01. November 2020 / 18:05 Uhr

Andor Müller nach Spielabbruch: „Das haben beide Vereine nicht verdient“

Andor Müller nach Spielabbruch: „Das haben beide Vereine nicht verdient“

Christoph Brandhorst
Märkische Allgemeine Zeitung
TuS-Stürmer Andor Müller bezieht nach dem Skandalende klar Stellung.
TuS-Stürmer Andor Müller bezieht nach dem Skandalende klar Stellung. © Robert Roeske/Archivbild
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Brandenburgliga: Kurz vor Schluss führt TuS Sachsenhausen in einem packenden Derby beim SV Altlüdersdorf mit 3:2 – dann soll es rassistische Äußerungen gegeben haben.

SV Altlüdersdorf – TuS Sachsenhausen Spielabbruch beim Stand von 2:3 (1:1). Tore: 0:1 Pehl (6.), 1:1 F. Riehl (38./FE), 1:2 Pilz (55.), 2:2 F. Riehl (65.), 2:3 Kordecki (82.).

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Das unterhaltsame und packende Oberhavel-Duell zwischen den Lila-Weißen und dem TuS 1896 erlebte einen unrühmlichen Schlusspunkt: 89 Minuten waren rum, da steuerte Altlüdersdorfs Offensivspieler Kuba-Siala Vulu wutentbrannt auf den Abschnitt der Spielfeldumzäunung zu, hinter dem sich die Gästeanhänger – nur ein Kontingent von 30 Karten hatte der TuS vor der Partie bekommen – aufgebaut hatten. Vulu beschreibt die Szenen einen Tag danach so: „Ich habe mir bei einer Auswechselung die Schuhe zugeschnürt, da haben zwei Jungs mit Anglerhüten Affengeräusche in meine Richtung gemacht.“ Er habe sie danach zur Rede stellen wollen, als auch das Wort „Bimbo“ gefallen sein soll. „Ich war sauer, hatte Wuttränen in den Augen“, erinnert sich Vulu, der zugibt, auch einen der Zuschauer weggeschubst zu haben. Der 28-Jährige, der vor der Saison vom SV Falkensee-Finkenkrug an die Gasse wechselte, wehrt sich aber vehement gegen im Internet geäußerte Vorwürfe, er hätte eine „Kopfnuss“ erteilt und sei „Wiederholungstäter“.

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An Weiterspielen war danach nicht mehr zu denken – jedenfalls aus Altlüdersdorfer Sicht. Kapitän Sven Marten rief seine Mannschaft zusammen, die dann geschlossen das Feld verließ. Schiedsrichter Nico Dreschkowski, der die Partie fortgesetzt hätte, blieb nichts anderes übrig, als das Spiel kurz vor dem Ende abzubrechen. „Es geht uns nicht um die Punkte“, sagt Marten, „wir wollten ein Zeichen für unseren Spieler setzen“. Dieser sei nach diesen Szenen „komplett am Boden“ gewesen, so der SVA-Spielführer. „Menschenverachtend“ seien die Worte gewesen, die sich sein Spieler habe anhören müssen, sagt Altlüdersdorfs Trainer Hans Oertwig.

Nachspiel am grünen Tisch

Vor dieser ganzen Aufregung wurde auch Fußball gespielt – und sogar richtig guter. „Es war ein geiles Derby“, bemerkt Sven Marten. Die Gäste gingen schon nach sechs Minuten durch Justin Pehl in Führung, Florian Riehl glich noch vor der Pause per Strafstoß zum 1:1 aus (38.). Auch nach dem Seitenwechsel ging der TuS wieder in Front – diesmal war es Martin Pilz (55.). Doch wiederum zehn Minuten später glich erneut Riehl aus und schnürte seinen Doppelpack (65.). Den sportlichen Schlusspunkt setzte Edgar Kordecki mit dem 3:2 für Sachsenhausen (82.). „Wir sind nach den beiden Ausgleichstreffern immer wieder zurückgekommen und hatten dann das gute Ende auf unserer Seite“, analysierte Marc Flohr, sportlicher Leiter des TuS, das Spiel. Ob das Ergebnis auch Bestand hat, muss nun das Sportgericht entscheiden. In Sachsenhausen wolle man die Vorkommnisse erst auswerten.

Am Sonntagabend gab es dann vom Club eine Pressemitteilung: Auf einer Dringlichkeitssitzung des Gesamtvorstandes habe darüber Einigkeit geherrscht, "die Vorfälle schnellstmöglich und objektiv aufzuklären", heißt es darin. Mit Betroffenheit habe man die Vorfälle tags zuvor zur Kenntnis genommen. "Gleichzeitig distanziert sich der Verein einmütig von jeglicher Art und Weise von Rassismus und Ausgrenzung und betont in aller Deutlichkeit, dass diese Dinge weder auf noch neben dem Fußballplatz etwas verloren haben. Dem wird der Vorstand mit aller Kraft entgegenwirken", schreibt der TuS-Vorstand weiter.

„Es war schon ein robustes Derby, toll für die Zuschauer“, sagt Sachsenhausens Kapitän Andor Müller. „Dass so ein Spiel so zu Ende geht, ist mehr als schade. Das haben beide Vereine nicht verdient“, so der Angreifer, der die Äußerungen aus der eigenen Fankurve auf dem Platz nicht mitbekommen habe. „Sollten diese Worte aber so gefallen sein, distanzieren wir uns als erste Mannschaft davon deutlich. So etwas gehört auf keinen Sportplatz“, betont Müller. Er gibt aber auch zu bedenken, dass auch die Altlüdersdorfer Anhänger nicht zimperlich in ihrer Wortwahl waren. „Was sich Dennis Wulff da auf der rechten Seite anhören musste, war teilweise auch unter der Gürtellinie.“ Der TuS-Kapitän appelliert an alle Fans: „Jeder sollte sich überlegen, ob er die zwei, drei Euro ausgibt, um sein eigenes Team anzufeuern oder nur, um Spieler des Gegners runterzumachen.“


Fairplay nach Spielende

Nach dem Abbruch sei die Atmosphäre zwischen den Aktiven friedlich gewesen. „Einige Spieler aus Sachsenhausen kamen zu mir und haben sich entschuldigt“, sagt Kuba-Siala Vulu, der sich in der erneuten Corona-Pause Gedanken machen wird, „ob man unter solchen Voraussetzungen überhaupt noch spielen will“. In Sachsenhausen jedenfalls wolle er nicht auflaufen. Wer die drei Punkte bekommt, ist für ihn wohl klar: „Sachsenhausen hat in der 89. Minute 3:2 geführt. So fair muss man als Sportler sein. Die drei Punkte sind mir im Nachhinein aber schnurzpiepegal!“

SV Altlüdersdorf: Schiemann – Zuvela (46. Zilahi), Adomah, A. Riehl, Marten, Cudny (46. Junge), Völkel, F. Riehl, Altenburg (63. Hinze), Gül (73. Heilmann), Vulu

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TuS Sachsenhausen: Schrobback – Höpfner, Siegler (64. Wolf), Wulff, Müller, Pehl (89. Heidenreich), Kordecki, Magino (75. Troschke), Weigt (76. Leupold), Pressmann, Pilz