20. Mai 2020 / 06:00 Uhr

Chelsea-Profi Antonio Rüdiger über Corona-Pause, DFB-Team und Rassismus: "Werde nicht aufgeben"

Chelsea-Profi Antonio Rüdiger über Corona-Pause, DFB-Team und Rassismus: "Werde nicht aufgeben"

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Antonio Rüdiger verteidigt beim FC Chelsea und in der deutschen Nationalmannschaft.
Antonio Rüdiger verteidigt beim FC Chelsea und in der deutschen Nationalmannschaft. © imago images/Sportimage
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Nationalspieler Antonio Rüdiger muss derzeit vor allem eines: warten. Im SPORTBUZZER-Interview der Verteidiger des FC Chelsea über die Corona-Pause der Premier League, den Kampf um einen Stammplatz beim DFB - und gegen Rassismus.

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SPORTBUZZER: Antonio Rüdiger – haben Sie am Wochenende eher neidisch oder kopfschüttelnd in die Heimat nach Deutschland geschaut?

Antonio Rüdiger (27): Es war schon sehr gewöhnungsbedürftig auch vor dem TV – so ganz ohne Fans und typische Stadionatmosphäre. Ich habe mich aber darüber gefreut, dass in Deutschland der Ball endlich wieder rollt.

Wie fühlen Sie sich aktuell: Hilflos? Gelangweilt? Wütend?

Weder noch. Der Fußball fehlt, ganz klar. Aber die Gesundheit geht vor. Ich bin nicht in einer Kommission, um irgendetwas zu entscheiden, daher beschwere ich mich auch nicht. Ich bin gerade Vater geworden, daher wird mir sicher nicht langweilig. Es gibt, bei allen negativen Begleiterscheinungen, auch schlechtere Zeitpunkte, in denen ich rund um die Uhr zu Hause sein kann. Und ich habe mein Haus praktisch zwei Monate nicht mehr verlassen – außer in unseren Garten (lacht).

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Mit dem FC Chelsea stehen Sie in der Premier League auf Platz 4, sind unumstrittener Stammspieler. Müssten Sie nicht auch in der Nationalelf gesetzt sein?

Ein Stammplatz beim DFB ist mein Anspruch, ganz klar. Aber dabei spielt der Verein, bei dem man unter Vertrag steht, nur eine Nebenrolle – da geht es vor allem darum, konstant Leistung zu zeigen. Natürlich will ich auch bei der Nationalelf noch mehr rausholen, allerdings waren zu meiner Anfangszeit Mats Hummels und Jeromé Boateng lange gesetzt. Da war es schwierig, überhaupt Einsätze zu bekommen.

Sie standen in 30 Länderspielen mit 17 (!) verschiedenen Akteuren in der Abwehrreihe. Aktuell scheint der Kampf um die DFB-Stammplätze komplett offen.

Dazu hat jeder seine eigene Meinung – ich kann nur für mich sprechen. Und ich glaube, dass ich, wenn ich fit bleibe, in einer guten Position bin.

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Wie hat sich das Verteidigen seit ihrem ersten Länderspiel 2014 verändert?

Grundsätzlich hängt die gesamte Ausrichtung einer Mannschaft auch immer von den Spielern ab. Zu meiner Anfangszeit beim DFB hatten wir in jedem Spiel 60, 70 Prozent Ballbesitz, hatten überragende Einzelspieler wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Mesut Özil. Wir waren Weltmeister, sind durch die Quali marschiert, haben kaum ein Spiel verloren – da gab es keinen Grund, irgendwas zu ändern. 2018 wurden wir dann eines Besseren belehrt. Danach mussten wir uns ein stückweit neu erfinden.

"Der Umbruch wurde eingeleitet"

Wie hat sich das ausgewirkt?

Der Umbruch wurde eingeleitet. Wir haben jetzt andere Spielertypen dabei, spielen verschiedene Systeme, sind vielleicht etwas flexibler geworden. Beim Sieg gegen Holland, wo ich auf dem Platz stand, haben wir beispielsweise auf Konter gespielt und sind damit sehr gut gefahren.

Joachim Löw hat vieles ausprobiert: Dreier-, Vierer, Fünferkette. Sie haben auch schon als Außenverteidiger gespielt. Wo fühlen Sie sich am wohlsten?

Als Innenverteidiger in der Viererkette. Das ist für mich noch immer taktisch die beste Variante, außerdem kommt sie meinem Spiel entgegen.

