08. Februar 2021 / 16:24 Uhr

Nachwuchsmangel im Amateurfußball: Sind Spielgemeinschaften die einzige Lösung?

Nachwuchsmangel im Amateurfußball: Sind Spielgemeinschaften die einzige Lösung?

Horst Schreiber/Niklas Kunkel
Ostsee-Zeitung
Noch herrscht – auch aufgrund der Corona-Pandemie – kein reges Treiben im Putbus (Rügen). Der neu angelegte Fußballplatz soll aber wieder Spieler zum SVP locken.
Noch herrscht – auch aufgrund der Corona-Pandemie – kein reges Treiben im Putbus (Rügen). Der neu angelegte Fußballplatz soll aber wieder Spieler zum SVP locken. © Bernd Tesch
Anzeige

Die Zahl der Fußballmannschaften geht bundesweit seit Jahren zurück. Vor allem Dorfklubs sind betroffen. Auf Rügen, Deutschlands größter Insel, kämpfen Vereine gegen die Abmeldung der Männermannschaften - auch mit einer Neugründung.

Anzeige

Dieser Artikel ist Teil des Aktionsbündnis #GABFAF. Mehr Informationen auf gabfaf.de.

Der Amateurfußball steht abseits der Ballungsräume vor einem Problem. Bundesweit kickten 2020 4500 Fußballmannschaften weniger im Spielbetrieb als noch 2019. Und das, obwohl die Zahl der aktiven Spieler beim Deutschen Fußballbund (DFB) gestiegen ist. Der Mannschaftsschwund ist kein kurzfristiges Phänomen, sondern anhaltende Tendenz. Allein im Herrenbereich ging die Anzahl der Teams im Spielbetrieb innerhalb von nur fünf Jahren von 55.804 auf 51.920 zurück.

Anzeige

Bisher trotzt Mecklenburg-Vorpommern diesem Trend. Der Landesfußballverband verzeichnete im vergangenen Jahr als einer von nur drei Landesverbänden einen Teamzuwachs. Dieser Anstieg von sieben Mannschaften dürfte durch Rückzüge mittlerweile abgeflacht sein. Zudem könnte die lange coronabedingte Spiel- und Trainingspause den bundesweiten Abwärtstrend auch im Nordosten einleiten.

Mehr von #GABFAF

Insel Rügen als Brennglas der Entwicklung

Wie unter dem Brennglas lässt sich die bundesweite Entwicklung auf Deutschlands größter Insel Rügen ablesen: Waren im Spieljahr 2015/2016 noch 19 Herrenmannschaften im Ligabetrieb, sind es inzwischen nur noch 14. Ein Rückgang von über 25 Prozent innerhalb von nur fünf Jahren. Die Abmeldung der Herrenmannschaft kann das endgültige Aus für die Fußballsparte eines Vereins bedeuten, denn für den Nachwuchs fehlt ohne Herrenmannschaft ein Ansporn. Die Ansätze, um mit dem Ausgangsproblem umzugehen und ihm entgegenzuwirken, sind selbst im kleinen Kreisverband Nordvorpommern-Rügen ganz unterschiedlich.

Spielgemeinschaft statt Lokalrivalität

Bernd Tesch, Vorstandsmitglied beim SV Putbus, hofft, mit neu angelegtem Rasenplatz und Vereinshausrenovierung neue Reize für Fußballinteressierte geschaffen zu haben. „Das Spielfeld am Rande des Schlossparks zieht auf jeden Fall schon“, sagt der Rüganer und ergänzt: „Mittelfristig wird es aber vielleicht darauf hinauslaufen, dass sich immer mehr Vereine zusammentun.“


Sein Kollege Ralf Reinbold, Präsident des 1. FC Binz, bestätigt das. Die Binzer Herren spielen seit zwei Jahren mit der SG Empor Sassnitz erfolgreich in einer Spielgemeinschaft. Zuvor wurde schon der Nachwuchs, aus dem unter anderem Till Plumpe (jetzt FSV Luckenwalde) den Sprung aus der 9. in die 4. Liga geschafft hat, gebündelt. Nun gingen die Verantwortlichen einen Schritt weiter und gründeten aus ehemals drei Fußballabteilungen einen eigenen neuen Verein: SG Insel Rügen.

SG bedeutet Identitätsverlust

„Man verliert dadurch natürlich ganz viel Identität, aber für uns war der Schritt alternativlos. Wir sind froh, dass wir so gute Partner dafür gefunden haben“, erklärt Reinbold. Neben dem 1. FC Binz sind mit PSV Bergen und Empor Sassnitz zwei Traditionsvereine aus den beiden größten Städten auf Rügen im neuen Club verschmolzen. Ein notwendiges Übel, meint Reinbold. „Wir wurden zu diesem Schritt genötigt. Denn Spielgemeinschaften sind im Verband nicht gleichgestellt mit Vereinen und dürfen nur auf Kreisebene antreten. Für viele, gerade die jungen Spieler, ist es aber nicht attraktiv, ohne Aufstiegschance in der Kreisoberliga zu kicken.“

Funktionär sicher: Amateurfußball wird überleben

Die Entwicklungen deuteten sich sowohl in Binz als auch in Putbus an. Von 2011 bis 2015 kämpften sich die Herren des SV Putbus mühsam aus der untersten Liga in den überregionalen Fußball, um plötzlich noch ein Jahr als Spielgemeinschaft mit der Reserve des größten Inselclubs VfL Bergen mitzulaufen und dann ganz zu verschwinden. Die Spieler bekamen Familie, Beruf und Hobby im Erholungsort nicht mehr unter einen Hut. Der Nachwuchs fehlte komplett, weil der engagierte Jugendtrainer starb und nicht ersetzt werden konnte, und 2010 die weiterführende Schule im Ort geschlossen wurde. Von den einst sieben Mannschaften des SVP bliebt nur noch die Altherren-Truppe.

„Durch den Geburtenknick nach der Wende läuft eine Lawine auf uns zu, die wir schon lange sehen können. Es wird aber nicht darauf reagiert“, sagt Ralf Reinbold. Er kennt die Probleme aus erster Hand. Der ehemalige Siebtligist aus dem Ostseebad, knapp zehn Kilometer Luftlinie von Putbus entfernt, hat seit Jahren Probleme, eine eigene Mannschaft im Spielbetrieb zu halten.

Binz und Putbus sind mit ihren Personalsorgen nicht allein. Regionen mit wenig oder – wie auf Rügen – nur saisonalen Arbeitsplatzangeboten und fehlender attraktiver Infrastruktur für Familien werden es immer schwerer haben, Vereinsmitglieder zu gewinnen und zu halten. Bernd Tesch ist dennoch optimistisch: „Fußball wird immer existent sein. Denn das Interesse an regionalem Fußball ist sehr hoch. Die Leute freuen sich, wenn sie Spieler kicken sehen, die sie persönlich kennen. Fußball bringt verschiedene Bevölkerungsschichten zusammen. Bei Spielen herrscht mitunter Volksfeststimmung.“ Immerhin: Der SV Putbus hat auch wieder eine Kindertruppe, die zumindest nach Vor-Corona-Plänen in der kommenden Saison wieder am Spielbetrieb teilnehmen soll.

Mehr aus der Region

Auch wenn Spielgemeinschaften und neufusionierte Vereine (anfangs) selten auf die oft jahrzehntelang gewachsene Spieler-, Funktionärs- und Fanliebe treffen, sind sie zunehmend alternativlos. Weiteres Mannschaftssterben wird dadurch zwar nicht aufgehalten, zumindest rollt aber der Ball weiter.