04. Juni 2020 / 17:42 Uhr

Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel: Manipulation in Corona-Pause sehr wahrscheinlich

Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel: Manipulation in Corona-Pause sehr wahrscheinlich

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Vermutet Doping in der Coronavirus-Pandemie: Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel.
Vermutet Doping in der Coronavirus-Pandemie: Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel. © Martin Bäuml, Jürgen Heinrich/imago images
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Nach den Ankündigungen von Wada-Präsident Witold Banka, einen neuen Bluttest zur Doping-Kontrolle einzuführen, ist Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel skeptisch. Er sieht die Tests nur als Ergänzung und bringt stattdessen eine App ins Spiel, die das Bewegungsprofil der Sportler nachzeichnet.

Präsident Witold Banka verkündete im SPORTBUZZER-Interview stolz, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), der er vorsteht, derzeit intensiv an Innovationen im Kampf gegen Doping arbeite. Eine Neuerung soll die Blutstropfenanalyse sein, die ähnlich wie ein Diabetestest ablaufe. Die Analyse dieser kleinen Blutmengen soll schneller und günstiger, die benötigten Utensilien leichter zu transportieren sein, als es bei den bisherigen Tests der Fall war. Doch halten Bankas Überlegungen der Überprüfung eines Experten stand?

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Für Anti-Doping-Experte Professor Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für biomedizinische und pharmazeutische Forschung in Nürnberg, kann die von Banka ins Spiel gebrachte Methode nur eine Ergänzung sein. "Der sogenannte Blood-Spot-Test reicht nicht aus, um auf alle Substanzen zu testen. Er funktioniert beispielsweise bei Anabolika, Asthmamitteln oder Drogen wie Amphetaminen oder Cannabis, die ja auch bei Sportlern im Wettkampf verboten sind. Aber zum Beispiel Epo lässt sich so nicht nachweisen", sagt er im Gespräch mit dem SPORTBUZZER.

Russland ließ Doping-Proben verschwinden

Ein weiteres Problem sei, dass die Fälschungssicherheit gewährleistet werden müsse. "Wer Löcher in Laborwände bohren kann, der kann auch solche Tests manipulieren", sagt Sörgel, der damit auf die Unregelmäßigkeiten im russischen Anti-Doping-Labor bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 anspielt. Damals wurden von russischen Geheimagenten die Tests der russischen Sportler durch ein Loch in der Wand ausgetauscht, um positive Proben auszuschließen.

Internationale Pressestimmen zur Russland-Sperre der Wada

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Die internationalen Pressestimmen zum WADA-Urteil gegen Russland. ©

Der von Banka angekündigte Testlauf bei den Olympischen Sommerspielen 2021 in Tokio werde dementsprechend wohl nur ein logistischer sein. "Wie legt man solch einen Test an? Wie ist er technisch umsetzbar? Das sind die Dinge, die die Wada in Tokio testen wird. Ich glaube nicht, dass diese Tests dann schon Ergebnisse liefern werden", sagt Sörgel. Wada-Präsident Banka kündigte an, die Blutstropfenanalyse wohl erst bei den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking standardmäßig einzuführen. Standardmäßig heißt aber auch rechtssicher. "Wie das gehen soll, ist mir schleierhaft. Man müsste praktisch nachweisen, dass man einen Doper beim Fälschen erwischen kann. Schwierig", meint Sörgel.

Für ihn ist es wichtig, dass die normalen Bluttests, die zwischen 200 und 300 Euro kosten, weiter stattfinden – schon allein, um die Blutpässe der Sportler weiterzuführen. Zudem würden nur so Blutzellen entnommen, die Doping-Absichten verraten. Zusätzlich müsse weiterhin der Urin getestet werden. "Epo zum Beispiel lässt sich vor allem darin nachweisen", sagte Sörgel. Er hätte sich daher gewünscht, dass Urintests auch während der Coronavirus-Pandemie durchgeführt worden wären. "Die Einhaltung des Mindestabstands wäre leicht möglich gewesen", sagt er.

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Banka meinte außerdem: "Wenn Dummköpfe auf die Idee kommen, dass jetzt die Zeit zum Dopen gekommen ist, dann kann ich sagen: Nein! Wir werden sie kriegen!" Sörgel ist sich da nicht so sicher. "Nehmen wir nur an, dass ein Sportler im Februar seinen letzten Test hatte – und seinen nächsten erst im September. Dann könnte er bis Mitte August mindestens ein halbes Jahr dopen und hat dann einige Wochen Zeit, um selbst seine Blut- und Anabolika-Werte wieder zu normalisieren." Die beliebten Asthmamittel ließen sogar noch ein Doping bis Mitte August zu, so der Anti-Doping-Experte.


Sörgel glaubt an Doping während Corona-Pandemie

Er geht davon aus, dass einige Sportler Eigenblutdoping betrieben hätten, da dies zuletzt wegen fehlender Kontrollen ohne Probleme möglich gewesen sei. Aber auch Praktiken mit klassischen Dopingmitteln schließt er nicht aus. Asthmamittel zum Beispiel seien nach ungefähr 14 Tagen nicht mehr nachweisbar, sagte Sörgel. Diverse Sportler hätten sicherlich mit der Einnahme von verbotenen Substanzen gezockt – vor allem in Ländern, in denen Doping ohnehin häufig gedeckt wird. "Nach Ausbruch der Pandemie hat zum Beispiel China sofort erklärt, dass Dopingkontrollen ausgesetzt werden. Zufall?", fragt Sörgel.

Dennoch hofft der Forscher darauf, dass die Wada künftig mehr Geld in künstliche Intelligenz investieren kann. Durch erhöhte Rechenleistungen ließen sich schon kleinste Anomalien herausfiltern. Zudem bringt er eine App ins Spiel – ähnlich der Corona-App der Bundesregierung –, die die Bewegungsdaten der Sportler nachzeichnet. Sollte dies mit den Persönlichkeitsrechten der Sportler vereinbar sein, könnten zum Beispiel Besuche bei Dopingärzten nachvollzogen werden. "Es wäre eine Ergänzung zu den Tests – und die Sportler müssen ohnehin angeben, wo sie sich aufhalten", sagt Sörgel.