09. Juli 2019 / 13:35 Uhr

Anti-Doping-Experte Prof. Fritz Sörgel nach Razzia: "Dieser Schlag ist von großer Bedeutung"

Anti-Doping-Experte Prof. Fritz Sörgel nach Razzia: "Dieser Schlag ist von großer Bedeutung"

Sebastian Harfst
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Anti-Doping-Experte Prof. Fritz Sörgel schätzt im SPORTBUZZER-Interview die Folgen und die Bedeutung der europaweiten Razzia ein
Anti-Doping-Experte Prof. Fritz Sörgel schätzt im SPORTBUZZER-Interview die Folgen und die Bedeutung der europaweiten Razzia ein © imago/Jürgen Heinrich
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Anti-Doping-Experte Prof. Fritz Sörgel bewertet nach der europaweiten Razzia die Bedeutung der Aktion und spricht über die Folgen. Er stellt klar: "Doping ist einfach kein Kavaliersdelikt".

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Nach der „Operation Aderlass“ bei der Nordischen Ski-WM in Österreich nun die „Operation Viribus“: In einer länderübergreifenden Aktion sind die Strafverfolgungsbehörden gegen den internationalen Handel mit Doping-Präparaten vorgegangen. Bei der Anti-Doping-Razzia in 33 Ländern wurden insgesamt 234 Verdächtige festgenommen, neun Drogenlabore ausgehoben und tonnenweise Dopingpräparate beschlagnahmt worden. Auch wenn man erst am Anfang der Erkenntnisse stehe, dürften sich die Ermittlungen vor allem gegen Freizeitsportler richten, hieß es vom Zoll. War die Aktion ein entscheidender Schlag gegen die Dopingindustrie?

Im SPORTBUZZER-Interview schätzte Anti-Doping-Experte Prof. Fritz Sörgel, der als Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg tätig ist, die Situation ein.

SPORTBUZZER: Herr Prof. Sörgel, war das der große Schlag gegen die Dopingindustrie?

Prof. Fritz Sörgel: Die Dopingindustrie in ihrer Gänze ist natürlich noch viel größer. Psychologisch und vom Umfang her ist es jedoch ein wichtiger Schritt. Wenn ich 234 Leute festnehme, wenn ich 17 Gruppen des organisierten Verbrechens bezichtige, dann ist das ein erheblicher Schlag. Ganz klar. Nur wird das – wie in der Drogenszene auch – nach einer gewissen Zeit weggesteckt. Und dann geht das Spiel halt von neuem los.

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Es geht in erster Linie um Hobbysportler …

Die Tatsache, dass dort Urin- und Bluttests vorgenommen wurden, deutet darauf hin, dass möglicherweise auch Sportler auf unterer Vereinsebene kontrolliert wurden. Und dass von Arzneimittelfälschungen die Rede ist, spricht dafür, dass auch andere Medikamente wie Appetitzügler, die auch im Hochleistungssport und im privaten Bereich eine Rolle spielen, beschlagnahmt wurden.

Wie ist denn Doping im Hobby- oder Freizeitsport moralisch zu bewerten?

Am Wunsch des Menschen im Wettbewerb überlegen zu sein, kann und will ich nichts ändern. Das ist eine Triebfeder für besondere Leistungen – auch im Beruf. An zweiter Stelle steht die Eitelkeit. Der Erfolg bedient die Eitelkeit oder die Eitelkeit bedingt Erfolg – die Reihenfolge kann man beliebig wählen. Nur ist Doping natürlich nicht fair. Wenn wir uns unser Anti-Doping-Gesetz anschauen, kommt an erster Stelle die Gesundheit, um die man sich sorgt. An zweiter Stelle kommt der Betrug. Und Betrug ist nun mal nicht in Ordnung.

Sörgel warnt vor "suchtmachenden Effekten"

Sie sind Wissenschaftler. Was tun sich Doper mit Steroiden eigentlich an?

Wenn ich die Meldungen richtig interpretiere, geht es hier vor allem um Leute, die Anabolika im niedrigen Konzentrationsbereich anwenden. Aber natürlich sind Anabolika auch in niedriger Konzentration schädlich für die Leber und das Herz. Jeder Mensch reagiert da unterschiedlich. Dazu kommen die suchtmachenden Effekte. Und das betrifft am Ende die Volksgesundheit. Umso wichtiger, dass diese Dinge unterbunden werden. Wir wollen ja nicht, dass Doping in den nächsten zehn Jahren noch weiter zunimmt. Die Gefahr ist doch, dass das Phänomen noch weiter in die Jugend runter geht. Wenn 20- oder 21-jährige Leichtathleten damit anfangen und mit Jugendlichen trainieren, springen Informationen trotz aller Heimlichtuerei in der Dopingszene über. Deswegen ist dieser Schlag von großer Bedeutung. Doping ist einfach kein Kavaliersdelikt.

Wie erklären Sie einem Laien die Wirkung von Steroiden?

In der Bodybuilderszene sind diese Mittel sehr verbreitet. In niedriger Dosierung dienen sie aber nicht dazu, Muskeln aufzubauen. In niedriger Dosierung ist das Anabolikum dafür bekannt, dass es die Belastungsfähigkeit verbessert. Übrigens nicht im Sinne von Stimulation, wie ich es mit Epo oder beim Gewichtheben mit einer hohen Dosis Anabolikum erreiche. Ich kann nur plötzlich statt einer Stunde anderthalb Stunden trainieren. Das ist für Hochleistungssportler und Freizeitsportler attraktiv.

Stichwort Hochleistungssportler: Heißt das, dass wir jetzt mit Enthüllungen rund um die Tour de France rechnen müssen?

In den letzten Jahren lief es diesbezüglich eigentlich ganz gut. Entweder weil man es sehr geschickt macht oder weil es tatsächlich zurückgegangen ist. Wobei ich das nicht glauben mag … Bei den Tour-de-France-Fahrern ist es vor allem das Kortison, wofür die Sportler seit Jahrzehnten sogar Sondergenehmigungen zur Nutzung gegen das sogenannte Belastungsasthma bekommen.

Europol sprach auch vom Einsatz der Mittel in der Tiermast. Am Ende landet das Ganze also in uns allen?

Ja, das kann man so sagen. Wichtig ist: Daran sehen Sie, wie wir in der Breite mit Arzneimitteln umgehen. Da kommt so eine Aktion und sie betrifft den Hochleistungssportler bis hin zur Schweinemast. Das ist doch der Wahnsinn, oder?