niedersachsen arbeitete.

Heute hat er seinen Frieden gemacht und sieht die Dinge optimistisch. Lange ausschlafen und ein ausgiebiges Frühstück sowie viel Bewegung sind ihm wichtig. Traurig ist er nur, dass seine geplante Geburtstagsparty im größeren Kreis ausfallen muss. Auch hierfür hat er eine ganz pragmatische Lösung: „Die Familie trifft sich eben 17 Uhr in einem Facetime-Chat. Da können wir zusammen etwas Zeit verbringen.“ Und abends wird er mit seiner Traudel ganz gemütlich auf der Couch mit einem Gläschen Sekt anstoßen – und an seine Kameraden und Mitspieler aus alten, großen Zeiten denken.