19. Mai 2020 / 12:29 Uhr

"Hätte danach vieles anders gemacht": Anna Sarholz über Turbine Potsdams CL-Sieg vor 10 Jahren

"Hätte danach vieles anders gemacht": Anna Sarholz über Turbine Potsdams CL-Sieg vor 10 Jahren

Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
ARCHIV - 20.05.2010, Spanien, Madrid: Torhüterin Anna Felicitas Sarholz (grün) und ihre Mitspielerinnen von FFC Turbine Potsdam laufen jubelnd durch das Alfonso-Perez-Stadion, nachdem sie das Elfmeterschießen gegen Olympique Lyonnais im Champions-League-Endspiel gewonnen haben. Foto: Alberto Martin/epa efe/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Alle hinterher: Torhüterin Anna Sarholz (grünes Trikot) und ihre Turbine-Mitspielerinnen nach dem letzten Elfmeter. © Alberto Martin/dpa
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Beim Champions-League-Triumph von Turbine Potsdam 2010 wurde Torhüterin Anna Felicitas Sarholz zur Final-Heldin – dabei kämpfte sie damals mit großen mentalen Problemen.

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Nachdem sie keinen der ersten drei Elfmeter parieren konnte, suchte Anna Felicitas Sarholz den Kontakt zu Torwarttrainer Dirk Heinrichs. „Heini hat mir ein Zeichen gegeben, dass ich ruhiger bleiben soll, dass mich die Französinnen ausgucken“, erinnert sich die 27-Jährige an das Elfmeterschießen vor zehn Jahren, in welchem die Torhüterin von Turbine Potsdam plötzlich deutschlandweit bekannt wurde.

Die Tipps von Heinrichs halfen, Sarholz blieb länger stehen und hielt den vierten und fünften Versuch von Olympique Lyon und damit ihre Mannschaft im Champions-League-Finale am 20. Mai 2010 weiter im Spiel. „Mir war damals nicht bewusst, dass nur noch eine von beiden hätte treffen müssen und Lyon damit gewonnen hätte“, sagt Anna Sarholz über die Nacht von Getafe. Später traf sie sogar selbst, am Ende gewann Turbine mit 7:6 nach Elfmeterschießen, einer der größten Erfolge der Vereinsgeschichte.

In Bildern: Am 20. Mai 2010 gewinnt Turbine Potsdam die Champions-League.

Der 1. FFC Turbine Potsdam bezwang am 20. Mai 2010 in Getafe im Champions-League-Finale den französischen Club Olympique Lyon mit 7:6 nach Elfmeterschießen. Anschließend gab es eine Party und vier Tage später einen großen Empfang auf dem Luisenplatz. Zur Galerie
Der 1. FFC Turbine Potsdam bezwang am 20. Mai 2010 in Getafe im Champions-League-Finale den französischen Club Olympique Lyon mit 7:6 nach Elfmeterschießen. Anschließend gab es eine Party und vier Tage später einen großen Empfang auf dem Luisenplatz. © Jan Kuppert und Detlev Scheerbarth/MAZ

Dieser ist seither untrennbar auch mit dem Namen Anna Sarholz verbunden. Die damals 17-Jährige kam aus dem eigenen Turbine-Nachwuchs, wirkte frech und unbekümmert. Im Elfmeterschießen verschränkte sie demonstrativ cool die Arme vor jedem Schuss. „Das war eine spontane Aktion. Ich hätte aber heulen, schreien und weinen können, weil ich so aufgeregt war, auch wenn es vielleicht cool aussah“, sagt Anna Sarholz heute.

Was wirklich in ihr vorging, das hatte sie schon in den Wochen zuvor für sich behalten. „Mir ging es damals nicht sehr gut. Ich hatte familiäre Probleme, hatte lange Zeit keinen Kontakt zu meiner Mutter. Damals ist viel über mir zusammengebrochen“, erzählt Anna Sarholz. Schon am Morgen nach dem Finale reiste sie mit ihren Teamkolleginnen Tabea Kemme und Marie-Louise Bagehorn zur U19-Nationalmannschaft, mit der die Europameisterschaft anstand. Nur vier Tage nach dem Champions-League-Finale war das erste Gruppenspiel gegen Italien angesetzt. „Ich habe dann die EM wegen meiner mentalen Situation abgesagt“, sagt Anna Sarholz.

Am gleichen Tag wie die Italien-Partie fand allerdings auch der große Empfang der Turbine-Heldinnen auf dem Potsdamer Luisenplatz statt – und Sarholz feierte auf der Bühne mit. „Das kam beim DFB nicht gut an, im Nachhinein kann ich das auch verstehen“, erzählt die Torhüterin. Das Tischtuch zum Verband war damit zerschnitten, ein Spiel für eine Nationalmannschaft machte das hoffnungsvolle Nachwuchstalent anschließend nicht mehr.

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Doch das Interesse an ihrer Person war weiter ungebrochen. „Wenn ich mit Freunden Essen gegangen bin, haben die Leute am Nachbartisch getuschelt. Aber ich war 17, eigentlich noch ein Kind, und plötzlich deutschlandweit bekannt. Der Medienrummel war extrem, ich hätte aber am liebsten meine Ruhe gehabt, weil ich meine familiäre Situation auf die Reihe bekommen wollte. Ich fühlte mich da auch ein bisschen alleine gelassen“, sagt Anna Sarholz. „In so einer Situation, wo der Hype da ist, zu sagen, das und das geht nicht, das wäre nicht gut gegangen“, erklärt Turbine-Trainerlegende Bernd Schröder und ergänzt: „Ich wollte sie auch vor sich selber schützen, das ist nicht gelungen.“

Bei der Goldenen Henne im September 2010 gewann Anna Sarholz die Publikumswahl zur „Aufsteigerin des Jahres“, bei ihrer Dankesrede erzählte sie mit belegter Stimme von den schweren Monaten ohne den Kontakt zu ihrer Mutter, kurz nach der Sendung telefonierten sie wieder.

Torwarttrainerin bei RB Leipzig

Auch sportlich gab es, unter anderem wegen immer wieder auftretender Verletzungen, viele Höhen und Tiefen für die Torhüterin, 2015 folgte schließlich der Abschied von Turbine. „Für mich war klar, dass ich für keinen anderen Verein in der Bundesliga spielen wollte, das hätte ich nicht übers Herz gebracht“, sagt Anna Sarholz, die entsprechende Angebote aus der Bundesliga hatte. „Im Endeffekt hätte mir nichts besseres passieren können. Ich kann jeden Tag mit Kindern arbeiten, das ist eines der größten Geschenke, die man haben kann“, sagt Anna Sarholz, die nach dem Turbine-Abschied ihre Torwartschule aufbaute und für die Frauen des SV Babelsberg 03 in der Landesliga das Tor hütete. Schon 2015 zog sie in ihre Heimatstadt Dessau und ist seit 2018 auch Torwarttrainerin bei RB Leipzig, das vor dem Aufstieg in die 2. Bundesliga steht.

Auf das größte Spiel ihrer Karriere schaut sie inzwischen mit gemischten Gefühlen. „Das Champions-League-Finale war für mich Segen und Fluch. Ich möchte es nicht missen, aber rückwirkend hätte ich danach vieles anders gemacht“, sagt Anna Sarholz.