02. April 2020 / 08:14 Uhr

ARD-Experte Broich über Corona, seinen Bald-Kollegen Schweinsteiger und seinen Trainerjob in Frankfurt

ARD-Experte Broich über Corona, seinen Bald-Kollegen Schweinsteiger und seinen Trainerjob in Frankfurt

Tim Lüddecke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Thomas Broich (r.) hätte als ARD-Experte von der EM mit Moderator Matthias Opdenhövel berichtet.
Thomas Broich (r.) hätte als ARD-Experte von der EM mit Moderator Matthias Opdenhövel berichtet. © imago images / MIS
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Ex-Profi, ARD-Experte und bald Trainer: Thomas Broich spricht im Interview über Fakenews in Zeiten von Corona und schwierige Anfänge vor der Kamera. Zudem erklärt er, warum es ihn ab Sommer zurück auf den Platz, zur U15 von Eintracht Frankfurt, zieht. 

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Im Sommer hätte Thomas Broich eigentlich sein Debüt als EM-Experte für die ARD gegeben. Doch dann kam das Coronavirus, und die Welt ist seitdem eine andere. Das Thema beschäftigt den 39-Jährigen merklich, immer wieder stellt er während des Interviews Rückfragen. Das aufgeschriebene Gespräch jedoch dreht sich ausnahmsweise mal weniger um Corona.

Herr Broich, wie ergeht es Ihnen?

Mein Stecker wurde einmal komplett gezogen. Ironischerweise hatte ich im März den geschäftigsten Monat ever, mit gerade mal drei freien Tagen. Alles war durchgetaktet: Messen, Podiumsdiskussionen, Bundesliga, Champions League. Dann kam der Einbruch, von 100 auf 0. 

Fehlt Ihnen dadurch etwas?

Gerade überhaupt nicht. Ich bin da relativ easy-going. Es ist ja auch nicht so, dass ich keine Arbeit habe. Ich kann Spiele analysieren, die liegen geblieben sind, finde es sogar angenehm, zur Abwechslung mal mit viel Muße auf eine Partie zu gucken.

Es gibt bereits Szenarien, in denen in diesem Jahr kein Fußball mehr gespielt wird.

Was momentan abgeht, ist irre. Normalerweise gelingt es einem, sich wenigstens so halbwegs einen Reim auf die Welt zu machen. Das ist aktuell überhaupt nicht der Fall.

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Schützen Sie sich vor Fakenews?

Für obskure Theorien bin ich nicht anfällig. Meine Quellen sind landesweite Zeitungen und renommierte Institute. Mit vernünftigen Stimmen, einer klaren Einordnung. Panikmache ist das Letzte, was das Land in dieser Situation braucht.

Bundestrainer Joachim Löw hat kürzlich zu einer Art Gesellschaftskritik ausgeholt, sprach von einem Burnout der Welt, von Machtgier, und der Jagd nach Profit und Rekorden.

Fundamentalkritik am Kapitalismus war nicht unbedingt das, was ich bei diesem Auftritt erwartet hätte. Aber grundsätzlich ist es unabhängig von Anlass und Kontext nicht verkehrt, wenn eine exponierte Person wie der Bundestrainer nachdenkliche Töne anstimmt.

Müssen, gerade im Fußball, alle mal wieder ein bisschen runterkommen?

Wahrscheinlich schon. Das Ganze ist ja ein Wirtschaftskreislauf. Alles ist verzahnt und voneinander abhängig. Welche Unternehmen werden in der Lage sein, weiterhin Unsummen in den Fußball reinzupumpen? Wie kriegen die Sender die exorbitanten Rechtepakete refinanziert? Am Ende muss die Rechnung für alle Beteiligten aufgehen.

Broich: "Sich nur die Rosinen rauszupicken, geht nicht"

Fällt es Ihnen als TV-Experte eigentlich schwer, zu jedem und allem eine Meinung haben zu müssen?

Das ist Berufsrisiko. Dabei ist doch auch klar; so sehr ich mich bemühe, Sachverhalte fundiert und differenziert einzuordnen, gebe ich manchmal Sachen von mir, die ich mit ein bisschen Abstand so nicht mehr äußern würde. Bei Themen, die weit über den Fußball hinaus gehen, bewegt man sich auf noch dünnerem Eis, ob bei den Protesten gegen Dietmar Hopp oder jetzt in Zeiten von Corona.

Wäre diese Gefahr bei der EM, wo Sie als ARD-Experte eingeplant waren, noch größer gewesen?

