20. September 2018 / 09:08 Uhr

Amateurfußball oft im Abseits: SV Thekla und BSG Chemie Leipzig II treiben die Zuschauerzahlen nach oben

Amateurfußball oft im Abseits: SV Thekla und BSG Chemie Leipzig II treiben die Zuschauerzahlen nach oben

LVZ
Leipziger Volkszeitung
Der Rote Stern muss sich über fehlendes Interesse nicht beklagen – die Connewitzer treiben den Zuschauer-Schnitt nach oben.
Der Rote Stern muss sich über fehlendes Interesse nicht beklagen – die Connewitzer treiben den Zuschauer-Schnitt nach oben. © Sylvio Hoffmann
Anzeige

Das Zuschauerinteresse unterhalb der Profiligen sinkt rapide. Die Spiele des Roten Stern und des RB-Nachwuchses sind besser besucht.

Anzeige
Anzeige

Leipzig. Die Tendenz ist so klar wie ernüchternd: Die Zuschauerzahlen im Amateurfußball sinken mehr oder weniger rasant. In der NOFV-Oberliga Süd sank der durchschnittliche Besuch im letzten Jahr von 333 pro Spiel auf 163. Zuvor wurde er drei Jahre lang durch die „Sondereffekte“ 1. FC Lok und Chemie Leipzig noch hochgehalten. Bevor die beiden Traditionsvereine in Liga fünf kickten, lag die Quote 2013/14 auch schon nur bei 191. In der neuen Saison ist Chemie ja wieder dabei, was die Bilanz zumindest zeitweise aufpolieren wird. Doch „ohne Chemie wär‘ hier gar nichts los“, könnten die Fans skandieren.

Die erste Mannschaft der SG Rotation 1950 in Eutritzsch freut sich über einige Stamm-Besucher.
Die erste Mannschaft der SG Rotation 1950 in Eutritzsch freut sich über einige Stamm-Besucher. © Sylvio Hoffmann
Anzeige

Ähnlich die Entwicklung in der Sachsenliga. Dort kamen 2011/12 immerhin gut 300 Besucher pro Spiel. In der abgelaufenen Saison waren es gerade noch 137 – binnen sechs Jahren mehr als eine Halbierung. Und in der Landesklasse Nord (vormals Bezirksliga Leipzig) sank die Quote im gleichen Zeitraum von 182 auf 98. Wenn nicht Roter Stern Leipzig auf 417 Fans pro Heimpartie käme, sähe es noch weit düsterer aus.

„Das ist nicht nur ein Phänomen der hiesigen Region“, weiß Marcus Jeckel, Trainer der SG Taucha. Er war zuvor in Sachsen-Anhalt tätig und musste dort das Gleiche beobachten. „Ich weiß nicht, ob daran die flächendeckende Allzeitfußballversorgung im Fernsehen schuld ist. Ich hoffe ein wenig, dass sich der Trend auch mal wieder umkehrt und das Interesse an volksnahem Fußball für wenig Geld und der Bratwurst am Spielfeldrand wieder zunimmt“, sagt der 43-Jährige: „Derzeit sieht es jedoch nicht danach aus, obwohl der Eintritt im Profifußball sehr teuer ist. Und die diesbezüglichen Möglichkeiten haben speziell in Sachsen in den letzten Jahren wieder zugenommen.“

Mehr aus der Sachsenliga

Der Tauchaer Coach meint RB Leipzig, Dynamo Dresden, Aue, Zwickau oder Jena. In Leipzig nimmt das Interesse am Profibereich durch den RB-Aufstieg in die höchste Spielklasse vor zwei Jahren rapide zu, auch vorher nicht fußballbegeisterte Mitbürger tragen jetzt rot-weiße Fan-utensilien. In die Red-Bull-Arena strömten in der vergangenen Saison im Schnitt 39 336 Zuschauer. Auch bundesweit wird Fußballkultur in Deutschland meist mit den vollen Stadien der Bundesliga in Verbindung gebracht. Im Schnitt 42388 Besucher je Spiel fanden in den letzten sechs Jahren den Weg in die deutschen Arenen – Höchstwert in ganz Europa.

Der Fokus vor allem junger Fußballfans liegt auf Profifußball. Auf Amateurfußballplätzen lässt sich vielerorts nicht einmal der Nachwuchs aus dem eigenen Verein blicken. Uwe Dietrich, Spielausschuss-Vorsitzender des Sächsischen Fußball-Verbandes, glaubt: „Es gibt wohl nicht nur eine Ursache dafür. Es hängt einerseits mit der demographischen Entwicklung zusammen, sagen uns die Vereine. Das breite Sportangebot im Fernsehen hält sicherlich auch manchen vom Gang auf den Sportplatz ab. Und dann halte ich auch die Ligen-Struktur im Amateurbereich derzeit für nicht gerade günstig.“

​Umstrukturierung der Amateurligen hat sinkende Zuschauerzahlen zur Folge

So war die Landesliga vor einigen Jahren noch die vierte Liga, jetzt ist sie nur noch die sechste Ebene. „Die Umstrukturierungen gingen auf Kosten der regionalen Spielklassen“, urteilt Dietrich. „Die Zugpferde und Traditionsvereine wurden dadurch zum großen Teil von uns weggesaugt.“

In der Leipziger Stadtliga waren in allen Spielen der Spielzeit 17/18 lediglich 10 428 Beobachter am Spielfeldrand – das sind 43 je Partie. Schadet das flächendeckende Angebot von Profifußball in Stadion, TV und Netz der Basis – also dem Amateurbereich mit seinen vielen Ehrenamtlichen?

