28. Mai 2021 / 16:40 Uhr

Jubeln sie bald mit Männern? 96-Frauen-Trainer Baar: "Das kann man nicht wollen"

Jubeln sie bald mit Männern? 96-Frauen-Trainer Baar: "Das kann man nicht wollen"

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Grundsätzlich stimmt 96-Frauen-Trainer Sebastian Baar DFB-Vizepräsident Günther Distelrath zu, jedoch sei dessen Vorschlag nicht zu Ende gedacht.
Grundsätzlich stimmt 96-Frauen-Trainer Sebastian Baar DFB-Vizepräsident Günther Distelrath zu, jedoch sei dessen Vorschlag nicht zu Ende gedacht. © Debbie Jayne Kinsey
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Männer und Frauen sollen nach dem Vorbild der Niederlande auch im deutschen Amateurfußball künftig gemeinsam in einer Mannschaft spielen dürfen. Das fordert zumindest der für Antidiskriminierung zu­stän­di­ge DFB-Vizepräsident Günter Distelrath. „Die strikte Trennung zwischen Frauen und Männern ist mit Blick auf die Geschlechtergerechtigkeit auch im Amateurfußball nicht mehr zeitgemäß“, sagt Distelrath, der auch Präsident des Niedersächsischen Fußballverbandes (NFV) ist. Und was sagt die Basis dazu? Einer, der sich da auskennt, ist Sebastian Baar, Trainer der Frauen von Hannover 96. Ein Interview.

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Herr Baar, was halten Sie vom Vorschlag des NFV-Präsidenten Distelrath?

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Ich finde ihn nicht ganz zu Ende gedacht. Wenn man diesen Vorschlag unter dem Aspekt der Gleichberechtigung betrachtet, dann müsste man auch alle Herren- und Frauenligen auflösen und alle zusammen in ein Ligasystem stecken – das wäre dann tatsächlich Gleichberechtigung. Aber das wäre ja gleichzeitig ein Nachteil für alle Frauen und Mädchen, die Fußball spielen wollen.

Also würden Sie alles so lassen, wie es ist?



Grundsätzlich stimme ich Herrn Distelrath zu. Es gibt immer wieder talentierte Mädchen, die über die B-Junioren hinaus – das ist ja die aktuelle Regelung – bei den Jungs und Herren mitspielen können. Dafür ist es gut, dieses Verbot aufzugeben. Aber die grundsätzliche Zusammenlegung von Frauen und Männern im Fußball wäre aus meiner Sicht nicht zielführend. Und zwar, weil Gleichberechtigung den körperlichen Unterschied – ich weigere mich, davon zu sprechen, dass es einen phy­si­schen Nachteil gibt – nicht missachten kann. Und wenn auch noch die besten Frauen bei den Männern spielen, dann haben wir erst recht keine Gleichberechtigung ge­schaf­fen, weil der Frauen- und Mädchenfußball im Allgemeinen darunter leidet.

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Was schlagen Sie vor?

Ich würde beim Thema Gleichberechtigung erst mal auf die bestehenden Strukturen schauen. Zum Beispiel, dass Frauen und Mädchen nicht erst ganz spät am Tag auf dem hintersten Platz trainieren dürfen, weil die Plätze vorher von den Jungs belegt sind, die die guten Bedingungen genießen sollen. In diese Richtung sollte man denken.

Frauen und Männer in einer Mannschaft spielen zu lassen, solle so schnell wie möglich „in allen Amateurklassen unterhalb der Regionalliga“ gelten, sagt Distelrath. Ist es also realistisch, dass Frauen in der Oberliga mitspielen, beispielsweise bei Arminia Hannover?

Nein. Da kann ich auch ganz entschieden Nein sa­gen. Ich bin selbst kein riesengroßer und körperlich starker Fußballer gewesen. Ich hatte auch meine Probleme, mich in der Oberliga gegen jemanden durchzusetzen – und es hat schon mal ordentlich geknallt und wehgetan. In Testspielen verhalten sich die Jungs immer sehr respektvoll. Aber wenn es dann um Punkte geht ... Oberliga ist ja keine Hobbyliga mehr. Die ziehen voll durch. Das kann man nicht wollen.

Wie hoch können Frauen im Männerfußball spielen?

Ich kann mir vorstellen, dass es in der A-Jugend noch möglich ist, sehr hoch als Mädchen und Frau mitzuspielen. Aber wenn es im Herrenfußball gegen einen abgezockten 33-Jährigen geht, der auch mal die Sense auspackt, dann sehe ich eher nur die Nachteile. Ich verstehe nicht, warum ich eine Frau in der Bezirksliga mitspielen lassen soll, wenn sie auch Frauen-Bundesliga spielen kann. Und jede Frau, die Bezirksliga Herren spielen kann, kann aus meiner Sicht sehr, sehr hohen Frauen-Fußball spielen. Mädchen müssen ja schon mit 16 oder 17 in den Frauenbereich wechseln, warum sollen sie nicht auch noch in der A-Jugend mit den gleichaltrigen Jungs spielen? Das bringt sie total weiter.

Sie spielen mit den 96-Frauen im Juni in der Relegation gegen den SV Henstedt-Ulzburg um den Aufstieg in die zweite Liga – und das nach der coronabedingt längsten Winterpause aller Zeiten.

Wir wollen die einmalige Gelegenheit nutzen, mit so wenig Spielen aufzusteigen. Das ist sicherlich fragwürdig, aber wenn man die Möglichkeit hat ...

Sie wechseln danach zur U16 des JFV Calenberger Land, könnten 96 als Aufstiegstrainer verlassen. Realistisch?

Ich sehe Henstedt-Ulzburg schon als klaren Favoriten, allein aufgrund der Erfahrung. Wir sind noch ein sehr junges Team. Und die sind schon sehr, sehr gut. Aber in zwei Spielen ist immer alles möglich: Wir glauben an unsere Chance.