17. März 2020 / 07:52 Uhr

Aue-Boss Leonhardt: „Demut ist gefragt, Gemeinschaftsgefühl, aber auch Mut und Zuversicht“

Aue-Boss Leonhardt: „Demut ist gefragt, Gemeinschaftsgefühl, aber auch Mut und Zuversicht“

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Fußball: Bundesliga, Bayern München - Borussia Dortmund, 28. Spieltag am 08.04.2017 in der Allianz Arena in München (Bayern). Sokratis (l) und Marcel Schmelzer von Dortmund diskutieren nach Spielende miteinander. (Wichtiger Hinweis: Aufgrund der Akkreditierungsbestimmungen der DFL ist die Publikation und Weiterverwertung im Internet und in Online-Medien während des Spiels auf insgesamt fünfzehn Bilder pro Spiel begrenzt.) Foto: Andreas Gebert/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Für Helge Leonhardt ist es nicht die erste Krise mit der umgehen muss. © Getty Images
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Helge Leonhardt ist Unternehmer und Präsident des Zweitligisten FC Erzgebirge Aue. Er fordert in der Corona-Krise Solidarität, Demut und auch Mut. Im SPORTBUZZER-Interview redet er über Krisenmanagement, Vorgehensweisen seines Unternehmens und die sportliche Lage.

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Aue. Helge und Uwe Leonhardt. Zwillingsbrüder, am 20. November 1958 im erzgebirgischen Schneeberg geboren. Brüder im Geist, erfolgreiche Unternehmer. Die Selfmade-Millionäre besitzen Autohäuser, ein Hotel, Maschinenbaufirmen, nationale und internationale Beteiligungen. Die Leonhardt-Group ist mit über 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Leuchtturm im Erzgebirge. Das Firmen-Motto „Alles Denkbare ist machbar“ lässt sich auch gut auf den FC Erzgebirge Aue, gallisches Dorf des deutschen Profifußballs, übertragen. Für Club-Boss Helge Leinhardt gibt es auch in der Corona-Krise weder gedankliche noch tatsächliche Tabus.

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Herr Leonhardt, der Fußball ruht...

... und das ist alternativlos. Die Welt steht nahezu still, ein unsichtbarer Feind bedroht uns, wir tappen im Dunkeln und sehen noch kein Licht am Ende des Tunnels. Alle wissen, wie sehr ich den Fußball und den FC Erzgebirge liebe. Aber jetzt gibt es ein anderes Thema. Den Menschen geht es schlecht, es sind Menschen gestorben, es werden weitere Menschen sterben. In Spanien und Italien und auf der ganzen Welt spielen sich Dramen ab, dort fehlt es beispielsweise an Beatmungsgeräten und ausreichend Betten. Die ersten Feldlazarette werden eröffnet, wie im Krieg. Auch wenn die Grenzen jetzt gezwungenermaßen dicht gemacht wurden, was vollkommen richtig ist, müssen Deutschland und Europa enger zusammenrücken, müssen sich die Länder so gut es geht abstimmen und helfen. Ich sehe Deutschland in einer Vorreiterrolle. Demut ist gefragt, Gemeinschaftsgefühl, aber auch Mut und Zuversicht.

Internationale Pressestimmen zum Corona-Stillstand: "Wir werden sogar den VAR vermissen"

Fast überall auf der Welt steht der Sport wegen der Coronavirus-Pandemie still. Die internationale Presse ist bestürzt. Der SPORTBUZZER hat die Pressestimmen zusammengetragen - klickt euch durch! Zur Galerie
Fast überall auf der Welt steht der Sport wegen der Coronavirus-Pandemie still. Die internationale Presse ist bestürzt. Der SPORTBUZZER hat die Pressestimmen zusammengetragen - klickt euch durch! ©

Wie sieht Ihr Krisenmanagement vor Ort aus?


Wir haben - wie immer in den zurückliegenden Krisen - Teams eingerichtet, die täglich die Lage beurteilen und entscheiden. Auch stehen wir im engen Kontakt und Austausch mit dem Helios Klinikum Aue, dem Krankenhaus in Erlabrunn und verschiedenen Pflegeeinrichtungen. Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger leisten Großartiges und riskieren dabei ihre Gesundheit.

Im Internet werden dringend benötigte Schutzutensilien zu Wucherpreisen angeboten.

