14. September 2021 / 18:18 Uhr

ARD-Moderator Steffen Simon über Zanardi-Unfall: "Niemand hat für möglich gehalten, dass er das überlebt"

ARD-Moderator Steffen Simon über Zanardi-Unfall: "Niemand hat für möglich gehalten, dass er das überlebt"

Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
ARD-Reporter Steffen Simon moderierte vor 20 Jahren die Live-Sendung vom ChampCar-Rennen am Lausitzring, bei welchem Alessandro Zanardi schwer verunglückte.
ARD-Reporter Steffen Simon moderierte vor 20 Jahren die Live-Sendung vom ChampCar-Rennen am Lausitzring, bei welchem Alessandro Zanardi schwer verunglückte. © Matthias Hiekel/dpa, Arne Dedert/dpa
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Steffen Simon moderierte beim Unfall von Alessandro Zanardi live in der ARD. Im Interview spricht Simon über die gespenstischen Momente danach und die Reaktion vom DTM-Experten Klaus Ludwig.

Steffen Simon, 2001 Sportchef beim Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB), moderierte die Live-Übertragung des ChampCar-Rennens auf dem Lausitzring. Nach dem Unfall von Alessandro Zanardi brach die ARD die Übertragung ab. Simon (56), heute Sportchef beim Westdeutschen Rundfunk, erinnert sich im Interview an die Minuten danach, welche Bedeutung die Sendung für ihn hat und warum die Übertragung innerhalb der ARD schon vorher umstritten war.

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Herr Simon, haben Sie den Unfall von Alessandro Zanardi von Ihrer Position als Moderator gesehen?

Steffen Simon: Nein, ich hatte es nur auf dem Bildschirm gesehen. Ich war völlig fassungslos und musste das erst einmal verarbeiten.

Was passierte danach?

Klaus Ludwig, der mehrmalige DTM-Champion, war unser ARD-Experte. Er rannte aus dem Studio und rief: Der Mann ist tot! Dann stand ich da, alleine. Plötzlich hieß es, wir müssen sofort aus der Übertragung raus. Und dann haben sie zu mir geschaltet, und ich habe versucht, so gut es ging, die Situation zu schildern. Für mich war das damals eine echte Herausforderung.

In der Abmoderation sagen Sie, dass es ARD-intern große Diskussion gegeben hatte, ob man das Rennen überhaupt übertragen soll. Nur vier Tage davor hatten die Anschläge des 11. Septembers stattgefunden. Was waren die Überlegungen?


Es gab schon vor den Anschlägen intensive Diskussionen: Die ARD war damals der DTM-Sender, einige Kollegen sahen es als Entwertung der DTM, wenn wir das amerikanische Formel-1-Äquivalent übertragen. Als Sportchef des ORB habe ich dafür votiert, das Rennen zu zeigen. Die Diskussion spitzte sich in Folge der Anschläge noch zu. Die einen sagten, dass wir es auf keinen Fall übertragen dürfen, die anderen sagten: Die größte amerikanische Gemeinschaft außerhalb der USA ist gerade wegen dieses Rennens in Deutschland! Im Ergebnis haben wir dann nicht nur das Rennen übertragen, sondern auch die Trauerfeier vor dem Rennen. Diese haben sogar mehr Menschen am Bildschirm verfolgt als das Rennen selbst.

Was geschah nach der Abmoderation?

Ehrlich gesagt, kann ich das nicht mehr genau sagen, das ist wohl die Folge dieses Schockerlebnisses. Ich weiß noch, dass ich hinterher den völlig aufgelösten Klaus Ludwig gefragt habe, warum er gegangen ist. Aber ich weiß auch nicht mehr, was er geantwortet hat. Es war einfach eine gespenstische Situation.

War es der schlimmste Moment Ihrer Karriere?

Ja, wahrscheinlich schon. Es war der Moment, wo wirklich jemand schwer zu Schaden gekommen ist. Wir gingen zunächst alle davon aus, dass Alessandro Zanardi gestorben war. Niemand hat für möglich gehalten, dass er das überlebt.

Haben Sie Zanardi danach einmal getroffen?

Ich persönlich nicht. Aber bei Programmentscheidungen kam ich immer wieder mit seiner Person in Berührung. Zwei Jahre später durfte er die letzten Runden auf dem Lausitzring fertig fahren, das haben wir dann auch in der Sportschau gezeigt. Wir konnten von Potsdam aus die Kolleginnen und Kollegen vom WDR davon überzeugen, Zanardis letztes Rennen in die Sportschau reinzunehmen, das waren überwältigende Bilder. Wir haben ihn auch im Rahmen der Berichterstattung regelmäßig besucht und seinen persönlichen Werdegang verfolgt. Er ist ein unfassbar positiver Mensch, wenn man überlegt, welche Schicksalsschläge er erfahren musste.

Wie haben Sie reagiert, als Sie erfahren haben, dass er vor gut einem Jahr einen schweren Unfall mit seinem Handbike hatte und erneut um sein Leben kämpfen muss?

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Es hat mich sehr stark beschäftigt, ich habe diese ganze Fassungslosigkeit, die schon damals auf dem Lausitzring geherrscht hatte, noch einmal durchlebt. Ich dachte: Wie kann ein einzelner Mensch solch schwere Schicksalsschlägen erleiden und damit klar kommen?