16. August 2018 / 13:30 Uhr

"Anfängerglück": Stephan Hartung muss sich beim Torball ordentlich strecken

"Anfängerglück": Stephan Hartung muss sich beim Torball ordentlich strecken

Stephan Hartung
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Stephan Hartung spielt mit vollem Körpereinsatz beim Torball.
Stephan Hartung spielt mit vollem Körpereinsatz beim Torball. © Debbie Jayne Kinsey
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Wie geht eine Eskimorolle? Was passiert beim Fechten? Für die Lokalsport-Serie Anfängerglück haben wir’s ausprobiert – heute Torball bei der BSG Langenhagen. 

Himmel hilf, das geht ja gleich schon gut los! Martin Beck rät mir zu Ellenbogen- und Knieschützern. „Die wirst du garantiert brauchen“, sagt der Vorsitzende der BSG Langenhagen und zeigt auf die Tüte mit den Materialien. Ich greife hinein, ziehe vier Pads raus und lege sie an. Passt nicht! Links und rechts vertauscht? Nein, komplett vertauscht! Artur, 13-jähriges Talent der BSG, weist mich höflich darauf hin. „Sie haben die Knieschützer an Ihre Ellenbogen geschnallt.“

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Anfängerglück heißt unsere Serie, spätestens jetzt hätte man mich als Frischling erkannt. Aber natürlich wissen die Torball-Spieler der BSG Langenhagen, dass heute der Mann von der Zeitung vorbeikommt und mittrainieren will. Dazu bin ich nach Hannover in den Stadtteil Kirchrode gefahren, in der Sporthalle des Landesbildungszentrums für Blinde (LBZB) treffen sich die Torballer regelmäßig zu ihren Übungsstunden – und nur hier und nicht in Langenhagen. „Im LBZB haben wir die besten Bedingungen, denn hier befinden sich die Markierungen für unser Spielfeld auf dem Hallenboden“, sagt Beck.

Bilder unserer Serie "Anfängerglück": Dieses Mal Stephan Hartung beim Torball

Stephan Hartung spielt mit vollem Körpereinsatz beim Torball. Zur Galerie
Stephan Hartung spielt mit vollem Körpereinsatz beim Torball. ©

Grob erklärt ist das Spielfeld ein 16 mal sieben Meter großes Rechteck. In der Mitte befinden sich 40 Zentimeter über dem Boden zwei Leinen. Man sollte den Ball daher mit Schwung, aber möglichst flach werfen beziehungsweise mit Vollgas rollen. Denn wenn der Ball die Leinen berührt, läutet ein Glöckchen – die Gegenseite erhält einen Strafwurf, von dem noch später die Rede sein sollte. Das eigene Tor, das sieben Meter breit und 1,30 Meter hoch ist, deckt man mit drei Leuten ab. Einziges Hilfsmittel: Auch der Ball, 500 Gramm schwer und so groß wie ein Volleyball, beinhaltet eine Klingel. Man muss vor der Rettungsaktion also genau hinhören, in welche Richtung man sich hechtet für eine eigene Abwehraktion – auch das wird noch ein Thema.

Das größte Problem ist nämlich, dass man nichts sieht. In den ersten Minuten schaue ich mir zwar noch in Ruhe die BSG-Torballer in Aktion an, erhalte auch noch eine Trockenübung für das richtige Strecken von Armen und Beinen beim Hinwerfen. „Arme und Beine anspannen, das Gesicht schützen“, rät Mark Saß. Und dann geht es los. Ich erhalte eine Augenbinde – wie auch jeder blinde oder sehbehinderte Spieler. „Damit für alle die Chancen gleich sind. Auf Meisterschaften würde man rund um die Augen noch zusätzlich alles abkleben, manche Spieler verfügen über Sehreste“, sagt Beck, der in Niedersachsen verantwortlich für Torball und auch Co-Trainer der deutschen Frauen-Nationalmannschaft ist.

