02. September 2021 / 10:25 Uhr

Spielergehälter im Amateurfußball: Es geht um viel Geld

Spielergehälter im Amateurfußball: Es geht um viel Geld

Horst Schreiber
Ostsee-Zeitung
Geld fürs Kicken: In der 6. Liga ist die Bezahlung von Amateurfußballern mittlerweile Normalität.
Geld fürs Kicken: In der 6. Liga ist die Bezahlung von Amateurfußballern mittlerweile Normalität. © Horst Schreiber
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Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich Amateurfußballer durchs Kicken etwas dazuverdienen. Wie viel Geld genau im Umlauf ist, weiß keiner. Bis zu 1000 Euro pro Monat sind bei Sechstligisten im Gespräch. Finanziert wird das oft durch Investoren, die sich dadurch ein sportliches Mitspracherecht erkaufen wollen.

Dieser Artikel ist Teil des Amateurfußball-Bündnisses #GABFAF. Mehr Infos auf gabfaf.de.

Ein Fußballer sitzt am Tisch der Vereinsgeschäftsstelle, lächelt in die Kamera und reckt den Daumen nach oben. In der anderen Hand hat er einen Stift und setzt zur Unterschrift unter seinen neuen Vertrag an. Schwungvoll signiert. Handschlag mit Trikot. Verpflichtet!

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Diese Szene ist bei Profiklubs Standard bei der Präsentation von Neuzugängen oder Vertragsverlängerungen. Doch auch in der 5. und 6. Liga wird sich recht häufig so oder so ähnlich inszeniert.

Dass sich einige Sportler durchs Kicken etwas dazuverdienen, ist ein offenes Geheimnis. Wie viel Geld in Ober- und Verbandsliga oder gar in noch tieferen Spielklassen im Umlauf ist, ist nur schwer bezifferbar. Die Vergütungsmodelle sind vielfältig, die Unterschiede innerhalb einer Liga, zwischen Bundesländern und Sportarten groß.

„Angefangen hat es mit ’nem ‚Fuffi‘ im Briefumschlag“

In Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise ist von 1000 Euro Gehalt für Spieler bei einem aktuellen Verbandsligisten die Rede. Ein anderer lockte einen Akteur mit der Aussicht auf 650 Euro pro Monat und dem damit verbundenen Status „Topverdiener“. Ein Gespräch zwischen zwei Funktionären ist überliefert: Der Eine habe die Verwunderung des Anderen über 500-Euro-Gehälter mit den Worten „Das ist doch nichts“ abgetan. Bei Wechseln von der 6. in die 5. Liga können sich die Geldspritzen für Spieler durchaus verdoppeln.

Nicht immer fließt das Geld zu den Spieler regelmäßig und als Überweisung auf das Konto. Die Wege sind vielfältig: Einmalzahlungen, Sieg-, Punkt-, Trainingsprämien in bar. Den Spielern wird Ausrüstung, Tankgeld oder ein Auto bezahlt. Einige Kicker werden auch als Nachwuchstrainer geführt, um Aufwandspauschalen zu rechtfertigen. Als Bonbon wird mit Grundstücken oder Jobs gelockt. Beispielsweise werden sie beim Sponsor angestellt – zur Not auch pro forma.

„Angefangen hat es mit ’nem ‚Fuffi‘ im Briefumschlag“, sagt ein ehemaliger Verbandsliga-Fußballer, der zwar die Information, nicht aber seinen Namen preisgeben möchte – und ergänzt: „Man kann mit den Vereinen pokern. Aber ich habe mich fast geschämt, für die 6. Liga Geld zu bekommen.“


Die Abramowitschs der Amateurklassen

Vereine streben zwar nach wertvollen Spielern. Die Kosten für ihr Personal lagern sie aber am liebsten aus. Ein Spieler, der 250 Euro bekommt, kostet den Verein – beispielsweise durch Abgaben an die Berufsgenossenschaft, die Spieler zusätzlich versichert – etwa 100 Euro mehr. Oftmals springt der Hauptsponsor, der bei Vertragsunterzeichnung gern mit am Tisch sitzt, ein. Wenn die Vorstellungen zwischen den Parteien um hunderte Euro auseinanderliegen, sind es selten die Vereinsvertreter, sondern die Investoren, die eine Anstellung des Spielers absegnen und letztlich finanzieren.

