14. Juli 2018 / 19:54 Uhr

„Anfängerglück" im Fechten: Erste Erfahrungen in einem Gentleman-Sport

„Anfängerglück" im Fechten: Erste Erfahrungen in einem Gentleman-Sport

Christian Purbs
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Christian Purbs beim Fechttraining des TuS Wunstorf (3)
Christian Purbs beim Fechttraining des TuS Wunstorf (3) © Rico Person
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Wie geht eine Eskimorolle? Was passiert beim Fechten? Für die Lokalsport-Serie Anfängerglück haben wir’s ausprobiert – dieses Mal Fechten beim TuS Wunstorf.

Die Klingen unserer Degen haben sich schon ein paar Mal gekreuzt, als Christian Debus höflich anfragt, ob er sich jetzt etwas wehren dürfe. Bislang hat mir der Übungsleiter der Fechter vom TuS Wunstorf seinen rechten Arm und Oberkörper bereitwillig als Zielscheibe hingehalten.

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Angriff mit durchgestrecktem Arm, setzen, setzen, setzen, Treffer, Treffer, Treffer: Das funktioniert schon ganz ordentlich – wenn Debus schön stillhält. „Sehr gerne“, lautet meine selbstbewusste Antwort, die ich mit so viel Höflichkeit wie möglich verpacke.

Denn, das lerne ich als Erstes bei meiner Anfängerstunde: Fechten ist ein höflicher Sport. „Da wurde der Gegner, den man abstechen wollte, vorher erst einmal freundlich gegrüßt“, sagt Debus.

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Christian Purbs probiert sich im Fechten:

Christian Purbs beim Fechttraining des TuS Wunstorf. Zur Galerie
Christian Purbs beim Fechttraining des TuS Wunstorf. ©

Angriff als beste Verteidigung

Zwar minimieren sich im weiteren Verlauf des Duells meine Erfolgserlebnisse, doch so schnell gebe ich selbstverständlich nicht auf. Wie in allen Sportarten, so gibt es auch beim Fechten verschiedene Typen.

Die Taktierer, die Verteidigenden und diejenigen, die auf Attacke setzen. Wer früher mit Boris Becker mitgefiebert hat und das Spiel des FC Liverpool bewundert, der geht auch beim Fechten in die Offensive. Angriff ist die beste Verteidigung.

Ich überlege sogar kurz, ob ich es mal mit einem Treffer am Fuß versuche. Das habe ich bei den Olympischen Spielen schon mal gesehen, ist aber keine gute Idee. Denn während ich überlege und damit beschäftigt bin, meine Füße halbwegs in der richtigen Position zu bewegen, gelingt gar nichts mehr. „Fechten ist die Kunst zu treffen, ohne getroffen zu werden“, heißt es. Noch eine Kunst, die ich nicht beherrsche.

Ein paar Meter neben uns stehen sich zwei Nachwuchsfechter gegenüber, die beim TuS an diesem Tag trainieren und schon eine Menge können. Mich beeindruckt die Eleganz, mit der sie sich bewegen und ihre schnellen Bewegungen zwischen Finte und Parade Riposte ausführen. Und natürlich auch theoretisch fit sind.

Glocke, Maske und Plastron schützen

Für den Anfänger reichen erst einmal ein paar Grundlagen. Gefochten wird mit Degen, Florett und Säbel. Der Degen wurde früher zum Duell verwendet und ist bis heute die Hauptwaffe beim Fechten. Er hat eine größere Glocke (so nennt man den halbrunden Griffteil, hinter dem die Hand versteckt und geschützt ist), wird mit dem sogenannten Pistolengriff gehalten und hat eine stärkere Klinge als das Florett.

Mit dem Degen zählen Treffer am ganzen Körper, beim Florett hingegen nur am Oberkörper. Zur Ausrüstung gehört eine Schutzjacke, „Plastron“ genannt, die den Oberkörper schützt. Die Hand, die die Waffe führt, steckt in einem speziellen Handschuh. Eine Maske schützt die gefährdetsten Körperteile, den Kopf- und Halsbereich.


​„Fechten ist ein Gentleman-Sport."

„Fürs Fechten benötigt man Reaktions- und Durchhaltevermögen“, sagt Debus, der seit 2016 Übungsleiter beim TuS Wunstorf ist. „Zudem lernt man, respektvoll mit dem Gegner umzugehen. Den Gegner wie beim Fußball von hinten umhauen, das gibt es hier nicht. Fechten ist ein Gentleman-Sport.“

Respekt habe ich nicht nur vor meinem Gegner. Bis ich die Maske aufsetzen und meinem Kontrahenten auf der Fechtbahn gegenüberstehen darf, muss ich sehr schnell sehr viel lernen. Und dabei werde ich schon nach ein paar Minuten massiv unter Druck gesetzt. „Bitte versuchen Sie, schnell zu lernen. Dann können wir früher mit dem Fechten anfangen“, raunt mir Nachwuchsfechter Tom beim Aufwärmen zu.

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Beinarbeit ist das A und O

Die Koordinationsübungen stellen mich vor keine Probleme, als es dann um die richtige Fechtstellung geht, sieht das anders aus. Unter den Anweisungen von Übungsleiterin Beatrix Bunsen geht es in Vorwärts-, Rückwärts- und Ausfallschritten durch die Halle, die Füße bilden dabei einen Winkel von 90 Grad. Sieht nicht nur komisch aus, fühlt sich auch so an. „Das ist schon ein bisschen verquer, so geht kein Mensch einkaufen“, sagt der 54-jährige Debus.

Die Beinarbeit sei aber „das A und O“ , erklärt Debus. „Das muss ein absoluter Automatismus sein, was da unten abläuft. Wer die Beinarbeit nicht beherrscht, hat schon verloren.“ Ich hüpfe eher auf meinen Gegner zu, mit Eleganz, so viel ist sicher, hat das nicht viel zu tun. Doch ich bewahre die Haltung und nehme zum Abschied die einzige Stellung ein, die ich nach zwei Trainingsstunden fast perfekt beherrsche: die Grußstellung. Mit aufrichtigem Dank. Hat Spaß gemacht.