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Ist es für Deutschland ein Vorteil, dass die EM verschoben wurde angesichts der vielen Langzeitverletzten?

Klar ist es für die Spieler, die gerade aus einer Verletzung kamen oder noch verletzt sind, schön, dass sie nun noch Zeit haben. Andererseits steht für die meisten wohl die härteste Saison aller Zeiten an. Egal, wann es wo weitergeht, wird es unfassbar viele Spiele und wenig Pausen geben. Und da muss man natürlich noch mal abwarten, welche Auswirkungen dies auf das Verletzungsrisiko haben wird.

Auch Leroy Sané war lange verletzt. Was raten Sie Ihrem Kumpel bezüglich eines möglichen Wechsels zum FC Bayern?

(lacht) Ich muss ihm da gar nichts raten. Egal, ob er bei ManCity bleibt oder zu Bayern geht. Jeder kennt ihn und weiß, zu was er im Stande ist. Ich wünsche ihm nur, dass er gesund bleibt. Dann wird er für Deutschland noch ein sehr, sehr wichtiger Spieler – daran habe ich nie gezweifelt.

"Ich fühle mich in London bei Chelsea sehr wohl"

Wie sehen Sie Ihre persönliche Zukunft? Ist die Bundesliga nach Vertragsende 2022 noch mal ein Thema?

Ich würde das niemals ausschließen, aber aktuell ist es nicht in meinem Kopf. Ich fühle mich in London und bei Chelsea wohl, ich bin komplett akzeptiert und respektiert – das gibt man nicht so einfach auf.

Das wurden Sie auch beim VfB Stuttgart. Verfolgen Sie Ihren Heimatklub noch und trauen ihm zu, sich mittelfristig wieder in der Bundesliga zu etablieren?

Das hoffe ich. Ich habe ab und zu noch Kontakt zu Daniel Didavi und bin mir sicher, dass der Klub aufsteigt. Der VfB gehört in die Bundesliga. Ich wünsche ihm nur das Beste.

Sie haben die Corona-Pause auch für soziale Projekte genutzt, Masken nach Sierra Leone gebracht und die Berliner Charité mit Essen beliefert.

Meine Mama hat mir immer gesagt, wie toll sie bei meiner Geburt dort behandelt wurde, daher war es mir wichtig. Und in Sierra Leone habe ich familiäre Wurzeln und wollte den Menschen helfen, die es wirklich nötig haben.

Viele Fußballer haben sich zuletzt sozial engagiert, es wird immer wieder von neuer Demut gesprochen. Glauben Sie, dass davon etwas hängenbleibt oder ist drei Wochen nach Corona wieder alles beim Alten?

Ich glaube, dass sehr schnell alles ist wie vorher.

"Wer bin ich, um darüber zu urteilen?"

Warum?

So sehe ich es nun mal, so sind die Leute. Jetzt bedanken sich alle bei den Menschen, die im Krankenhaus arbeiten, die Menschen sterben sehen – aber die arbeiten da immer, die sehen jeden Tag Leute sterben. Man sollte sich immer bei ihnen bedanken, sie immer respektieren. Das tue ich.

Ein Problem der Gesellschaft?

Absolut. Meiner Meinung nach sollte jeder in sein eigenes Haus schauen, nicht in das eines anderen. Jeder sollte sich zunächst mal um sich selbst kümmern, auf sich gucken. Wenn jemand ein Goldsteak isst oder eine teure Jacke trägt, dann werde ich das nicht bewerten. Wer bin ich, um darüber zu urteilen?

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In Deutschland forderten Politiker die Bundesliga-Profis auf, auf Geld zu verzichten. In England wurden Spieler persönlich angegangen, weil sie dazu nicht bereit waren.

Noch so ein Thema. Sind Fußballer eigentlich die einzigen Menschen, die gutes Geld verdienen? Ich glaube nicht. Da gibt es auch noch sehr viele andere Branchen. Aber es ist wie immer sehr einfach, auf uns mit dem Finger zu zeigen.

Sie haben mehrfach starke Statements gegen Rassismus gesetzt. Glauben Sie, dass dieses Thema irgendwann mal komplett verschwindet, auch aus dem Sport?

Da bin ich skeptisch. Denn es hat sich bis heute sehr wenig geändert, in den letzten Jahren ist es tendenziell sogar wieder vermehrt aufgetreten. Viel Hoffnung habe ich nicht, aber ich werde nicht aufgeben, dagegen zu kämpfen!