Das ist asozial und abstoßend. Wer sich so verhält, stellt sich außerhalb unserer Gesellschaft und muss sofort aus dem Verkehr gezogen werden.

Wie ist die Lage in Ihren Unternehmen?

Über allem steht die Gesundheit unserer Mitarbeiter und ihrer Familien. Wir haben klare Anordnungen getroffen und hoffen, dass uns Corona nicht erwischt. Aber es kann sich von Tag zu Tag zu Tag ändern. Deshalb ist Disziplin oberstes Gebot. Wer von zu Hause aus Bürorabeiten erledigen kann, der tut das, neudeutsch Home Office. Der produktive Bereich, beispielsweise im Maschinenbau und in den Werkstätten, wird momentan so gut es geht auftrecht erhalten. Aber auch da müssen wir täglich neu nachdenken und in Kürze vielleicht andere Entscheidungen treffen.

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Reisen?

Gibt es keine, wurden alle abgesagt. Das führt leider auch dazu, dass einige unserer Konstrukteure und Monteure in Italien und Amerika festsitzen. Außerdem sind wir täglich mit unseren Kunden und Vertretungen im Ausland im Gespräch.

Pandemie und westliche Abhängigkeit von günstigen Betriebsstätten in Fernost: Die Kehrseite der Globalisierung zeigt sich gerade auf dramatische Weise.

Wir können das Rad Globalisierung nicht zurückdrehen. Große Konzerne sind ihren Aktionären verpflichtet, dort stehen Kostenreduzierung und Shareholder Value an erster Stelle. Die Leonhardt-Group gehört zum Mittelstand, wir produzieren hier, aber auch im Ausland und zahlen unsere Steuern in Deutschland. Ich bin nicht für Aktionismus, aber diese prekäre Lage ist eine Gelegenheit, intensiv darüber nachzudenken und zu überlegen, wo man produziert - unter Abwägung der Risiken. In Fernost sollte man Autos produzieren, die man auch dort verkauft. Das gleiche gilt für Europa.

Kurzarbeit, Steuerstundungen, Kredite. Wie beurteilen Sie die Hilfsangebote der Bundesregierung?

Ein Schutzschild für Beschäftigte und Unternehmen ist absolut wichtig und notwendig. Wir wissen nicht, wie lange uns Corona beschäftigt, was genau auf uns zukommt. Was uns alle eint, ist, dass möglichst wenige Menschen zu Schaden kommen. Und aus ökonomischer Sicht müssen wir alle Anstrengungen unternehmen, dass Unternehmen, die Industrie, das Handwerk, der Tourismus, Sport, Kunst und so weiter diese schwere Krise überstehen.

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Uli Hoeneß sagt, dass jetzt Solidarität, Disziplin und Entschleunigung gefragt seien, dass jeder Einzelne in seinem privaten Umfeld alles Menschenmögliche tun müsse, um Ansteckungsgefahren zu minimieren.

Das sagte ich bereits vor 14 Tagen und Uli Hoeneß hat in allem, was er da sagt, Recht. Insbesondere was Solidarität und Anteilnahme angeht. Wir können es nur gemeinsam schaffen, diese Situation zu lösen.

Zu einem Hilfsfonds für weniger gut betuchte Fußball-Clubs sagt BVB-Boss Hans Joachim Watzke: „Warum sollten die Klubs, die sich ein Polster geschaffen haben, die belohnen, die es nicht getan haben?“

Ersparen Sie mir bitte dazu einen Kommentar. Ich denke da völlig anders, weil ich anders erzogen wurde und schon in den letzten 20 Jahren drei große Krisen erlebt und soziale Verantwortung für viele Menschen habe. Und da ging es nicht um Fußballer, die Multimillionäre sind.

Wie geht es weiter in Sachen Fußball?

Die EM kann nicht gespielt werden, so viel steht fest. Das würde den Ligen die Chance geben, die Saison zu beenden - im Oktober oder wann auch immer. Wie gesagt: Wir wissen nicht, was noch auf uns zurollt. Also bringt es wenig, jetzt diverse Szenarien an die Wand zu werfen. Vernünftige Menschen treffen vernünftige Entscheidungen. Und wenn wir eines Tages Licht am Ende des Tunnels sehen, müssen Entscheidungen getroffen werden, die allen so gut es geht gerecht werden. Es darf keine einschneidenden Verlierer geben, es darf keiner abgehängt werden. Weder in der Gesellschaft noch beim Sport.