Das ist ja bei jedem so, der sich an die Front traut: bei Funktionären, bei Politikern, bei Spielern. Je größer das Publikum ist, desto mehr wird polarisiert. Und bei einem EM-Länderspiel sind es dann eben 20 Millionen. Im Leben hat alles seinen Preis – sich nur die Rosinen rauszupicken, geht wahrscheinlich nicht. (lacht)

Ist so eine Bühne neu für Sie?

Als Ex-Profi hat man ja das Gefühl, schon 100.000 Mal vor der Kamera gestanden zu haben. Nach dem Spiel interviewt zu werden, ist vergleichsweise easy, da geht es eher darum, gewisse Dinge nicht zu sagen. Der Expertenjob ist genau das Gegenteil. Jede Aussage soll einen gewissen Mehrwert haben und im Idealfall noch pointiert formuliert sein.

Ist das schwierig?

Einfach ist was anderes! Noch schwieriger ist allerdings die Moderation vor der Kamera in unseren Taktikanalysen. Direkt in die Kamera blicken, unfallfrei komplexe Texte aufsagen, dabei völlig natürlich klingen und am besten noch Charme versprühen… Seither habe ich höchsten Respekt vor allen Fernsehmoderatoren.

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Zur EM wäre Bastian Schweinsteiger Ihr ARD-Experten-Kollege geworden.

Das ist ganz lustig, denn wir haben in unserer Jugend beide für 1860 Rosenheim gekickt. Sein älterer Bruder war bei mir in der Truppe, erst in Rosenheim, dann bei Unterhaching. Unsere Eltern kannten sich auch von den Wochenenden auf dem Fußballplatz. Wir haben damals meine ganze Fußballausrüstung beim Fredl (Schweinsteiger senior, d. Red.) im Sportgeschäft in Oberaudorf gekauft. Basti und ich waren altersbedingt jetzt keine "Best Buddys", aber haben uns immer gut verstanden, auch später noch in der U21.

Könnte also passen zwischen Ihnen?

Ich freue mich total auf die Zusammenarbeit. Mich interessiert seit einiger Zeit brennend, wem seitens der Profis wirklich Ahnung vom Fußball attestiert wird. Der Name Schweinsteiger fällt öfter. Da wurde nicht nur einer fürs Publikum verpflichtet als der Weltmeister mit den Kampfspuren im Gesicht.

"Ich kriege das bei vielen Trainern und Spielern mit, dass alle des Polemischen überdrüssig sind, dieses Floskelhafte, die vagen Debatten, wenn wir über Mentalität, Gier oder Alphatiere reden."

Thomas Broich, ARD-Experte

Wie versuchen Sie in Ihrer Rolle rüberzukommen?

Das Letzte, was ich will, ist, jemanden in die Pfanne zu hauen. Man muss Fehler thematisieren, aber man hat viel Spielraum, was die Art und Weise angeht – und ich weiß ja nur zu gut, wie es sich auf der anderen Seite anfühlt. Am Ende interessiert mich auch nicht der individuelle Fehler.

Sondern?

Mein Antrieb ist es, die Mechanismen des Spiels aufzuzeigen. Als Analysten leisten wir gute Arbeit, sobald wir beantworten können, mit welchen taktischen Finessen Trainer ihren Mannschaften einen Vorteil verschaffen. Ich kriege das bei vielen Trainern und Spielern mit, dass alle des Polemischen überdrüssig sind, dieses Floskelhafte, die vagen Debatten, wenn wir über Mentalität, Gier oder Alphatiere reden. Aber wir müssen die Diskussion ersetzen.

Durch was?

Mein Eindruck ist, dass im Ausland teilweise differenzierter über Fußball gesprochen wird. Die Printmedien sezieren Spiele unter taktischen Gesichtspunkten. In Pressekonferenzen wird den Trainern inhaltlich wirklich auf den Zahn gefühlt. Dadurch steigt das Niveau der Debatte. Je mehr ich über Fußball weiß, je mehr ich im Spiel erkenne – desto mehr macht mir doch auch das Gucken Spaß. Ich kann mir vorstellen, dass es anderen auch so geht.

Dieses Wissen werden Sie ab Sommer versuchen, zusammen mit Jerome Polenz als Trainer der U15 von Eintracht Frankfurt anzuwenden.

Die letzten Jahre habe ich vor allem damit verbracht, ein Spiel nach dem anderen zu analysieren und versucht, in unzähligen Gesprächen neue Erkenntnisse zu gewinnen. Jetzt bietet sich die Gelegenheit, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Ich bin überzeugt davon, dass sich diese Arbeit auch positiv auf meine Tätigkeit als Experte auswirken wird.