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Die Landung fällt hart aus

Saß ist in meinem Team und quasi der Center in unserer Dreierkette, ich nehme die Rolle des linken Verteidigers ein. „Werfer!“, ruft er. Jetzt weiß ich, gleich donnert ein Gegenspieler von der anderen Seite den Ball rüber. Ich suche meine Position. Gut, dass es im Torraum für jeden Spieler eine aufgeklebte Matte gibt – das soll die Hechtsprünge abfedern, hilft mir als Anfänger aber zudem bestens zur Orientierung. Hart landet man dort trotz Protektoren dennoch, die Matten sind eher Marke Fußabtreter und nicht Weichboden. Während ich mit Händen und Füßen noch immer Anfang und Ende der Matte suche, hat Mark den Ball längst abgewehrt. Oder Artur, das habe ich natürlich nicht gesehen. „Kein Tor“, sagt Mark zu mir. Ich höre, wie Mark ein paar Schritte Anlauf nimmt und den Ball abfeuert. Beck ist Schiedsrichter und pfeift zweimal. „Tor!“. Unsere Gegner versuchen zu antworten, zunächst aber immer mit Würfen auf unsere rechte Torseite – offenbar wollen sie mich noch verschonen.

Stephan Hartung kassiert beim Torball einen Gegentreffer.

Dann ist der Welpenschutz aber vorbei. Immer öfter kommt der Ball in Richtung meines Deckungsbereichs. Mal klingelt es an meiner Schulter und dann hinter mir – kein gutes Geräusch, das war ein Gegentor. Mal wird der Ball von der Hüfte abgefälscht – natürlich unhaltbar. Wenn der Ball nicht komplett an mir vorbeirollt. Doch irgendwann gewöhnen sich die Ohren an das Geräusch, die Konzentration auf die Akustik von Ball und Klingel gelingen immer besser. Ein Hechtsprung nach links, mit dem Schienbein abgewehrt – was für eine Glanzparade!

Und wie klappt es mit dem Werfen? Ist weniger schwierig, weil man den Ball und damit das Geschehen in der Hand hat. Dazu muss man den Ball aber erstmal in der Halle finden, wenn er unkontrolliert abgewehrt wurde. Ist ein wenig wie Topfschlagen beim Kindergeburtstag – nur ohne bunte Tüte. Die Wurftechnik an sich erinnert ein wenig ans Bowling – ebenfalls wie beim Kindergeburtstag. Problem nur, dass man kein Nachtsichtradar hat, um den Wurf in die richtige Richtung abzugeben. Den Ball mit Schwung abgefeuert – Treffer! Leider war es meine Fotografin, die sich neben dem Spielfeld befindet und einen entsprechenden Laut von sich gibt. Doch auch hier gilt: Mit der Übung verbessert sich die Orientierung – erneut zunächst mit dem Ertasten der Ecken der Matte. Einer der nächsten Würfe geht mir mit einem guten Gefühl von der Hand. Beck pfeift wieder zweimal. „Tor!“. Eine herrliche Rückmeldung.

Mehr aus der Serie "Anfängerglück"

Die Glocken läuten - nicht gut

Dann beginnt aber der Übermut. Jetzt mal richtiges Brett, denke ich mir. Der nächste Ton kommt nicht von Beck, sondern von den Glocken der Leine in der Spielfeldmitte. Strafwurf für den Gegner. Da es bereits der zweite Fehler unseres Teams war, muss ich alleine ins Tor – das kannte ich früher vom Bolzplatz nicht, da mussten immer nur die Neuen oder die Doofen in die Kiste. Ich sehe zwar nichts, aber spüre wie breit doch so ein Tor erst ist ohne meine kongenialen Nebenleute Artur und Mark. Der Wurf kommt auf mich zu, ich entscheide mich für die rechte Seite – und werde klassisch verladen wie beim Elfmeter.

Meine Mitspieler klopfen mir auf die Schulter und lachen. „Gar nicht so einfach, was?!“ In der Tat gar nicht so einfach – mental als auch körperlich. Ich ziehe meine Schützer wieder aus und packe sie zurück in die Tüte – weise aber noch vorsorglich darauf hin, dass die vier Pads ganz schön verschwitzt sind. Die Augenbinde darf ich als Geschenk und Andenken mitnehmen. „Haste gut gemacht“, sagt Beck anerkennend. Die Anerkennung ist auf meiner Seite. Denn ich kann nach 60-minütiger Einheit wieder klar und deutlich sehen. Viele andere Sportler können das nicht – und betreiben zusätzlich eine rasante Sportart. Respekt!

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