17. Juli 2020 / 16:17 Uhr

Kommentar nach dem Karriereende: André Schürrle wurde immer falsch eingeschätzt

Kommentar nach dem Karriereende: André Schürrle wurde immer falsch eingeschätzt

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
André Schürrle machte nicht nur bei seiner letzten Station Spartak Moskau einen unglücklichen Eindruck. Der Weltmeister hat seine Karriere im Alter von 29 Jahren beendet. Aus Sicht von RND-Sportchef Heiko Ostendorp ist er dennoch nicht gescheitert.
André Schürrle machte nicht nur bei seiner letzten Station Spartak Moskau einen unglücklichen Eindruck. Der Weltmeister hat seine Karriere im Alter von 29 Jahren beendet. Aus Sicht von RND-Sportchef Heiko Ostendorp ist er dennoch nicht gescheitert. © imago images/ITAR-TASS
Anzeige

André Schürrle erwartete immer viel von sich, vielleicht zu viel. Sein frühes Karriereende ist bedauerlich, doch die Entscheidung konsequent - meint RND-Sportchef Heiko Ostendorp.

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz gesagt habe. Zu Kollegen, Freunden. In Redaktionskonferenzen, in Expertenrunden. „André Schürrle ist einer der Fußballer, die am häufigsten komplett falsch eingeschätzt werden – sportlich und menschlich.“ Die Gründe dafür konnte ich durchaus nachvollziehen, meistens zumindest. Alleine seine Körpersprache war oft negativ, dadurch wirkte er oft lustlos. Das Gegenteil war der Fall.

Anzeige

Mit 19 ging Schürrle von Mainz zu Leverkusen, für knapp 9 Millionen Euro, damals eine Menge Geld. Nur zwei Jahre später der Sprung in die Premier League, zum großen FC Chelsea – Ablöse: 22 Millionen Euro. Als er sich dort nicht durchsetzen konnte, hieß seine nächste Station Wolfsburg: Der VfL zahlte satte 32 Millionen., der nächste Klub Borussia Dortmund nochmal 30, ebenfalls nur eineinhalb Jahre später.

Mehr zu André Schürrle

Wandervogel, Abzocker, Weichei waren nur einige Begriffe, die fielen, wenn über Schürrle und seinen Charakter, seine Einstellung diskutiert wurde. Mein Eindruck war ganz anders. Die Gespräche, die ich im Laufe der Jahre mit ihm führte, waren spannend, manchmal sogar tiefgründig. Anders als mit den meisten Fußballern. Er hatte immer was zu sagen, schaute stets kritisch auf das Geschäft – aber vor allem auf sich selbst und seine Leistungen. Und vielleicht war genau das am Ende sein größtes Problem.

Schürrle verlangte von sich selbst am meisten. Nach drei Toren ärgerte er sich, warum er nicht vier oder fünf machte. Wenn ein Trainer nicht auf ihn setzte, verlor er schnell das Selbstvertrauen – und lief weg, statt sich durchzubeißen. Es war kein Zufall, dass es ihn 2016 zum BVB zog. Zurück zu Thomas Tuchel, seinem Entdecker und größtem Förderer. Doch als der wiederum Dortmund den Rücken kehrte, war es auch für „Schü“ vorbei. Seine letzten Stationen beim FC Fulham und Spartak Moskau verkamen zur Farce.

Die Karriere von André Schürrle in Bildern

Gefeierter Bruchweg Boy in Mainz, Weltmeister 2014, Premier-League-Absteiger mit Fulham - der SPORTBUZZER blickt auf die Karriere von André Schürrle. Zur Galerie
Gefeierter "Bruchweg Boy" in Mainz, Weltmeister 2014, Premier-League-Absteiger mit Fulham - der SPORTBUZZER blickt auf die Karriere von André Schürrle. © imago

André Schürrle geht nicht als Gescheiterter

Nun also das Karriereende mit 29. Schade, aber konsequent. Wer die Reportage des Magazins Spiegel liest, das ihn sieben Monate lang begleitete, wird vielleicht verstehen, wie es zu dieser Entscheidung kam. Schürrle hatte die Motivation verloren, die Lust am Fußball. Und irgendwie wollte er den Leuten, seinen vielen Kritikern, auch zeigen, dass er sich nicht vorschreiben lässt, wann er aufhört – auch wenn das die Gesellschaft vielleicht anders sieht und erwartet.

Wer behauptet, Schürrle gehe als Gescheiterter, redet Unfug. In 207 Bundesligaspielen machte er 51 Tore, bereitete 38 vor. In der Premier League kommt er auf 17 Treffer in 68 Partien, in der Nationalmannschaft auf 22 Tore bei 57 Einsätzen. Schürrle gewann die englische Meisterschaft und den Ligapokal, holte auch in Deutschland zweimal den Pott. 2014 war sein linker Fuß entscheidend daran beteiligt, dass sich das DFB-Team in Rio den vierten Stern anheftete. Und Weltmeister bleibt man für immer.