Die spendieren auch mal nach Siegen 1000 Euro für die Mannschaftskasse. „Es gibt Investoren, die buttern viel rein – und nehmen sich dann auch viel sportliches Mitspracherecht raus“, berichtet ein Fußballer, der anonym bleiben möchte.

Wissenschaftler Tim Frohwein sieht eine zunehmende Präsenz von privaten Geldgebern im Amateurfußball. Gegenüber fußball.de sagte er: „[Ich] glaube, dass Abramowitsch (Mäzen des FC Chelsea/Anm. Redaktion) & Co. für viele wohlhabende Leute in gewisser Weise auch ein Vorbild sind. Sie wollen dem eigenen Verein, dem Verein ihres Herzens, helfen und greifen ihm daher finanziell unter die Arme.“

Ein ehemaliger Trainer in MV stützt diese These mit eigenen Erfahrungen: „Viele Kleinstädte und Dörfer gönnen sich Verbands- und Oberligafußball. Für sie ist der Sport das ,Tor zur Welt’. Das ist ein Höhepunkt des Gemeindelebens, wenn hunderte Fans aus Berlin oder vom Lokalrivalen zum Spiel anreisen. Deshalb investieren örtliche Betriebe und wohlhabende Leute, die dort aufgewachsen sind, in die Sportanlagen, den Verein, die Mannschaft.“

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Fußballer sind überbezahlt

Eine Untersuchung der Deutschen Sporthochschule Köln von 2019 hat ergeben, dass reine Amateurfußballvereine in Deutschland durchschnittlich 39 300 Euro einnehmen und 36 850 Euro pro Jahr ausgeben. Die „Zahlung an SportlerInnen“ steht mit knapp 3300 Euro an fünfter Position im Ranking der Vereinsausgaben. „Hierbei zeigt sich nach wie vor, dass die durchschnittlichen Ausgaben für Zahlungen an SportlerInnen in den reinen Fußballvereinen deutlich über denen in Mehrspartenvereinen mit Fußball liegen“, schreiben die Autoren. Übersetzt: Amateurkicker werden überdurchschnittlich bezahlt.

Der Aufwand, den Verbandsligakicker für ihr Hobby betreiben, ist groß. Sie tingeln drei- bis fünfmal pro Woche durch MV, verbringen den halben bis ganzen Tag mit Fußball. Doch das Pensum von Zweitliga-Volleyballern, Viertliga-Handballern oder Leistungssportlern in Einzeldisziplinen ist mindestens genauso hoch. Die Vergütung nicht. Weil das Interesse am Fußball am größten ist, werden die Kicker am besten bezahlt.

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Amateur ist, wer maximal 249,99 Euro bekommt

Der Deutsche Fußball-Bund legt in seiner Spielordnung, die auch in MV gilt, drei Status von Fußballspielern fest: Als Amateur gilt, wer „Aufwendungsersatz“ bis 249,99 Euro pro Monat erhält. Wer sich im eingangs erwähnten Szenario präsentiert, also einen Vertrag unterzeichnet und Vergütung und/oder geldwerte Vorteile ab 250 Euro erhält, ist Vertragsspieler. Hier werden steuerliche und sozialversicherungspflichtige Abgaben fällig. In die dritte DFB-Kategorie fallen in MV aktuell nur Akteure von Hansa Rostock, die als Teil der Deutschen Fußball Liga als Lizenzspieler gelten.

