12. Dezember 2014 / 07:57 Uhr

André Breitenreiter: "Der VfL Wolfsburg ist zu Recht Bayern-Jäger Nummer 1."

André Breitenreiter: "Der VfL Wolfsburg ist zu Recht Bayern-Jäger Nummer 1."

Redaktion
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Wir haben nur einen Platz, und da ist momentan mehr Sand als Rasen drauf. – Anrdé Breitenreiter zu der Trainingssituation in Paderborn.
"Wir haben nur einen Platz, und da ist momentan mehr Sand als Rasen drauf." – Anrdé Breitenreiter zu der Trainingssituation in Paderborn. © imago/osnapix
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Exklusivinterview: Der Paderborner Trainer André Breitenreiter über Trainer-Lehrjahre in der Regionalliga beim TSV Havelse, die verbesserungswürdigen Trainingsbedingungen in Paderborn – und den nächsten Gegner VfL Wolfsburg.

Seit Saisonbeginn mussten Sie in Dutzenden von Interviews erklären, warum Ihr Team so gut ist. Wird man nicht irgendwann müde, immer wieder dasselbe zu erzählen?
Breitenreiter: Gar nicht, wir freuen uns über die große Medienresonanz. Viele Journalisten versuchen, das „Phänomen Paderborn“ zu erklären. Wenn man sieht, unter welchen Bedingungen wir hier jeden Tag arbeiten, dann ist das Ergebnis außergewöhnlich und sensationell. Deswegen ist es doch okay, wenn jeder wissen möchte, wie das geht...

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Sie stellen immer wieder drei wichtige Punkte heraus: Der Zusammenhalt in Ihrer Mannschaft ist außergewöhnlich groß, Ihr Team kann quasi auf Knopfdruck die taktische Grundordnung ändern – und Ihre Spieler sind extrem fit.
Breitenreiter: Ja, das sind die Überschriften. Und: Jeder hier hat begriffen, dass er sich komplett in den Dienst der Mannschaft stellen muss, um dann auch als einzelner Spieler davon zu profitieren.

Aber jetzt beginnt für Sie gerade die schwerste Zeit im Jahr, oder?
Breitenreiter: Wieso?

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Nach allem, was man so über die Trainingsbedingungen in Paderborn hört, sind geregelte Übungseinheiten bei diesem Wetter fast nicht möglich...
Breitenreiter: Das ist so, ja. Wir haben nur einen Platz, und da ist momentan mehr Sand als Rasen drauf. Wir sehen ja bei den Auswärtsspielen oft die Trainingsplätze der anderen Klubs. Die haben auch im Winter noch Teppiche. Als der  Platz neulich komplett unter Wasser stand, sind wir an dem Tag in ein Fitness-Center gefahren und haben da Übungen gemacht.

Stärken diese widrigen Bedingungen nicht auch den Zusammenhalt im Team?
Breitenreiter: Vielleicht. Aber es sind ja auch alles Profis, die sich in der Bundesliga etablieren wollen. Bei uns bekommen sie die Chance und nehmen dafür auch Widrigkeiten in Kauf. Aber auf Dauer wird das nicht gehen, wenn alle anderen Vereine bedeutend bessere Bedingungen haben. Wenn dir im Training jeder zweite Ball verspringt oder du gewisse Übungen gar nicht mehr machen kannst, dann sorgt das irgendwann für Frustration. Deswegen fordere ich auch, dass das neue Trainingsgelände schnellstmöglich kommen muss.

Man hört, es soll 2015 angehen...
Breitenreiter: Ja, das  ist der Plan. Wenn wir hier so etwas hätten wie das Amateur-Gelände am Wolfsburger Elsterweg, wären wir froh.

Waren Ihnen diese Probleme schon klar, als Sie vor eineinhalb Jahren von Havelse nach Paderborn gewechselt sind?
Breitenreiter: Ja. Aber da standen andere Dinge im Vordergrund.  Es gab mehrere Anfragen von Klubs aus höheren Ligen. Ich habe mich dann für Paderborn entschieden, weil die Philosophie des Vereins zu mir passt, junge Spieler zu entwickeln und  aus wenig das Maximale herauszuholen. Das hat in Havelse auch schon hervorragend funktioniert – und ich wollte gucken, ob sich meine Trainer- und Spielphilosophie auch im Profibereich umsetzen lässt..

In Havelse waren Sie erst Spieler, sind dann in den Trainerjob quasi reingerutscht. War Ihnen da schon klar, dass Sie auf Dauer als Trainer arbeiten möchten?
Breitenreiter: Nein, eigentlich nicht. Ich habe mich ja schon am Ende meiner aktiven Karriere breit aufgestellt, Sportmanagement studiert, Trainerscheine gemacht, beim 1. FC Kaiserslautern als Scout gearbeitet und war als Koordinator bei einer Sportagentur. Als dann die Gelegenheit kam, in Havelse quasi direkt vor der Haustür einzusteigen, war für mich klar: Die 4. Liga ist als Einstieg ganz gut, zumal die Mannschaft damals Letzter war und ich quasi nichts zu verlieren hatte. Ich habe dann meine Arbeit so gemacht, wie ich als Spieler gern hätte trainiert werden wollen. Und so haben wir die Klasse gehalten.

