03. Februar 2021 / 10:50 Uhr

Alte Weggefährten erinnern sich an Erich Siegel: "Es ging nicht ums Geld"

Alte Weggefährten erinnern sich an Erich Siegel: "Es ging nicht ums Geld"

Winfried Wächter
Leipziger Volkszeitung
Erich Siegel2
Turf-Experte Erich-Siegel und Frau Marianne im Leipziger Scheibenholz. © Archiv
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Anlässlich des 100. Geburtstag der verstorbenen Galopp-Legende Erich Siegel, erinnern sich fünf Weggefährten an den Mann, der ein besonderes Gespür für die edlen Rösser hatte und ohne den ein Besuch auf der Leipziger Galopprennbahn jahrzehntelang undenkbar war.

Clemens Meyer: "Stimme ist unvergesslich"

"Die Stimme Erich Siegels wird wohl für immer über die Rennbahn wehen, zum nahen Clara-Zetkin-Park gehörte sie ja in den goldenen Rennsportzeiten wie die Bäume und die Wiesen, da standen die Zuschauer und Angelockten auch dicht an dicht hinter den Zäunen... Als ich Mitte der 90-er ab und an mit meinem Hund auf der Rennbahn war, kommentierte er auch noch die Rennen und ich erinnerte mich an diese unverwechselbare Stimme, der ich als Kind gelauscht hatte, geheimnisvolle Sprache des Kommentators oben im Turm..."

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"Auch später war er eigentlich immer da, und auch nach seinem Tod im Jahr 2009 durch das „Erich Siegel Gedächtnisrennen“ präsent, aber auch in den Gesprächen der Rennbahn-Urgesteine, ob sie nun Hirschberger oder Schirm hießen. Da erklangen dann die Namen der legendären Pferde, Jockeys und Trainer und Siegel immer mittendrin."

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"Ich erinnere mich, wie der Leipziger Hengst „Nemo“ einmal das „Erich Siegel Gedächtnisrennen“ gewann, 2012, hauchdünn, drei Pferde auf einer Linie, das war Rennsport, das hätte Erich Siegel gefallen. Der Leipziger Reit- und Rennverein wird Erich Siegel auch in diesem schwierigen Rennsport-Jahr ehren, ein Mann, der für die Vollblüter lebte."

Clemens Meyer, 43, schreibt in regelmäßigen Abständen über seine große Liebe, den Galoppsport. Er ist auch Vizepräsident des Rennvereins.

Jens Sorge: „Er war mein Vorbild“

"Erich Siegel hat sich enorme Verdienste um die Rennbahn im Scheibenholz erworben. Man kann von den älteren einst mit dem Galopprennsport verbundenen Menschen noch heute fragen wen man will – von Erich Siegel wird stets mit großer Hochachtung gesprochen."

"So auch von mir. Mit Erich Siegel war ich freundschaftlich und während meiner Tätigkeit bei der Fachzeitung Rennkurier auch beruflich eng verbunden. Das Vorbereiten für den Druck seiner von herausragender fachlicher Qualität geprägten Manuskripte war mir stets eine besondere Freude. Egal, ob Nachschauen über die Renntage oder züchterische Artikel – absolute Spitze. Noch heute ist mein Fundus seiner Pedigree-Artikel beträchtlich groß."


"Da ich aus Leipzig stamme und meine Mutter bis zum 99. Lebensjahr in Markkleeberg wohnte, verging kein Besuch bei ihr ohne bei Siegels einige Stunden zu verbringen. Gespräche mit Erich Siegel haben mir viel gegeben, er war und ist für mich ein großes Vorbild. Da habe mich sehr gefreut, als ich ihn und seine Frau einmal auch als Gäste für zwei Tage in meinem Haus in Neuenhagen (Nachbarort von Hoppegarten) begrüßen durfte."

Jens Sorge, 77, war lange Jahre Redakteur der Fachzeitschrift Rennkurier und berichtet heute noch – auch für die LVZ – vom Galoppsport.

Winfried Wächter: "Es ging nicht ums Geld"

"Ein müdes Lächeln war es nur. Mehr hatte Erich Siegel nie für meine euphorischen Berichte übrig, wenn ich ihm wieder einmal von einem Gewinn berichtet hatte. Gut, die Formulierung wieder einmal ist doch etwas übertrieben, denn so oft habe ich beim Pferderennen nun auch nicht gewonnen. Aber manchmal schon, und dann hatte ich mich meistens auf seine Tipps bezogen, die er jahrzehntelang absolut zuverlässig lieferte. Ich vertraute ihm immer blind, denn niemand wusste mehr über Pferde, deren Abstammung sowie ihrer Stärken und Schwächen auf langen oder kurzen Strecken und den jeweiligen Zustand des Geläufs als er."