Auch wenn es keine offiziellen Zahlen gibt, mittlere dreistellige bis niedrige vierstellige Beträge sind in der Verbandsliga MV keine Ausnahme. In der Anstellung der Spieler sind die Vereine kreativ. Von daher ist nur auf den ersten Blick verwunderlich, dass von den rund 440 Spielern der 16 Vereine nur neun als Vertragsspieler beim Landesfußballverband gemeldet sind, die sich auf gerade einmal drei Mannschaften verteilen.

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Die Finanzämter schauen Sportvereinen mittlerweile genauer in die Unterlagen. Einige Klubs mussten hohe Strafen zahlen, weil Kosten falsch abgerechnet und Beiträge nicht entrichtet worden waren. Um Ärger zu vermeiden, bieten die Behörden entsprechende Schulungen für Vereinspersonal an.

MV hängt hinterher

Die Budgets der 16 Verbandsligisten in Mecklenburg-Vorpommern liegen aktuell zwischen 15 000 Euro und 130 000 Euro, durchschnittlich bei etwa 50 000 Euro. In den Etats sind Kosten für Fahrten, Trainer, Schiedsrichter, Material und auch Spieler veranschlagt. Manchmal wird der Posten für Spieler zu groß, um in der höchsten Landesspielklasse mithalten zu können. Für den Gnoiener SV war es nach nur einem Jahr Oberhaus das K.o.-Kriterium. Der Etat für die erste Mannschaft des GSV lag 2017/18 bei gerade einmal bei 6000 Euro. „Bei uns wurde und wird kein Geld gezahlt“, sagt Ottmar Schug vom GSV. Die Mecklenburger konnten nicht mehr genügend Spieler für ein zweites Jahr Verbandsliga akquirieren.

Ähnlich erging es etwa Sievershagen 2015 sowie Grimmen und Bützow 2020, nachdem sich dort entscheidende Personen zurückgezogen hatten. Seit 2015 haben sich acht Teams aus der Verbandsliga zurückgezogen. Dazu kommen Abstürze aus Ober- und Regionalliga. Aus der Verbandsligasaison von vor fünf Jahren spielen sieben Mannschaften mittlerweile unterklassig. Immerhin: Vier haben den (finanziellen) Sprung nach oben geschafft.

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Perspektivisch wird in der Verbandsliga Geld eine immer größere Rolle spielen. Der Landesfußballverband schüttet seit ein paar Jahren Geld im Landespokal aus. „Da fragen sicher Spieler mal nach, wenn die Prämien ausgeschüttet werden“, glaubt ein Ex-Trainer. „Wenn ein Verein höher hinaus will, muss er sich an die Preise gewöhnen oder neue Wege gehen. Im besten Fall beides.“ Auf Dauer wird sich wohl kein Verein in der Klasse halten können, der seine Spieler nicht alimentiert.

Dabei geht es im Nordosten noch vergleichsweise gemächlich zu. Wissenschaftler Tim Frohwein hat festgestellt, dass Spielergehälter in Bayern sogar die zweithöchsten Ausgaben eines Fußballvereins sind. „Es ist bis in die untersten Ligen normal geworden, sich mit Fußball etwas dazuzuverdienen“, sagt Frohwein gegenüber der Passauer Neuen Presse. In seiner Diplomarbeit stellte er heraus, dass 86 Prozent der Münchener Bezirksligafußballer (entspricht der Landesliga in MV) Geld fürs Kicken bekommen. Prämien fließen dort sogar schon in der Kreisliga.

MV ist aufgrund der Vereinsdichte, dem fußballerischen Niveau und der Wirtschaftskraft kaum mit deutschen Metropolregionen zu vergleichen. Klubs, die in Reichweite von Hamburg und Berlin – wo mehr gezahlt wird – liegen, konkurrieren aber um die Sportler. Für sie ist es aufgrund der Sogwirkung der Ballungsgebiete ungleich schwerer, wertvolle Spieler für eine Vertragsunterzeichnung zu gewinnen.