09. August 2021 / 20:01 Uhr

Potsdamer Fünfkampftrainerin Claudia Adermann: „Das alles wird Annika als Person nicht gerecht“

Potsdamer Fünfkampftrainerin Claudia Adermann: „Das alles wird Annika als Person nicht gerecht“

Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
Claudia Adermann (l.) kennt Fünfkämpferin Annika Schleu schon seit mehr als zehn Jahren.
Claudia Adermann (l.) kennt Fünfkämpferin Annika Schleu schon seit mehr als zehn Jahren. © AP Photo/Hassan Ammar, Marius Böttcher
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Die Kritik an der Fünfkämpferin Annika Schleu und Bundestrainerin Kim Raisner nach den Geschehnissen in Tokio war groß. Claudia Adermann trainiert die Fünfkämpfer in Potsdam und kennt Schleu seit mehr als zehn Jahren. Im Interview spricht sie über die Vorfälle in Tokio und Fehler bei der Organisation und falsche Trensen.

Die Bilder der weinenden Fünfkämpferin Annika Schleu auf dem Pferd Saint Boy bei den Olympischen Spielen in Tokio gingen um die Welt, die Athletin und Bundestrainerin Kim Raisner wurden anschließend heftig kritisiert. Claudia Adermann, Trainerin der Potsdamer Olympiastarter Fabian Liebig und Patrick Dogue, spricht über falsche Trensen beim Pferd, den Shitstorm im Netz und den schweren Parcours.

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SPORTBUZZER: Was hätten Sie Annika Schleu als Trainerin in dieser Situation geraten?

Claudia Adermann: Es ist schwer, sich in diese Situation reinzuversetzen. Sicherlich hat Kim nicht die richtigen Worte gewählt. Man hat Emotionen und die kommen raus.

Oftmals kam der Hinweis, dass Annika Schleu zum Wohle des Pferdes hätte absteigen sollen und nicht an die Medaille hätte denken sollen.

Wir sitzen alle im Sessel, schauen zu und haben kluge Ratschläge. Du hast in dieser absoluten Stresssituation keine Zeit, eine große Pro- und Contra-Liste aufzustellen, sondern du hast mehrere Möglichkeiten und handelst spontan. Wäre sie abgestiegen, hätten bestimmt einige gesagt, sie hätte mal ihre Hilfen wie Gerte und Sporen einsetzen sollen, um eine Medaille zu gewinnen. Man hat gesehen, dass das Pferd ein Problem hat und man hätte von Seiten der Wettkampf-Organisation das Pferd aus dem Wettkampf nehmen müssen. Dann hätte vielleicht die russische Reiterin, die das Pferd zuerst geritten hatte, Protest eingelegt, aber das hätte ich als Verband in Kauf genommen. Es darauf zu reduzieren, dass nur die Sportlerin und Trainerin verantwortlich sind, ist nicht richtig.

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Was könnte die Ursache für das Verhalten des Pferdes gewesen sein?


Unsere Cheftrainerin Para-Reiten in Brandenburg hat sich die Bilder genau angeschaut. Das Pferd hatte keine Springreittrense (Mundstück zum Einschnallen der Zügel, d. Red.), sondern eine für Polo. Die ist schärfer und im Springreiten nicht zugelassen, da sie auch auf das Genick des Pferdes Auswirkungen hat. Das Pferd will sich beim Sprung über das Hindernis strecken, kann es mit dieser Trense aber nicht.

Hätten die Reiterin oder die Trainerin das nicht merken müssen?

Die Tiere werden von den Besitzern vorbereitet, da kann die Athletin nichts dafür und auch nicht die Trainerin, die gehen ja davon aus, dass alles richtig ist. Unser Reittrainer hätte es wohl gemerkt, aber wegen der begrenzten Akkreditierungen konnte keiner mit nach Tokio.

Sie kennen Annika Schleu schon lange, war diese Szene ein Einzelfall?

Die ganze Situation wird Annika als Person überhaupt nicht gerecht. Sie arbeitet unheimlich fleißig und schenkt gerade dem Reiten große Aufmerksamkeit. Diese Bilder spiegeln überhaupt nicht das wider, wie Annika – und auch Kim Raisner – mit den Tieren sonst umgehen. Und als Sprecherin der Fünfkämpferinnen setzt sie sich schon seit vielen Jahren genau für die Fairness im Reiten ein, damit genau solche Szenen nicht vorkommen. Denn wir wissen, dass unser Sport dann genau darauf reduziert wird – und das wird ihr und allen anderen Sportlerinnen und Sportlern nicht gerecht.

Der Parcours galt als anspruchsvoller als bei den üblichen Wettkämpfen des Weltverbands, nur zwei von 36 Reiterinnen kamen fehlerfrei durch, haben Sie eine Erklärung dafür?

Zunächst einmal war der Parcours regelkonform, die Hindernisse waren also nicht höher, als es in den Regeln erlaubt ist. Trotzdem hat das Komitee vor Ort die Möglichkeit zu reagieren, beispielsweise auf Wetterbedingungen oder eben die Qualität der Pferde. Wenn die Hindernisse nicht ganz so hoch gewesen wären, hätte man trotzdem gesehen, dass die Reiter mit den Pferden umgehen können. Aber ich habe den Eindruck, dass man sich gegenüber dem äußeren Druck beweisen will, dass es im Fünfkampf auch wirklich Springreiten ist und nicht ein besseres Hobbyreiten.

Annika Schleu und Kim Raisner wurden nach dem Wettkampf in den sozialen Medien heftig kritisiert, genauso wie beispielsweise von Dressur-Olympiasiegerin Isabell Werth. Wie schätzen Sie die Kritik ein?

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Auch Patrick (Dogue) und Fabi (Liebig, d. Red.) wurden übrigens beschimpft, aber Annika natürlich massivst. Da wurden teilweise die ungeborenen Kinder beschimpft, so etwas müsste strafrechtlich verfolgt werden. Aber das ist ein Spiegel der Gesellschaft, da scrollen Leute durch ihre Timeline, hämmern ihre Sätze in die Tastatur und scrollen weiter und kommentieren das Nächste. Der Aufschrei ist groß, dabei merken sie gar nicht, dass sie mit einem anderen Lebewesen genau so umgehen, was sie vorher kritisieren. Und sogenannte Experten, die fünf Minuten nach einem Ereignis bereits irgendeine Meinung zum Besten geben wie Frau Werth, sollten erst einmal vor der eigenen Tür kehren.