27. August 2020 / 18:24 Uhr

Atalanta-Profi Lennart Czyborra: "Union hat mich schon immer abgeholt"

Atalanta-Profi Lennart Czyborra: "Union hat mich schon immer abgeholt"

Marius Böttcher
Märkische Allgemeine Zeitung
Im heimischen Wandlitz musste Lennart Czyborra auf viele Foto- und Autogrammwünsche der jüngsten Kicker erfüllen.
Im heimischen Wandlitz musste Lennart Czyborra auf viele Foto- und Autogrammwünsche der jüngsten Kicker erfüllen. © Marius Böttcher
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Der gebürtige Berliner war auf Stippvisite im heimischen Wandlitz und spricht im Interview über seine Verbundenheit zu Union Berlin, die Corona-Situation in Italien, Fotos mit Kylian Mbappe und Nachbar Robin Gosens.

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Hoher Besuch bei Eintracht Wandlitz: Lennart Czyborra (21), Spieler von Champions-League-Viertelfinalist Atalanta Bergamo, besuchte seinen Heimatverein und schenkte der Jugend zwei Trikotsätze. Am Rande des Termins sprach er mit dem SPORTBUZZER.

Zurück im beschaulichen Wandlitz, dort wo alles begann. Wie fühlt sich das nach Hause kommen an?

Lennart Czyborra: Es fühlt sich immer sehr gut an, in der Heimat bei der Familie zu sein. Das letzte Mal war ich Anfang Mai zu meinem Geburtstag zwei Tage hier, davor im Januar. Hier auf dem Sportplatz kommen natürlich auch Erinnerungen hoch.

Die da wären?

Die Eintracht ist mein erster Verein, ich kann mich noch genau an mein erstes Training mit meinem Bruder zusammen erinnern. Ich habe bei Trainer Ulf Möller gefragt, ob ich mitmachen darf. Eigentlich war ich zu jung, doch er meinte, dass er mich mal hat kicken sehen und ich deshalb dazukommen soll.

Aufregende Wochen und Monate liegen hinter Ihnen, im Januar wechselten Sie von Heracles Almelo nach Italien zu Atalanta Bergamo. Wie kam dies zu Stande?

Das ging alles sehr schnell. Wir haben mit Heracles gegen Emmen gespielt, direkt danach kam mein Berater zu mir und meinte, dass ich mich beim Duschen doch bitte beeilen solle und wir los müssen. Am nächsten Morgen bin ich dann von Amsterdam nach Mailand geflogen, wurde dort abgeholt und dann wurde der Deal mit Atalanta fix gemacht. Das Fußballgeschäft ist manchmal sehr schnelllebig.

In Bergamo sind Sie auf Robin Gosens, der zuvor ebenfalls für Almelo spielte, getroffen. Hat es geholfen, einen Landsmann in der gleichen Mannschaft zu haben?

Klar, das ist immer gut. Robin hat mir viel geholfen – ob auf oder neben dem Platz konnte ich mich bei Problemen immer an ihn wenden. In Bergamo können nur wenige Leute die englische Sprache, da war der direkte Kontakt zu Robin wirklich hilfreich.

Sie sind sogar Nachbarn, richtig?

Genau, Robin wohnt in der 4., ich in der 3. Etage. Er ist ein super Typ, ein absoluter Herzensmensch. Wenn es drauf ankommt, bringt er aber auch den nötigen Ernst mit.

Für die kommenden Länderspiele wurde er erstmals von Bundestrainer Joachim Löw nominiert.

Und das hat er sich absolut verdient. Ich habe ihm sofort geschrieben, ihm gratuliert und viel Glück gewünscht. Er war ja schon beim letzten Lehrgang im März eingeplant, dieser wurde aber wegen Corona abgesagt.

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Ist Robin Gosens eine Art Vorbild für Sie geworden?

Das kann man so sagen, wir spielen schließlich auf der gleichen Position. Da guckst du von der Bank schon genauer hin, was er auf dem Platz macht, welche Laufwege er wählt oder wie er sich in Situationen verhält. Da konnte ich mir bereits einige Sachen abgucken.

Sie haben einmal gesagt, dass die Eredivisie ein Sprungbrett sein soll. Was ist Atalanta Bergamo?

Atalanta kann man nicht mehr als Sprungbrett bezeichnen. Dieser Club gehört für mich zu den Top Vier in Italien, wir standen im Viertelfinale der Champions League und spielen auch nächstes Jahr wieder in der Königsklasse. Wenn man sich bei Atalanta durchsetzt, dann hat man es schon geschafft.

Medien melden, dass sie vor einer Leihe zum italienischen Erstligisten Cagliari Calcio stehen. Wie sieht denn ihre Zukunft aus?

Die ist gegenwärtig offen, zum jetzigen Stand bin ich Spieler von Atalanta Bergamo.

Sie würden sich aber bestimmt mehr Spielpraxis wünschen.

