29. September 2020 / 15:46 Uhr

Ärger über Corona-Regeln: TSV Hillerse wehrt sich mit öffentlichem Statement

Ärger über Corona-Regeln: TSV Hillerse wehrt sich mit öffentlichem Statement

Benno Seelhöfer
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Ärger über die Corona-Verordnung: Auch die Sitzplatz-Regelung ist dem TSV Hillerse ein Dorn im Auge.
Ärger über die Corona-Verordnung: Auch die Sitzplatz-Regelung ist dem TSV Hillerse ein Dorn im Auge. © Foto: Lea Rebuschat
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Viele Amateur-Fußball-Klubs ärgern sich über die jüngsten Corona-Regeln in Niedersachsen. Der TSV Hillerse hat jetzt ein öffentliches Statement an den Gifhorner Landtagsabgeordneten geschickt - und erhält dafür großen Zuspruch.

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Die jüngsten Corona-Maßnahmen des Landes Niedersachsen (gelten mindestens bis 8. Oktober) sorgen bei heimischen Fußball-Vereinen für großen Unmut. So sorgte bereits das in den Verordnungen festgelegte Bier-Verbot bei mehr als 50 Zuschauern an Sportplätzen für große Kritik. Das stößt auch beim TSV Hillerse auf Unverständnis.

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Der Bezirksligist will sich jetzt aber wehren, hat ein öffentliches Statement verfasst, das an den Gifhorner Landtagsabgeordneten Philipp Raulfs geschickt und auf seiner Facebook-Seite weitere Vereine dazu animiert, diesem Beispiel zu folgen. "Nur so besteht die Chance, dass die Meinung der kleinen Vereine gehört wird und es eventuell zu einem Umdenken kommt", heißt es dort vonseiten des TSV, der vor allem kritisiert: "Es erschließt sich uns nicht, warum die Öffnung für den Profi-Sport zu neuen Einschränkungen im Amateurbereich führt."

Fußball-Spartenleiter Heinz Gerono begründet das Vorgehen des Vereins: "Wir sind wirklich gefrustet, was die Corona-Regeln angeht. Wir merken, die Auflagen werden immer schlimmer." Ihm fehle die klare Trennung zwischen Profi- und Amateur-Sport. Gerade das Bier-Verbot "trifft die Amateur-Vereine", so Gerono. "Jetzt bei den Pokalspielen bleibt so viel über, dass man sich fragt, ob sich da Kassieren überhaupt noch lohnt. Wir haben weiterhin Ausgaben, aber die Einnahmequellen versiegen."

Bier-Verbot "unverhältnismäßig"

Auch wenn sich der Klub in seinem Statement - wie Gerono - über das Bier-Verbot ärgert und es für "unverhältnismäßig" hält. Geht die Hillerser Kritik an den Corona-Regeln auch darüber hinaus. "Die Einführung der Maskenpflicht außerhalb des eigenen Sitzplatzes ist für uns ebenfalls nicht nachvollziehbar", heißt es beispielsweise in dem öffentlichen Statement, das der TSV-Vorstand im Internet veröffentlicht hat. "Wir können unseren Zuschauern nicht erklären, warum sie vor dem Sportgelände keine Maske tragen müssen, aber mit Betreten des Sportplatzes plötzlich andere Regeln herrschen."

Auch die Regelung, dass bei mehr als 50 Zuschauern die Fußball-Spiele nur im Sitzen verfolgt werden dürfen, sei im Amateur-Sport nicht zielführend. "Sie mag ihren Sinn dort haben, wo es Stadien mit fest installierten Sitzplätzen gibt", so der TSV. "In einem Stadion kann man dann durch eine feste Sitzplatz-Zuteilung recht einfach sicherstellen, dass die Mindestabstände eingehalten werden." Aber auf dem Sportplatz "sitzen die Zuschauer dann zusammen, anstatt zusammenzustehen. Auch wechseln sie mit ihren Campingstühlen regelmäßig die Position auf dem Sportgelände."

Ordner sind schwer zu finden

Das alles bringe obendrein ein personelles Problem mit sich. Es werden mehr Ordner benötigt, wo sowieso schon nur wenige verfügbar seien, so der Klub in seinem Statement. "Jetzt, wo man als Ordner ständig Ermahnungen aussprechen muss, weil Zuschauer sich hinstellen oder ihre Maske nicht tragen, ist es fast unmöglich, solche engagierten Vereinsmitglieder zu finden." Auch seien die Helfer durch die strengeren Regeln mehr Anfeindungen seitens der Zuschauer ausgesetzt.

Auf der Facebook-Seite des TSV findet das Statement des Vorstands großen Anklang - auch bei Mitgliedern anderer Vereine. Der Post wurde (Stand Dienstagnachmittag) bereits über 200 Mal geteilt, 269 Nutzer haben auf "Gefällt mir" gedrückt. Gerono: "Wir merken, dass viele Vereine unsere Meinung teilen."

