10. Juni 2020 / 17:48 Uhr

Schmerzmittel im Amateurfußball: Auf dem Weg zur Herzattacke

Schmerzmittel im Amateurfußball: Auf dem Weg zur Herzattacke

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Auch der Amateurfußball hat ein schweres Schmerzmittel-Problem. 
Auch der Amateurfußball hat ein schweres Schmerzmittel-Problem.  © imago images/Dwi Anoraganingrum/Montage
Anzeige

Das Thema Schmerzmittel im Profifußball hat zuletzt viele Fußballfans betroffen gemacht. Doch auch bei den Amateuren ist der Missbrauch von Pillen weit verbreitet, wie Recherchen von Correctiv ergaben. Das hat massive Folgen für die Sportler.

Anzeige

Dieser Artikel ist Teil der Amateurfußball-Initiative #GABFAF. Mehr Infos dazu auf gabfaf.de.

Der Missbrauch von Schmerzmitteln im Profifußball hat zuletzt aufgewühlt, Betroffenheit ausgelöst und Diskussionen angestoßen. Profis wie Neven Subotic und Ex-Profis wie Jonas Hummels oder Ivan Klasnic scheuen sich nicht, das Thema öffentlich anzusprechen. "Wie Smarties" werden Schmerzmittel eingeworfen, kritisieren sie. Die Umfrage und Reportage der ARD in Kooperation mit dem gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv, in der unter anderem diese drei zu Wort kommen, befasst sich aber auch mit dem Umgang mit Medikamenten im Amateurfußball. Das Ergebnis: Jeder elfte Amateurkicker der knapp 1100 Befragten nimmt vor jedem Spiel Schmerzmittel ein.

Anzeige
Mehr zu #GABFAF

Diese Zahl wird noch erschreckender, wenn man die angegebenen Gründe berücksichtigt. Fast die Hälfte der Befragten (41,6 Prozent) gibt an, Mittel wie Aspirin, Ibuprofen, Voltaren oder Paracetamol einzunehmen, um die eigene Leistung positiv zu beeinflussen. Die Belastbarkeit soll erhöht werden, ein Sicherheitsgefühl wird erzeugt. Es geht darum, die Schmerzgrenze so zu verschieben, dass man leistungsfähiger wird.

Hohe Dosen greifen Herz, Leber, Magen und Nieren an

Die Folgen sind nicht selten katastrophal. Nach eigenen Angaben verschleppten die Spieler Verletzungen, weil sie sie mithilfe von Pillen verdrängt haben. Chronische Entzündungen sind deshalb eine häufige, langfristige Folge des Missbrauchs. Andere Fußballer gestehen, süchtig geworden zu sein oder Organschäden an Leber, Magen oder Niere davongetragen zu haben.

Zwei Ibuprofen 800 auf einmal

So auch Felix Lenneper. Seine Geschichte wird in der Reportage neben anderen erzählt. Als Amateurfußballer hat er über Jahre seine Schmerzen verdrängt, regelmäßig Schmerzmittel genommen, die Dosierung erhöht und ist sogar auf synthetische Medikamente umgestiegen. Er wurde süchtig, nahm extrem hohe Dosen und kippte irgendwann bei einem Spiel um.

Begonnen hatte alles mit einem Meniskusriss im Alter von 14 Jahren. Er spielte früh wieder, und die Schmerzmittel begleiteten von da an sein Leben. Irgendwann nahm er zwei Ibuprofen 800 am Stück, um durch den Tag zu kommen. Der Kollaps hatte seinen Grund.

Mehr zu #GABFAF

Auch das Herz kann durch den übermäßigen Medikamenten-Konsum bleibende Schäden erleiden. "Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Schmerzmitteln in hoher Dosierung und der Wahrscheinlichkeit einen Herzinfakt zu erleiden", bestätigt der dänische Herz-Risiko-Forscher Gunnar Gislason in der Reportage.

Bis zu 30 Prozent wahrscheinlicher werde eine Herzattacke durch Ibuprofen. Der Voltaren-Wirkstoff Diclofenac steigere sie um sogar 50 Prozent. Die Ergebnisse der Reportage wurden auch DFB-Präsident Fritz Keller vorgelegt, der sich erschüttert zeigte und entsprechende Untersuchungen ankündigte, um die Probleme anzugehen.

WADA: Schmerzmittel kein Doping

Warum der regelmäßige Konsum von Schmerzmitteln vor allem in hoher Dosierung nicht von der Welt Ant-Doping-Agentur (WADA) verboten wird, ist auch Dopingforscher Hans Geyer schleierhaft. Man könne mit Schmerzmitteln "eine bessere Leistung bringen", sie seien "stark gesundheitsschädigend" und "widersprechen nach meinem Verständnis von Sport auch der Ethik des Sports, wenn man Sport nur treiben kann, indem man Schmerzmittel nimmt", erklärt er.

Das sind die prominenten #GABFAF-Unterstützer:

Freunde des Amateurfußballs: Mehr als 40 prominente #GABFAF-Unterstützer findest Du hier in der Galerie. Zur Galerie
Freunde des Amateurfußballs: Mehr als 40 prominente #GABFAF-Unterstützer findest Du hier in der Galerie. ©

Die WADA hält dagegen. Solange die Mittel unter Berücksichtigung der medizinischen Hinweise der Hersteller in vorgesehener Dosierung eingenommen werden, seien sie nicht gesundheitsschädlich. Außerdem argumentiert der wissenschaftliche Direktor der WADA Olivier Grabin: "Es gibt eine allgemeine Sichtweise unserer Experten, dass Schmerzmittel die Leistung nicht steigern. Sie können Leistung wieder herstellen, steigern sie aber nicht unbedingt."

Druck und Verdrängung als Ursache

Auch hier gibt es ein Problem. Die Spieler – ob in ärztlicher Betreuung oder nicht – sind nicht immer über alle möglichen Folgen der Einnahme und Dosierung der Mittel aufgeklärt. Von den befragten Spielern gab die Hälfte an, von Schädigungen des Herzkreislaufes nichts gehört zu haben. Sie machen sich selbst zu viel Leistungsdruck, um den Umgang mit den Medikamenten zu reflektieren und sie verdrängen die Konsequenzen.

Die Mediziner vieler höherklassiger Teams stehen oft zwischen den Stühlen der Medizin und der Trainerbank, von wo aus ebenfalls enormer Erfolgsdruck ausgeübt wird. Die Aufklärung der Spieler leidet dadurch zuerst. Das hat weitreichende Folgen.