22. März 2018 / 17:25 Uhr

Rettigs 50+1-Coup: So überlistete der FC St. Pauli die DFL-Führung

Rettigs 50+1-Coup: So überlistete der FC St. Pauli die DFL-Führung

Daniel Theweleit
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Andreas Rettig ist mit dem Beschluss zu 50+1 ein großer Erfolg gelungen.
Andreas Rettig ist mit dem Beschluss zu 50+1 ein großer Erfolg gelungen. © Getty/Bongarts
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Die klare Mehrheit unter den Bundesligisten für die Beibehaltung der 50-plus-1-Regel ist eine große Überraschung. St. Paulis Geschäftsführer Andreas Rettig hatte den Coup systematisch vorbereitet.

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Etwas zerzaust, aber hoch zufrieden kam Andreas Rettig am Donnerstagnachmittag aus dem Sitzungssaal, in dem die 36 Mitglieder der Deutschen Fußball-Liga (DFL) getagt hatten. Der Geschäftsführer des FC St. Pauli konnte einen persönlichen Erfolg feiern. „Heute ist der Tag des Signals, dass 50+1 bleibt“, sagte er, nachdem sein Klub mit viel Aufwand für genau dieses Votum gekämpft hatte. Gegen die Macht von Bundesligagiganten wie Bayern München oder RB Leipzig hatte der Zweitligist den Antrag gestellt, dass die Regel nicht in ihrer Substanz hinterfragt wird. Sie sorgt dafür , dass Stimmmehrheiten nur unter äußerst strengen Auflagen an Investoren veräußert werden dürfen. Eine „Grundsatzdebatte zur künftigen Ausgestaltung der 50+1-Regel“ wird es aber trotzdem geben, sagte DFL-Präsident Reinhard Rauball.

Eine Hintertür bleibt offen

Denn nur 18 Klubs stimmten für den Vorschlag des FC St Pauli, vier Vereine votierten gegen den Antrag, 9 enthielten sich und drei gaben keine Stimme ab. So eine heterogene Abstimmung habe man unter den DFL-Mitgliedern „noch nicht gehabt“, sagte Rauball. Und der Antrag lässt auch eine Hintertür für weitere Entwicklungen offen. Denn neben einer „Verbesserung der Rechtssicherheit“ fordert er auch „weitere Überlegungen hinsichtlich geänderter Rahmenbedingungen“.

Ist "Gleichheit" eine Code für die Abschaffung der Regel? 

Es wird also nicht nur überprüft, wie stabil das derzeitige Konstrukt ist, wenn jemand dagegen klagt. Vielmehr haben die 18 Klubs, die nicht für den Antrag des FC St. Pauli stimmten, die Möglichkeit Verbesserungsvorschläge einzureichen. Beim Begriff „geänderte Rahmenbedingungen“, gehe es um „Wettbewerbsgleichheit“ und darum, dass „der Wettbewerb geschützt“ ist, sagte Rauball, das lässt viel Interpretationsspielraum. Da es die Investorenklubs aus Hoffenheim, Leipzig, Leverkusen und Wolfsburg gibt, kann mit „Gleichheit“ schließlich auch ein leichterer Einstieg für Investoren bei anderen Klubs gemeint sein.

Reaktion aus Hannover

Vieles bleibt also offen, die organisierten Fans feierten das Votum trotzdem erstmal als Erfolg. Am Morgen hatten Vertreter der Initiative „50+1 bleibt“ eine 30 Meter lange Liste mit den Namen von über 3000 Fanklubs, -verbänden und -organisationen an Rauball überreicht.

Rettig hat den Coup gründlich vorbereitet

Der Coup des Tages war aber dem FC St. Pauli gelungen, der seinen Vorstoß gründlich vorbereitet hatte.

Aus Sorge, es könne wie in früheren Fällen zu übereilten Beschlüssen kommen, hat der Zweitligist am Tag vor dem Treffen ein zehnseitiges Aufklärungsschreiben an die anderen 35 DFL-Gesellschafter versendet. Präsident Oke Göttlich und Rettig baten die Klubs um Gelassenheit im Umgang mit der „angeblichen Rechtsunsicherheit“. Die Hamburger befürchteten, dass „unter den Klubvertretern innerhalb der DFL die Angst geschürt” werde, im Klagefall könnte ein Gericht die Regel kippen und einen Ansturm der Investoren auslösen.

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert ist sichtlich angefressen.
DFL-Geschäftsführer Christian Seifert ist sichtlich angefressen. © dpa
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Christian Seifert missfällt der Beschluss

Dieser Furcht versuchte das Papier mit etlichen Argumenten entgegenzuwirken. DFL-Geschäftsführer Christian Seifert, dem der Verlauf des Tages offenkundig missfallen hatte, meinte dennoch, „ein Damoklesschwert“ schwebe über der Liga. Gerüchten zufolge hatte der Ligaverband ursprünglich vorgehabt, ein Gutachten vorzustellen, demzufolge die Regel rechtlich sehr instabil sei. Diese Information sei falsch, hieß es nun am Donnerstag, aber vielleicht haben Rettig und Göttlich diese Argumentation auch mit ihrem Vorstoß im Keim erstickt.

Breites Bündnis der Fans

In jedem Fall haben die Hüter der Regel mit dem FC St. Pauli an der Spitze einen erstaunlichen Etappensieg errungen, wobei die vergangenen Tage auch zeigten, wie heterogen das Meinungsbild der Klubs zu der großen Frage ist, ob Investoren Stimmmehrheiten von Bundesligaklubs übernehmen dürfen oder nicht. Und der vermeintliche Kompromissvorschlag, jeder Klub solle doch selbst entscheiden oder seine Fans abstimmen lassen, ob eine solche Öffnung für Investoren erwünscht sei, kommt bei genauer Betrachtung einer Abschaffung der Regel gleich. Denn in diesem Fall ist der faire Wettbewerb nur noch unter den Investorenklubs vorhanden, alle anderen haben massive Nachteile und geraten unter Druck, ebenfalls externe Geldgeber zu finden.

Eine klare Mehrheit bleibt unwahrscheinlich

Wie die komplexe Lage gelöst werden kann, ist völlig unklar. Es wird einen Diskussionsprozess geben, dass am Ende jedoch eine klare Mehrheit für eine Beibehaltung von 50+1 oder ein deutliches Votum für leichtere Investoreneinstiege gefunden wird, bleibt unwahrscheinlich. Die unterschiedlichen Haltungen zur 50+1-Regel sind die vielleicht größte Belastung für den Zusammenhalt der Deutschen Fußball-Liga, seit der Verband im Jahr 2000 gegründet wurde.