Die Stellungnahme des TSV Hillerse zur neuen Corona-Verordnung des Landes Niedersachsen im Wortlaut

"Am 23.09.2020 hat die Landesregierung die Niedersächsische Corona-Verordnung geändert, um wieder Zuschauer im Profisport zu ermöglichen. Gleichzeitig wurden jedoch die Auflagen für Amateurvereine erheblich verschärft. Der Vorstand des TSV Hillerse ist der Meinung, dass die Landesregierung bei der entsprechenden Änderung der Verordnung weit über das Ziel hinausgeschossen ist. Es erschließt sich uns nicht, warum die Öffnung für den Profisport zu neuen Einschränkungen im Amateurbereich führt:

• § 26 Absatz 2 Nr. 5:

Das Verbot des Alkoholausschankes ist für uns unverhältnismäßig. Gerade nach der langen Schließung der Vereinsgaststätten sind die Pächter bzw. die Vereine auf die Einnahmen aus der Bewirtung während des Spielbetriebes angewiesen. In der Presse wurde berichtet, dass durch das Alkoholverbot überschwänglicher Jubel und Leichtsinn auf den Tribünen der Profivereine verhindert werden soll. Dies ist zwar noch nachvollziehbar – wer aber regelmäßig zu Besuch auf Amateursportplätzen ist, wird feststellen, dass es dort nicht zu großen emotionalen Ausbrüchen kommt. Auch nicht, wenn Alkohol ausgeschenkt wird. Daher mag die Regelung im Profibereich Sinn machen, aber nicht bei uns Amateuren.

• § 26 Absatz 2 Nr. 6:

Die Einführung der Maskenpflicht außerhalb des eigenen Sitzplatzes ist für uns ebenfalls nicht nachvollziehbar. Eine Maskenpflicht gilt ansonsten nur für Veranstaltungen in geschlossenen Räumen oder wenn Mindestabstände nicht eingehalten werden können. Es ist nicht ersichtlich, warum auf Sportplätzen von dieser Systematik abgewichen wird. Durch das verlangte Hygienekonzept haben wir bereits sichergestellt, dass insbesondere beim Einlass jederzeit der Sicherheitsabstand eingehalten werden kann. Wir können unseren Zuschauern nicht erklären, warum sie vor dem Sportgelände keine Maske tragen müssen, aber mit Betreten des Sportplatzes plötzlich andere Regeln herrschen.

• § 26 Absatz 2 Nr. 4:


Nach dem reinen Wortlaut der Vorschrift dürfen die Amateurvereine keine Fans des Gegners auf ihr Sportgelände lassen. Es ist aber nahezu unmöglich festzustellen, ob ein Zuschauer Anhänger des Gastvereins ist oder nicht. Zwar soll laut Auskunft des Niedersächsischen Fußball-Verbandes das Innenministerium mitgeteilt haben, dass der Verkauf von „Tickets am Tag der Sportveranstaltung durch den Heimverein an einzelne Personen, die Fans des Gastvereins sind“ nicht untersagt sei. Dies geht jedoch nicht aus der Verordnung hervor oder man muss die Vorschrift schon sehr großzügig interpretieren, um diese Bedeutung herauszulesen. So ist dieses Verbot mindestens äußerst schlampig formuliert worden.

• § 26 Absatz 2 Nr. 1:

Schon seit längerem gibt es das Verbot, Amateurspiele stehend zu verfolgen. Auch diese Vorgabe können wir nicht nachvollziehen. Sie mag ihren Sinn dort haben, wo es Stadien mit fest installierten Sitzplätzen gibt. In einem Stadion kann man dann durch eine feste Sitzplatzzuteilung recht einfach sicherstellen, dass die Mindestabstände eingehalten werden. Auf einem Sportplatz ohne feste Sitzplätze gilt dies aber nicht. So ist bei den meisten Amateurspielen zu beobachten, dass die Zuschauer sich ihre eigenen Stühle mitbringen und diese irgendwo auf dem Sportgelände aufstellen. Anstatt zusammen zu stehen, sitzen die Zuschauer dann zusammen. Auch wechseln sie mit ihren Campingstühlen regelmäßig die Position auf dem Sportgelände. Wir können nicht erkennen, wie durch die selbst mitgebrachten Stühle ein höheres Maß an Sicherheit gewonnen werden kann.

Zusammenfassend haben wir den Eindruck, dass den Ehrenamtlichen in den Amateurvereinen in dieser schwierigen Zeit durch die Landesregierung das Leben noch deutlich schwerer gemacht wird als es sein müsste. Die Einhaltung aller Vorschriften erfordert sehr viel zeitlichen und personellen Aufwand. So müssen wir bei Heimspielen im Fußball anstelle der üblichen vier nun bis zu zehn Ordner einsetzen, welche über die gesamte Spielzeit die Einhaltung der Vorschriften kontrollieren. Es war schon zu normalen Zeiten sehr schwer, Personen zu diesem Ehrenamt zu überreden. Jetzt, wo man als Ordner ständig Ermahnungen aussprechen muss, weil Zuschauer sich hinstellen oder ihre Maske nicht tragen, ist es fast unmöglich, solche engagierten Vereinsmitglieder zu finden. Wir haben es beispielsweise in den letzten Wochen öfter erlebt, dass unsere Ordner angefeindet wurden, als sie Zuschauern ohne eigenen Stuhl den Einlass verwehrt haben. Als Alternative müssten wir die Zuschauerzahl auf 50 reduzieren – was zu weiteren erheblichen Einnahmeausfällen und zu Unmut bei den abgewiesenen Zuschauern führen würde."