Im letzten halben Jahr habe ich wenig gespielt, das stimmt, über ein paar Minuten mehr hätte ich mich natürlich gefreut. Ich bin Fußballer, da will am liebsten immer auf dem Platz stehen. Bei einer eingespielten Truppe sofort Fuß zu fassen, war aber auch nicht zu erwarten.

Am 14. Juli war es aber soweit, gegen Brescia Calcio feierten Sie beim 6:2-Heimsieg ihr Debüt in der Serie A.

Als ich an der Seitenlinie stand und wusste, dass es gleich soweit ist, das war ein unbeschreibliches Gefühl. In einem vollen Heimstadion wäre es selbstverständlich noch schöner gewesen, aber ich war einfach dankbar.

Sie gehörten auch zum Champions-League-Kader bei den Achtelfinalspielen gegen Valencia und dem Viertelfinale gegen Paris St. Germain beim Finalturnier in Lissabon. Wie viel sind solche Erfahrungen Wert?

Auch dafür gibt es wohl keine geeigneten Worte. Mir kann niemand mehr nehmen, Teil dieses speziellen Turniers gewesen zu sein. Dieser K.o.-Modus kam richtig gut an, da ist mehr Spannung und mehr Kribbeln drin als bei zwei Spielen. In einer Partie kann einfach alles passieren.

So wie im Viertelfinale gegen Paris, in welchem Atalanta bis zur 90. Minute in Führung lag, ehe zwei späte Tore das Aus besiegelten. Wie haben Sie das von der Tribüne aus erlebt?

Um ehrlich zu sein, das war schon richtig hart zu verkraften. Wäre der Spielverlauf ein anderer gewesen und der Ausgleich bereits nach 70 Minuten gefallen, hätte man das leichter akzeptieren können. Der Ausgleich in der Schlussphase war schon bitter, das 1:2 dann wie ein Todesstoß.

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Gäbe es eine eigene Nationalmannschaft für Brandenburg, wären diese Spieler dabei: ©

Anschließend haben Sie bei Instagram ein Foto von sich neben Kylian Mbappe gepostet. Sind solche Begegnungen mittlerweile normal?

Das ist schon immer noch besonders, Mbappe ist ein absoluter Weltstar und gerade mal ein Jahr älter als ich. Auch diese Duelle mit Neymar oder Cristiano Ronaldo, wenn wir in der Liga gegen Juventus Turin spielen. Wenn man darüber schwärmt, klingt es so, als wäre man selbst noch ein Riesenfan, obwohl es ja meine Gegner sind. Aber es ist einfach cool, das brauch ich auch nicht verbergen.

Müssen Sie sich manchmal selbst kneifen, wie schnell das alles ging?

Vor allem das letztes halbe Jahr war krass. In der Eredivisie waren schon geniale Momente gegen Ajax Amsterdam und Spieler wie Robin van Persie oder Ziyech dabei, aber Serie A ist nochmal eine ganz andere Hausnummer.

Obwohl die letzten Monate auch Schattenseiten bereithielten. Im Januar kamen Sie nach Bergamo, nur kurze Zeit später legte die Corona-Pandemie eben jene Region flach. Wie haben Sie diese Zeit überstanden?

Ich stand natürlich viel mit meiner Familie in Kontakt, die sich auch Sorgen gemacht hat. Wir waren aber abgeschottet, haben erst vier bis sechs Wochen im Teamhotel verbracht und waren danach nochmal drei Wochen in häuslicher Quarantäne. Das war eine anstrengende Zeit, welche noch nicht vorbei ist.

Es gingen schreckliche Bilder um die Welt.

Die ich natürlich auch im Internet gesehen habe. Das nimmt einen auch sehr mit, wenn man diese Leichenwagen auf den Straßen fahren sieht, auf denen du sonst selbst tagtäglich unterwegs bist.

Drei ihrer Jugendvereine – Hertha BSC, Union Berlin und Schalke 04 – spielen in der Bundesliga. Wann sieht man Sie im deutschen Oberhaus?

Ich habe schon öfter gesagt, dass das ein großes Ziel von mir ist. Nicht heute, nicht morgen, aber ich kann ja nicht überall gespielt haben außer in der Bundesliga. Dabei spielen aber mehrere Faktoren eine Rolle.

Drücken Sie eigentlich einem ihrer Ex-Vereine besonders die Daumen?

Ich hatte überall schöne Zeiten, aber Union hat mich schon immer abgeholt. Das ist der Verein, zu dem ich am ehesten eine Verbindung habe und dessen Weg ich auch regelmäßig verfolge.

Und wie gut kennen Sie sich noch mit der Wandlitzer Eintracht aus?

Der Saisonstart verlief nicht so gut, das weiß ich. Und am Wochenende spielt die erste Mannschaft leider auswärts in Wriezen, sonst hätte ich mir den Kick hier gegeben.

Abschließende Frage: Was geben Sie einem jungen Fußballer, der auch mal im Viertelfinale der Champions League stehen will, mit auf den Weg?

Dass man in jedem Training immer Gas geben und auf die Trainer hören soll. Die meinen es nur gut, das weiß ich jetzt auch.