​Kein großer Rückgang der Zuschauer auf Stadtebene

Immerhin: Ein großer Rückgang der schaulustigen Kiebitze ist im Gegensatz zu Landesklasse und -liga auf Stadtebene nicht zu erkennen. 2014/15 lag der absolute Höchstwert bei 15 778 Zuschauern. Dieser war dem Roten Stern anzulasten, der allein über 4000 Fans in dieser Spielzeit zu Hause anlockten und auch auswärts den Sportplatz mehr füllte als üblich. Nach dem Aufstieg der Sterne kamen noch 10 938 Anhänger zu den Spielen der Stadtliga, vorletztes Jahr gab es mit 8190 Zuschauern einen Durchhänger, der überwunden wurde. „Das sind Zahlen, die in Ordnung sind und mit denen wir uns zufrieden geben müssen. Es ist Fakt, dass RB uns einige Zuschauer ,wegnimmt’. Aber wir haben uns alle Top-Fußball in Leipzig gewünscht, von daher ist es verkraftbar“, so Spielausschuss-Vorsitzender Jörg Loeber.

Teams, die den Zuschauerwert nach oben treiben, sind in der Stadt der SV Thekla oder die BSG Chemie II. Das Stadtklasse-Team aus Thekla war zuletzt mit 121 Fans pro Spiel die meistbesuchte Mannschaft aller Ligen im Stadtbereich. In der Stadtklasse gibt es seit 2015/16 einen Aufwärtstrend, kontinuierlich kommen mehr Zuschauer. So waren es vor drei Jahren 7880, 2017/18 waren es 1003 Zuschauer mehr. Neben Thekla ist auch der TSV Böhlitz-Ehrenberg ein zuverlässiger Zuschauermagnet.

​„Je besser wir spielen, desto mehr Menschen kommen zuschauen.“

Uwe Göttlinger, erster Vorsitzender des TSV Böhlitz-Ehrenberg, erinnert sich: „Vor etlichen Jahren kamen einige mehr zu den Spielen. Bei einem Pokalspiel gegen Chemie hatten wir um die 300.“ Werbung mache sein Verein nicht. „Wir haben ja ein wenig Dorfcharakter, deswegen sind es meist Stammkunden, die durch Mundpropaganda Freunde und Bekannte ranholen. Wir versuchen, die Qualität des Teams zu verbessern, mehr Schwung reinzubringen. Je besser wir spielen, desto mehr Menschen kommen zuschauen.“

In den Kreisklassen der Messestadt geht die Tendenz leicht nach oben, in den letzten Spielzeiten ist der Wert von gut 4000 auf 6311 Fans pro Saison gewachsen. Ein Grund ist laut Jörg Loeber das gesunkene Niveau einiger Teams, die einst höherklassig gespielt haben. „Großlehna, Räpitz oder Kitzen – das sind alles gestandene Mannschaften, die jedoch sportlich abgebaut haben. Das Zuschauerpotenzial ist dennoch hoch geblieben, da kommen auch mal 50 Leute zu einem Spiel. Wir haben mittlerweile mehr erste Mannschaften in unseren Kreisklassen, die ziehen natürlich mehr Fans an als eine zweite Mannschaft.“

​Neue Aufteilung macht Staffeln für Fans attraktiver

Der Verband habe versucht, die Staffeln für Fans attraktiv zu machen: „Die Staffeln sind jetzt in Nord und Süd geteilt. So werden die Fahrtzeiten für die Fans kürzer. Noch wichtiger: Es gibt Derbys! Die ziehen immer mehr Leute an.“

Tatsächlich haben „Dorfvereine“ beziehungsweise Mannschaften vom Stadtrand ein höheres Besucheraufkommen. Teams, die wie etwa der Leipziger SC oder Blau-Weiß Leipzig zentraler liegen, zählen eher nicht zu den Zuschauermagneten.

Mit spärlich besetzten Tribünen muss in Leipzig nicht nur der FC Blau-Weiß leben.
Mit spärlich besetzten Tribünen muss in Leipzig nicht nur der FC Blau-Weiß leben. © Sylvio Hoffmann

Deutlich bessere Besucher-Werte als die meisten Amateurvereine erreicht übrigens der Top-Nachwuchs der Stadt. Die U17 von RB steigerte die Zuschauer-Bilanz 2017/18 von 122 auf 232 Fans je Bundesliga-Spiel. Gegen Holstein Kiel kamen im Oktober 2017 sogar 1102 Schaulustige an den Cottaweg. Die meisten wollten allerdings vor allem die Profis beim Auslaufen bejubeln – die hatten am Abend zuvor in Dortmund 3:2 gewonnen. Auch die U19 der Roten Bullen legte zu – von 159 auf 198 Zuschauer je Spiel.

Von Frank Müller, Anton Kämpf und Bjarne Johannsen-Schmidt

Hier #GABFAF-Supporter werden

Wir kämpfen für den Amateurfußball! Trage Dich kostenlos ein und Du bekommst unseren exklusiven Newsletter mit allem, was den Amateurfußball in Deutschland bewegt. Außerdem kannst Du jeden Monat 2000 Euro Zuschuss für Deinen Verein gewinnen und entscheidest mit, wofür #GABFAF sich als nächstes einsetzt.

ANZEIGE: 50% auf dein Jako Herbst-Set! Der Deal des Monats im SPORTBUZZER-Shop.

Die aktuellen TOP-THEMEN