17. Juli 2020 / 17:28 Uhr

Anja Mittag zu ihrem Karriereende: "Einfach auch mal das Leben genießen"

Anja Mittag zu ihrem Karriereende: "Einfach auch mal das Leben genießen"

Christoph Brandhorst
Märkische Allgemeine Zeitung
RB Leipzigs erfahrenste Spielerin Anja Mittag hat am Mittwoch das Ende ihrer aktiven Karriere bekannt gegeben. Sie wird dem Team aber weiterhin als Trainerin zur Seite stehen. 
RB Leipzig wird Anja Mittag als Individualtrainerin treu bleiben. © imago images / Hartenfelser
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Frauenfußball: Die 158-fache Nationalspielerin macht Schluss. Ende August wird die ehemalige Turbine-Stürmerin für Zweitliga-Aufsteiger RB Leipzig ihr letztes Spiel bestreiten. Dann kann sie ihrer riesigen Titelsammlung noch einen weiteren Pokal hinzufügen.

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Weltmeisterin 2007, Olympiasiegerin 2016, dreimal Europameisterin, Champions League-Gewinnerin 2010 mit Turbine Potsdam und sechsfache Deutsche Meisterin, dazu zweimal Meisterin in Schweden – Anja Mittag hat in 18 Jahren als Profi-Fußballerin so ziemlich alles gewonnen, was man gewinnen kann. Im allerletzten Spiel ihrer Karriere könnte am 30. August noch ein letzter Titel dazukommen: der Sachsen-Pokal. Denn mit dem Endspiel um den Landes-Cup mit Zweitliga-Aufsteiger RB Leipzig gegen Stadtrivale Phoenix Leipzig soll Anja Mittags aktive Laufbahn enden.

Fiese Frage zum Start: Wo war’s denn nun am schönsten, Frau Mittag? Lange muss die 35-Jährige da nicht überlegen. „In Potsdam hatte ich sicherlich eine sehr prägende Zeit, da war ich ja auch am längsten, insgesamt fast zehn Jahre. Ich bin mit 17 zu Turbine gekommen und dort quasi erwachsen geworden“, sagt sie. Unter Bernd Schröder reifte die junge Chemnitzerin zur Nationalspielerin. Insgesamt 158 Mal sollte sie im DFB-Dress auflaufen und rangiert in der Liste der Rekordspielerinnen damit auf Rang vier. 50 Länderspiel-Tore erzielte sie bis 2017. Nach einem kurzen Intermezzo im schwedischen Karlstad zog es die Torjägerin 2012 endgültig aus Potsdam weg, nach Malmö zum FC Rosengard. „Auch die Zeit bei Rosengard war sehr schön. Das waren die Stationen, bei denen ich mich als Fußballerin vielleicht am stärksten entwickelt habe“, blickt Anja Mittag zurück.

In Bildern: 50 ehemalige Spielerinnen vom 1. FFC Turbine Potsdam – und was aus ihnen wurde

Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spielerinnen vom 1. FFC Turbine Potsdam. Zur Galerie
Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spielerinnen vom 1. FFC Turbine Potsdam. ©

Nach drei Jahren und zwei Meisterschaften in Schweden ging es weiter zu Paris Saint-Germain. Noch einmal ein neues Land, noch einmal eine neue Sprache. In der Saison 2016/17 dann ein weiterer Meistertitel in Deutschland mit dem VfL Wolfsburg, ehe die Stürmerin erneut Rosengard wechselte. Und überall war sie erfolgreich. „Auf Vereinsebene der Champions-League-Sieg 2010 mit Turbine und mit der Nationalmannschaft fast zum Abschluss noch der Olympiasieg in Rio 2016 – wenn man welche rauspicken muss, waren das schon zwei besondere Erfolge“, findet Anja Mittag. Im Herbst der einzigartigen Laufbahn ging es im vorigen Sommer nochmal in die Heimat, nach Sachsen, zu RB Leipzig. Als Spielerin und Individualtrainerin.

Natürlich habe sie sich etwas anderes gewünscht, als nun nach einer abgebrochenen Saison von der Fußball-Bühne abzutreten. „Vielleicht mit einem Relegationsspiel um den Aufstieg in die 2. Bundesliga und dann ,tschüss‘“, sagt sie. Einen konkreten Zeitpunkt, zu dem das Laufbahnende feststand, habe es nicht gegeben. "Es hat sich zum Ende der Saison herauskristallisiert: „Okay, gut, es reicht!“

Ein Stück mehr Spontanität

Jetzt freut sich die Titelsammlerin auf die Zeit danach. „Nicht mehr alles dem Fußball unterordnen zu müssen, darauf freue ich mich. Einfach auch mal das Leben zu genießen.“ Als Individualtrainerin bei RB Leipzig wird sie ihrem Sport weiter verbunden bleiben. Aber in der Vorbereitung, wenn die anderen schwitzen müssen, muss sie eben nicht mehr dabei sein. „Und wenn ich das Gefühl habe, dass ich 30 Minuten laufen möchte, dann gehe ich 30 Minuten laufen. Wenn ich dann aber nach 20 Minuten aufhöre, ist das auch nicht schlimm. Ich freue mich auf ein Stück mehr Spontanität“, findet die Ex-Turbine.

Und dann ist da noch der Podcast mit Ex-Turbine-Mitspielerin Josephine Henning. Namhafte Fußballerinnen wie Tabea Kemme (ehemals Turbine Potsdam) oder Lina Magull (FC Bayern) waren in „Mittags bei Henning“ schon zu Gast. „Wir wollen einen Podcast machen, in dem Frauen über Fußball reden“, so die Tattoo-Liebhaberin, „mal sehen, wer uns noch so vor’s Mikro kommt.“

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Die Entwicklungen bei ihrem früheren Verein in Potsdam verfolgt Anja Mittag noch immer aufmerksam. „Ich finde es super, dass jemand aus dem Männerfußball jetzt in den Frauenbereich wechselt. In Deutschland ist das noch nicht so verbreitet", sagt sie zur Verpflichtung von Sofian Chahed als Chefcoach. „Auch die Kooperation mit Hertha BSC ist ein gutes Zeichen für Turbine Potsdam.“

Nun hat Anja Mittag also noch eine letzte Titelchance. Dann ist Schluss. „Ich bin froh, dass ich dieses Spiel noch bekomme und freue mich darauf“, sagt die Angreiferin lachend mit Blick auf den Sachsen-Pokal. „Ich glaube, ich habe den sogar schon einmal gewonnen.“ Dem Frauenteam der Roten Bullen, das sie gerade mit 17 Toren aus der Regional- in die 2. Bundesliga geschossen hat, traut sie noch viel zu: „Der Frauenfußball erfährt hier eine wichtige Wertschätzung. Man hat nicht das Gefühl, dass man das nur macht, weil Druck von oben kommt." Langfristig, das sei klar, wolle man bei RB aber auch mit den Frauen in die 1. Bundesliga.