In Ihrer aktiven Karriere hatten Sie extrem viele Höhen und Tiefen, waren auch mal eine Weile ohne Verein – helfen diese Erfahrungen heute als Trainer?
Breitenreiter: Den Verlauf meiner aktiven Zeit habe ich nicht so extrem wahrgenommen. In Unterhaching sind wir leider abgestiegen, danach hatte ich Angebote, wollte aber wegen meiner Familie nicht ins Ausland. Fast wäre ich bei Eintracht Frankfurt gelandet, aber dort durften dann wegen Lizenz-Auflagen keine Spieler mehr verpflichtet werden, darum war ich dann zwischendurch ohne Verein.  Aber generell gilt natürlich: Erfahrungen helfen immer.

Wie bewerten Sie mit Abstand Ihre zweieinhalb Jahre in Wolfsburg?
Breitenreiter: Es ist damals unglücklich gelaufen. Ich hatte eine Ellenbogen-Verletzung, dann zwei Leisten-Operationen. Als ich schließlich endlich fit war, habe ich keine Chance bekommen.

Wie gut erinnern Sie sich noch an die Zeit? Das ist ja mehr als 15 Jahre her...
Breitenreiter: Ich weiß das alles noch genau. Ich habe in den Testspielen in der Saisonvorbereitung 22 Tore geschossen, meine Konkurrenten Andrzej Juskowiak und Jonny Akpoborie deutlich weniger – trotzdem war ich im ersten Spiel und in der Folgezeit nicht einmal im Kader. Ich bin dann nach Unterhaching gegangen, habe in den ersten zwei Spielen direkt zwei Tore gemacht und am Ende der Saison sieben Tore in 19 Spielen erzielt, alles war gut. Wolfsburg war sportlich vielleicht nicht die beste Zeit, ansonsten haben wir uns sehr wohl gefühlt. Und meine Tochter Clara wurde in Wolfsburg geboren. Die Zeit dort möchte ich auf jeden Fall nicht missen..

Sie haben mit verschiedenen Trainer-Typen gearbeitet, unter anderem mit den späteren VfLern Felix Magath in Hamburg und Lorenz-Günther-Köstner in Unterhaching. Von wem haben Sie am meisten übernommen?
Breitenreiter: Ich habe kein Vorbild, man kann von allen was mitnehmen. Magath hat immer nach dem Leistungsprinzip aufgestellt, da waren Namen egal. Auch Köstner hat es geschafft, viele junge Spieler ständig zu verbessern.

Praktikum haben Sie bei Eintracht Braunschweig gemacht...
Breitenreiter: Ja, ich kannte Torsten Lieberknecht aus der Jugend-Nationalmannschaft. Er hat mich vom ersten Tag an so mitmachen lassen, als würde ich schon immer dazugehören. Wir schicken uns immer noch ab und zu SMS.

Was für ein Spiel erwarten Sie am Sonntag bei Ihrer Rückkehr nach Wolfsburg?
Breitenreiter (lacht): Ich wurde hier in Paderborn zuletzt immer mal vor den Spielen von Journalisten scherzhaft gefragt, ob wir nicht der Favorit sind, weil wir in der Tabelle vor dem jeweiligen Gegner standen.


Das wird diesmal keiner fragen.
Breitenreiter: Egal (lacht). Ich sage sowieso immer: Wir sind in keinem Spiel Favorit, weil wir das geringste Budget der Liga haben und weil bei uns Spieler dabei sind, die vor einem halben Jahr kaum jemand kannte. Wir sind eben der etwas andere Aufsteiger, der ganz erfolgreich spielt. Wolfsburg hat eine beeindruckende Mannschaft, ist zu Recht Bayern-Jäger Nummer 1...

...oh, das hört man beim VfL Wolfsburg nicht gerne.
Breitenreiter: Ich weiß. Aber ich sag‘s trotzdem. Gucken wir doch nur auf die Offensive. De Bruyne, Vieirinha, Olic und und und... Das wird schwer für uns, aber wir werden uns was einfallen lassen. Wenn man vom 0:4 bei den  Bayern absieht, waren wir bisher in keinem unserer Bundesliga-Spiele chancenlos.

Zur Person: André Breitenreiter war Bundesliga-Fußballer bei 96, dem HSV, Wolfsburg und Unterhaching, danach unterklassig in seinem Geburtsort Langenhagen, in Kassel, in Kiel in Cloppenburg und in Havelse aktiv. Erste Trainerstationen: Die G-Jugend von Altwarmbüchen, die Viertliga-Fußballer des TSV Havelse. Dann holte ihn Paderborn, er stieg sensationell in die Bundesliga auf. Ein Trainer-Shootingstar mit Wolfsburger Vergangenheit. Am Sonntag (17.30 Uhr) gibt es das Wiedersehen, 17 Punkte bringen Breitenreiter und der SC Paderborn mit zum VfL. Derzeit lebt der 41-ährige Breitenreiter mit Frau Claudia und den Fußball spielenden Kindern Clara (15) und Emil (11) in Altwarmbüchen bei Hannover.

Das Interview führte WAZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann.