29. September 2021 / 21:10 Uhr

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft bei RB Leipzig der Grand Canyon

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft bei RB Leipzig der Grand Canyon

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Jesse Marsch erlebt zum wiederholten Mal schwere Tage bei RB Leipzig.
Die RB-Spieler überlassen den Gegnern zu viel Raum auf dem Platz. © Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa
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Triumphales 6:0 gegen die Hertha, bräsiges 1:2 gegen Brügge: Das neue RB-Leipzig-Gebilde bleibt ein fragiles und wirft vorm Heimspiel gegen den VfL Bochum am Samstag Fragen auf.

Leipzig. Die Erstausgabe des Kicker erschien am 14. Juli 1920. Dünnes Heftchen, kleine Auflage, schwarz-weiß, staubtrockene Artikel. Das Fachorgan gehört 101 Jahre später zur Pflichtlektüre von Fans, Fußballern, Trainern. Eines hat sich nicht geändert: Tonalität und Sachlichkeit. In seltenen Fällen lassen sich die Kicker-Reporter zu blumigen Beschreibungen hinreißen. Wenn ein Fußballspiel ein besonderes war, ein Fußballer oben rausschaute, Entwicklungen oder Rückbesinnungen der Einordnung bedürfen.

Nach dem 6:0 der vermeintlich kriselnden Roten Bullen gegen die vermeintlich im Aufwind befindliche Hertha aus Berlin war das so. „Wie in alten Zeiten“, lautete die Headline. Unterzeile: „Neuer Schwung durch alte Kräfte. Forsberg und Poulsen lassen Leipzig wieder aufblühen“. Christopher Nkunku wurde zum „Spieler des Tages gekürt“, die Nicht-Diskussionen über Coach Jesse Marsch als tugendhaft beschrieben. Dann kam das 1:2 von Marschs (Zwischenzeit-)Helden gegen den FC Brügge in der Champions League.

DURCHKLICKEN: Einige Bilder aus der Partie gegen Brügge

Einfach schwach: RB Leipzig verliert das Heimspiel in der Champions League gegen Club Brügge mit 1:2 und hat damit kaum noch Chancen auf den Einzug in die nächste Runde. Zur Galerie
Einfach schwach: RB Leipzig verliert das Heimspiel in der Champions League gegen Club Brügge mit 1:2 und hat damit kaum noch Chancen auf den Einzug in die nächste Runde. ©

Dass sich die Rasenballer in Gruppe A Platz eins oder zwei schnappen werden, hat mit Blick auf Manchester City und Paris St. Germain keiner erwartet. Punkte gegen den belgischen Meister waren bei allem Respekt vorm taktisch gewieften, flinken und eingespielten Club Brügge eingepreist.

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Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft der Grand Canyon, passen viele Steilpässe und Spieler der Gäste. Raum für Spekulationen und Interpretationen sind ebenfalls auskömmlich vorhanden. Wer hat was wann verbockt? Gibt es beim erfolgsverwöhnten Club eine Trainer-Diskussion? Fakt ist: Die Dose hat eine Delle.

Die Analyse

Das Spiel: Biegt nach fünf Minuten mit dem 1:0 Richtung Leipzig ab. 6:0 gegen Berlin, 1:0 gegen Brügge, läuft. Trugschluss! Das Gebilde „Neuer Coach, neue Spieler, neues System“ ist fragiler als angenommen. Die Führung durch Monsieur Nkunku lässt Brügge wachsen und Leipzig schrumpfen. Bei RB stimmt es in keinem Mannschaftsteil, die Quote der gewonnenen Duelle Mann gegen Mann ist unterirdisch und Sinnbild. Wer nicht in die Zweikämpfe kommt, wird vom Leben und Gegner bestraft. Brügge stört früh, stürzt sich vor allem auf die im Spielaufbau eh nicht stressresistenten Mohamed Simakan und Nordi Mukiele. Auch Willi Orban und Lukas Klostermann werden generalstabsmäßig attackiert. Wann sticht einer der Hochbezahlten durch, dass die Brügger Presslinglinie humorlos weit-hoch überwunden werden muss?

Die Gegenmaßnahmen: Sind im ersten Durchgang nicht festzustellen. Weder von der Trainerbank noch via Selbstregulierung auf dem Feld. Keiner der zuletzt hochgelobten Profis reißt das Zepter an sich. Alle haben mit sich selbst zu tun. In diesen Momenten der Desorientierung fehlt einer wie Marcel Sabitzer. Ein Anpacker und Anmacher. Und einer wie Dayot Upamecano, der den belgischen Angreifern die Vorzüge des Seitenrandes nahegebracht hätte.


DURCHKLICKEN: Das sind die Noten für die RB-Elf

Diese Noten gibt LVZ-Chefreporter Guido Schäfer den Profis von RB Leipzig nach der Partie gegen den FC Brügge: Zur Galerie
Diese Noten gibt LVZ-Chefreporter Guido Schäfer den Profis von RB Leipzig nach der Partie gegen den FC Brügge: ©

Taktik und Aufstellung: In Ermangelung an Angelino, für den die Dreier-Kette gegen Hertha wachgeküsst worden war, setzt Marsch auf eine Vierer-Kette. Der Coach hätte gerne die rustikal-griffigen Josko Gvardiol und Amadou Haidara auflaufen lassen. Die haben aber laut ärztlichem Bulletin nur 50 Minuten im Tank. Das Problem ist kein Ketten-Problem, es ist ein allumfassendes und indivi­duelles. Die Fehlpass-Quote ist abenteuerlich, das dadurch notwendige Hinterherlaufen kostet Kraft, die unter anderem beim ­Freilaufen beim Spiel mit dem Ball fehlt. Nach der Pause wird es besser. Weil Brügge nicht mehr so hoch anläuft und RB endlich drei, vier Ball-Stationen aneinandergereiht bekommt.

Der Trainer: Jesse Marsch ist überrascht, wie schlecht die Seinen an Tagen wie diesen Fußball können, fordert Konstanz und Disziplin beim Umsetzen seiner Ideen. Der US-Amerikaner will nur noch auf jene Spieler setzen, „die verstehen, was wir wollen“. Das ist vorm Heimspiel gegen den VfL Bochum (Samstag, 18.30 Uhr) insofern problematisch, als dass gegen Brügge auch die RB-Aufblüher Emil Forsberg und Yussuf Poulsen (in seinem 300. Pflichtspiel) neben den Schuhen wandelten.

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Ralf Rangnick und Julian ­Nagelsmann: Rangnick sagte jüngst bei „DAZN-decoded“, dass er Julian Nagelsmann niemals zu den Bayern gelassen hätte. Nagelsmann sagte in ­derselben Sendung, dass der Kampf um ­seinen Verbleib kein großer gewesen sei. Ein Nebenkriegsschauplatz, den die RB-Bosse brauchen wie ein Loch im Kopf.

Die Länderspielpause: Kommt nach dem Bochum-Spiel und dem allseits erwarteten Dreier zur rechten Zeit, bietet Gelegenheit zur stillen Einkehr und zu harten Gesprächen. Marsch steht laut Club-Chef Oliver Mintzlaff nicht zur Disposition. Das muss so nicht bleiben.

Der Kicker: Das Fachorgan ­Kicker überschreibt die Donnerstag-Ausgabe in Sachen RB gegen Brügge übrigens so: „Der Tiefschlag“.