08. Januar 2021 / 17:07 Uhr

Als Willi Kietsch aus Seggebruch Oliver Bierhoff an der Torwand besiegte

Als Willi Kietsch aus Seggebruch Oliver Bierhoff an der Torwand besiegte

Daniel Kultau
Schaumburger Ztg. / Schaumburger Nachrichten
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Willi Kietsch (rechts) erklärt Michael Steinbrecher (links), dass sein Team als Nächstes gegen den TSV Eintracht Bückeberge antreten muss. Oliver Bierhoff hört gespannt zu. © Screenshot ZDF
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Inzwischen tritt jede Woche ein Amateur an der Torwand des "Aktuellen Sportstudios" gegen einen Profi an. Der erste Amateur war Willi Kietsch aus Seggebruch - und das eher zufällig.

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„Wollen wir nicht jemanden aus dem Publikum nehmen?“ Als der damalige Fußball-Nationalspieler und heutige DFB-Teammanager Oliver Bierhoff diese Frage vor gut 20 Jahren im Aktuellen Sportstudio kurz vor der Europameisterschaft 2000 stellt, hält es Willi Kietsch nicht mehr auf seinem Platz. Der Seggebrucher springt nur eine Sekunde nach dem Ende der Frage auf, geht auf Bierhoff und Moderator Michael Steinbrecher zu und ist damit der erste Nicht-Promi an der legendären Torwand des ZDF. „Ja, da isser schon“, stellt auch Steinbrecher fest.

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Jede Sendung gesehen

Der heute 68-jährige Kietsch war mit seiner Frau und drei Freunden ins Studio nach Mainz gereist. „Wir haben drei Jahre gebraucht, um die Karten zu bekommen“, erzählt er. Der Andrang für die Traditionssendung ist bis heut ungebrochen groß. Seit 1963 flimmert sie am Samstagabend über die Bildschirme – damals noch live, heute einstündig verzögert aufgezeichnet. „Ich hab jede Sendung gesehen und wollte dort unbedingt mal hin“, verrät Kietsch. „Ich bin mit Leib und Seele immer Fußballer gewesen.“ Früher selbst aktiv für den TSV Hespe, später als Jugendtrainer der JSG Samtg. Niedernwöhren/Enzen, heute am Spielfeldrand als Griller bei Heimspielen des TuS SW Enzen. „Ich mache die Kreisliga-Wurst, auch in der Bezirksliga.“ Aber auch außerhalb des Fußballs ist er aktiv. Er fährt beispielsweise den Anrufbus und ist im Blutspendeteam des Deutschen Roten Kreuzes.

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Die Kreisliga-Wurst in der Mache: Heute ist Willi Kietsch der offizielle Griller der TuS SW Enzen. © pr.

An diesem Abend war Oliver Bierhoff der einzige Gast. Bis dahin waren es immer zwei, die am Ende der Show an der Torwand gegeneinander schossen. „Ich habe schon auf der Hinfahrt geflachst, dass ich heute auf die Torwand schießen würde.“ Während seine Freunde lachten, ahnte seine Frau schon Böses. „Wenn der Willi das will, dann macht er das“, sagte sie.

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Nach der Zusammenfassung der Fußball-Testländerspiele und dem Formel-1-Qualifying des Tages, war es Zeit für das Torwandschießen. Einem „Wollen wir nicht jemanden aus dem Publikum nehmen?“, folgte ein „Ja, da isser schon“ und dann stand Kietsch plötzlich zwischen den beiden Sportgrößen. „Ich war total nervös, aber wir hatten einen Platz in der ersten Reihe. Das war mein Vorteil“, gibt der 68-Jährige zu. Trotzdem nahm er sich noch die Zeit, seine Mannschaft, die A-Junioren der JSG Samtg. Niedernwöhren-Enzen, vorzustellen. Die hätten nämlich wenige Tage später ihr „Endspiel“ gegen den TSV Eintracht Bückeberge. „Wir brauchen noch einen Punkt aus zwei Spielen, um in die Bezirksliga aufzusteigen“, erklärte der Sportstudio-Fan. Bierhoff grinste anerkennend, hörte sich die Geschichte gerne an, Steinbrecher wünschte viel Erfolg und dann ging es los.

Die ersten drei unten rechts setzte Kietsch daneben, aber auch Bierhoff traf nicht. Kietschs vierter Schuss oben links ging auch nicht rein, doch die letzten beiden Schüsse saßen. Das Publikum grölte, jubelte und roch die Überraschung. „Da war eine Riesenstimmung“, erinnert sich der doppelte Torwandschütze. Weil Nationalstürmer Bierhoff nicht mehr traf, gewann Kietsch das Duell mit 2:0. Und der Trubel ging weiter.

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Schuss Nummer fünf: Willi Kietsch nimmt Anlauf. Gleich schlägt der Ball oben links ein. © Screenshot ZDF

Bereits am nächsten Morgen beim Frühstück in einem Mainzer Hotel klingelte das Handy des Seggebruchers das erste Mal. Ein Redakteur aus Hannover bekam von der Story Wind und fragte nun nach einem Interview. Über den FC Stadthagen kam dieser Redakteur damals an den damaligen Manager Reinhard Stemme, der ihn an Kietschs Sohn Torben weiterleitete. Der rückte die Nummer seines Vaters raus. Es folgten Artikel, auch in dieser Zeitung, schließlich hatte ein Schaumburger den Nationalstürmer an der Torwand besiegt. Im Anschluss hatte der Seggebrucher noch mal Kontakt zu Bierhoff, fragte ihn nach Tickets für ein Länderspiel für seine Jugendmannschaft. „Er hat mir auch geantwortet, dass es nicht möglich wäre, aber hat mir ein Trikot der Nationalmannschaft mit Unterschriften der Spieler geschickt. Das fand ich auch nicht schlecht.“ Das Trikot kam 2001 bei der Jahreshauptversammlung seines Vereins unter den Hammer. „Das Geld haben wir in einen Bulli für den Jugendfußball investiert.“

NDR2 kürt Kietsch zum Fußball-Wunder des Nordens

Zeitsprung in den Oktober 2003. Der Fußballfilm „Das Wunder von Bern“ kam in die deutschen Kinos. Der Radiosender NDR2 suchte in den Zusammenhang nach dem „Fußballwunder des Nordens.“ „Ach, schreibst du mal hin“, dachte sich Kietsch und erzählte dem Radiosender seine Sportstudio-Geschichte. „Die haben mich erst mal staunend gefragt, ob das überhaupt stimmt. ‚Ja klar’, habe ich gesagt.“ Sie waren davon dann so begeistert, dass Sportreporter Alexander Bleick bei Kietsch anrief und ihm eine Reportage, im Stil einer Sportübertragung, über seinen Auftritt als ersten Preis produzierte. Noch heute hat Kietsch den rund anderthalbminütigen Mitschnitt auf einer CD. „Das ist ja sagenhaft, ganz toll“, freute sich Kietsch damals im Radio. So darf sich der Bierhoff-Bezwinger seitdem auch als das „Fußballwunder des Nordens“ bezeichnen. Und das dank dieses einen Tages im Juni 2000, den er wohl sein Leben lang nicht vergessen wird.