06. Juni 2021 / 16:45 Uhr

Auf die Tausendstel kommt es an: VfL-Sprinter Giese und sein spektakulärer Bronze-Lauf bei der DM

Auf die Tausendstel kommt es an: VfL-Sprinter Giese und sein spektakulärer Bronze-Lauf bei der DM

Maik Schulze
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Alles gegeben: Der Wolfsburger Niels Giese wirft sich ins Ziel, jubelt dann gemeinsam mit dem Kölner Joshua Hartmann über DM-Bronze.
Alles gegeben: Der Wolfsburger Niels Giese wirft sich ins Ziel, jubelt dann gemeinsam mit dem Kölner Joshua Hartmann über DM-Bronze.
Anzeige

Sie dachten der andere wäre diesen einen Tick schneller, sie dachten für sie bliebe nur Platz vier. So gern haben der Wolfsburger Niels Giese und sein Kölner Konkurrent Joshua Hartmann wohl noch nie Unrecht gehabt. Beide waren gleichschnell, gewannen bei der Leichtathletik-DM in Braunschweig über die 100 Meter Bronze. Der VfL-Sprinter erzählt im SPORTBUZZER, warum eine Minute zur gefühlten Ewigkeit werden kann und welche Ziele er jetzt noch für den Sommer hat.

Anzeige

Wenn Niels Giese läuft, dann rennt die Zeit. So auch in Braunschweig. Bei der Leichtathletik-DM war der Sprinter des VfL Wolfsburg über die 100 Meter so schnell wie nie, kam nach 10,30 Sekunden ins Ziel. Und dann? Stand die Zeit still. "Für eine gefühlte Ewigkeit", sagt Giese. Denn hinter dem Leipziger Marvin Schulte (10,19 Sek.) und dem Hamburger Lucas Ansah-Peprah (10,20 Sek.) kamen der Wolfsburger und der Kölner Joshua Hartmann ins Ziel. Auf den letzten Metern hatte Giese nach rechts, Hartmann nach links geblickt. Beide sahen sich an. Beide waren sich sicher: "Du warst schneller." Beide hatten Unrecht.

Anzeige

Als die gefühlte Ewigkeit nach rund einer Minute vorbei war, stand fest: Giese und Hartmann waren auf die Tausendstel zeitgleich, bei beiden standen 10,3030 Sekunden. Beide gewannen Bronze. Für Giese war's ein ganz besonderes Edelmetall.

Mehr über Niels Giese

Was für ein verrücktes Ende eines verrückten DM-Tags. "Wenn alles passt, kann ich um die Medaillen mitlaufen", hatte Giese dem SPORTBUZZER im Vorfeld der Meisterschaften gesagt. Kurios dabei: Der Wolfsburger hatte zuvor noch nie in einem Outdoor-Einzel-Finale gestanden. Nicht bei den Herren. Nicht in der Jugend. "Immer ist im Halbfinale irgendwas passiert. Eine Verletzung, oder früher mal ein Fehlstart", berichtet Giese. In der Winter-Saison erreichte er sein erstes Einzelfinale bei der Hallen-DM über die 60 m - nachdem Teamkollege Deniz Almas auf seinen Start verzichtet hatte, rückte er nach, wurde Achter. Jetzt das erste Freiluft-Finale. "Dass es gleich mit Bronze und Bestzeit klappt, hätte ich mir nicht schöner ausmalen können."



Mit einer Medaille geliebäugelt hatte er allerdings nach dem Vorlauf, hier qualifizierte er sich in 10,36 Sek. mit der drittschnellsten Zeit fürs Finale. Es folgte ein Lauf, der nicht ins Bilderbuch gehört. "Meine Beschleunigung war noch nicht optimal, auch technisch war das kein super Lauf. Das war gefühlt ein bisschen zuviel gewollt." Giese fallen viele Dinge auf, die nicht rund liefen - und doch war er schnell wie nie. "Als ich über die Linie gekommen bin, war ich zunächst happy, dass es überhaupt um diese Medaille ging." Dann zittern mit Hartmann. Jubeln mit Hartmann. "Wir kennen uns schon aus der Jugend, da freut man sich für den anderen mit."

Hat er denn schon einmal so eine Tausendstel-Entscheidung miterlebt? "Tatsächlich ja. Bei der U20-WM 2016 mit der deutschen Staffel", erinnert sich der 23-Jährige, der auch damals mit Deutschland Bronze holte, Jamaika blieb nur Platz vier. "Aber da war ich nicht Schlussläufer, und der hatte damals im Ziel direkt die Faust geballt. Tendenziell merkt man das nämlich schon, selbst wenn es eine Tausendstel-Entscheidung ist, dass man vielleicht den Hauch vorne war." Ein Gefühl, das am Samstagabend in Braunschweig weder Giese noch Hartmann hatten. Wie denn auch, es war ja keiner schneller als der andere.

Was ein bisschen schade war, aber den Tag des VfLers nicht trüben konnte: Eine Siegerehrung gab es bei der DM in Zeiten von Corona nicht. "Wir haben die Medaillen dann vor dem Call-Room abgeholt." Inklusive Urkunde. Egal. Giese ist glücklich - aber nicht wunschlos: "Eine 29 liest sich besser", sagt der VfLer schmunzelnd mit Blick auf seine 10,30 Sek. "Aber die Zeit kann ich mir ja für meinen Start in Regensburg aufheben." Zuvor hat der 23-Jährige aber das erste freie Wochenende nach Wochen vor sich. "Das ist ganz gut für Kopf. Dann kann man mal runterfahren. Zuletzt ging es ja Schlag auf Schlag."

Stimmt, der Turbo-Giese lief immer auf Hochtouren. 15. Mai: Bestzeit in Mannheim (10,34 Sekunden). 22. Mai: Form untermauert in Weinheim (10,35 Sek.), 29. Mai: Sieg mit der 100-m-Staffel bei seinem Herren-Debüt für die Nationalmannschaft bei der Team-EM in Polen - in starken 38,73 Sek. Schneller war Giese mit einer Staffel noch nie unterwegs. Bisher stand da für ihn eine 39,02 Sek. aus dem Jahr 2019, als er noch für Leipzig startend bei der DM in Berlin Gold gewann. Und jetzt - 5. Juni: 10,30 Sekunden in Braunschweig. Nächste Bestzeit. DM-Bronze.

Am 20. Juni geht es dann bei der Sparkassen-Gala wieder auf die Bahn. Giese weiß, woran er vorher feilen wird: "Beim Finallauf habe ich nicht wirklich zu hundert Prozent das Laufbild umgesetzt, auch in der Beschleunigung. Deswegen glaube ich, dass da auf jeden Fall noch ein bisschen was drin ist. Und daran wollen wir jetzt die nächsten zwei Wochen arbeiten und in Regensburg nochmal eine Bestzeit raushauen."

Und vielleicht öffnet sich ja für Giese sogar noch die Tür zu Olympia. Bei der Team-EM und der DM hat er jedenfalls gute Bewerbungen für die deutsche Staffel, mit der auch sein VfL-Teamkollege Deniz Almas nach Tokio möchte, abgegeben. "Das wäre natürlich das I-Tüpfelchen. Ich denke jetzt aber erst einmal von Lauf zu Lauf, möchte als nächstes in Regensburg performen", so Giese. Danach könne man sich wegen Olympia einen Kopf machen.

Übrigens Niels Giese heißt mit zweitem Vornamen Torben. Wie er genannt werden möchte? "Am liebsten Niels. Das ist ein bisschen kürzer und reicht völlig aus." Und geht schneller. Er ist nun mal ein Sprinter durch und durch.