"In seinen letzten Jahren hatte er sich noch einen Computer zugelegt und baute sich ein modernes Archiv auf. Das fand ich überaus bemerkenswert. Jedenfalls fragte ich ihn, ob ich nicht doch eher auf dieses oder eben jenes Pferd setzen sollte. Er lächelte dann, wie gesagt müde, und sagte nur: „Egal, den Buchmacher wird’s freuen.“ Erich Siegel selbst hat nicht gewettet. Wenn doch, wäre er mit seinem Wissen reich geworden. Doch darum ging es ihm nie. Ihm ging es immer um die Pferde und den Sport."

Winfried Wächter, 67, war von 1990 bis 2014 Sportchef der LVZ und hat das Geschehen im Scheibenholz stets mit besonderem Interesse verfolgt.

Uwe Köster: "Ein spezieller Humor"

"Meine erste Begegnung mit Erich Siegel ist mir noch gut in Erinnerung. 1990 war das, auf der Rennbahn in Halle. Ich traute mich kaum, ihn anzusprechen, so groß war der Respekt. Als er bei einem Pferd die Abstammung bis in die sechste Generation aufzählte, verschlug es mir die Sprache. Ich fragte ihn, woher er das alles wisse. „Junger Freund“, antwortete er, „das hat mit Interesse zu tun“. Interesse scheint mir in seinem Fall untertrieben. Der Rennsport war seine Leidenschaft, die Pferde sein Leben."

"Neben seinem gigantischen Wissen und seiner Kollegialität ist mir sein besonderer Humor in Erinnerung. Nein, er war kein Witze-Erzähler, das ging eher Richtung Ironie. „Die Kommunisten haben die Bahn ordentlich übergeben“, sagte er 2004, als wir über die marode Tribüne diskutierten. Mit dem Hype um den Renntag am 1. Mai konnte er nie viel anfangen. „Selbst wenn Esel um die Wette rennen, würden die Leute am 1. Mai kommen.“"

"Auf den Bahnen fast immer an seiner Seite war Ehefrau Marianne. Unvergessen ihre Antwort auf meine Frage, ob daheim auch viel über Pferde gesprochen werde: „Was denken sie denn? Wenn ich ein Pferd wäre, hätte ich es leichter mit ihm.“"

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Uwe Köster, 59, berichtet seit 1990 vom Galoppsport. Er empfand es als Ehre, dass ihm Erich Siegel schon bei der zweiten Begegnung das Du angeboten hat.

Hans-Volkmar Gaitzsch: "Eine Stunde Birkhahn"

"Im Jahr 1946 war ich zum ersten Mal auf der Rennbahn im Scheibenholz, seitdem begeistere ich mich für den Galoppsport. Mitte der 1950-er Jahre hatte ich dann zum ersten Mal Kontakt mit Erich Siegel. Sein Wissen war ungeheuer groß, sein Gedächtnis geradezu phänomenal. Es gab wirklich nichts, was er in Bezug auf Rennpferde nicht wusste."

"2006 haben wir ein Symposium über Birkhahn in Kirchberg bei Bad Harzburg veranstaltet. Von dem legendären Galopper, dem einzigen Pferd, das das Derby in Ost und West gewann, hat Erich sein Leben lang geschwärmt. Eine Stunde lang hat er frei gesprochen – über Birkhahn! 20 Minuten waren eingeplant. Das hat mich extrem beeindruckt, ich habe den Vortrag noch auf CD."

"Acht Tage vor seinem Tod habe ich ihn im Krankenhaus besucht und ihm dabei versprochen, dass sein Archiv erhalten bleibt und fortgesetzt wird. Das haben wir gemacht. Über dem Stallgebäude gibt es ein Archiv mit Bibliothek, daneben ein Traditionskabinett und seit 2010 auch einen Erich-Siegel-Gedächtnisraum. Dort steht sein Computer und auch sein kompletter Nachlass. Seit 2010 gibt es einmal im Jahr das Erich-Siegel-Gedächtnisrennen. Die Ehrenpreise stifte ich."

Hans-Volkmar Gaitzsch, 78, ist seit seinem ersten Rennbahn-Besuch vom Turf-Virus infiziert und hat bereits mehrere Bücher zum Rennsport geschrieben.