15. März 2019 / 20:32 Uhr

Aufsichtsrat-Kandidat Lasse Gutsch: "Investoren dürfen nicht das alleinige Sagen haben"

Aufsichtsrat-Kandidat Lasse Gutsch: "Investoren dürfen nicht das alleinige Sagen haben"

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Lasse Gutsch steht bei der 96-Mitgliederversammlung als Kandidat für den Aufsichtsrat zur Wahl.
Lasse Gutsch steht bei der 96-Mitgliederversammlung als Kandidat für den Aufsichtsrat zur Wahl. © imago/Nordphoto/Petrow
Anzeige

Lasse Gutsch (34) tritt bei der 96-Mitgliederversammlung am 23. März als Kandidat für den Aufsichtsrat an. Er gehört zu den fünf Kandidaten, die von der Initiative Pro Verein 1896 unterstützt werden - also von den Gegnern des Klubchefs Martin Kind. Gutsch arbeitet im Erlösmanagement bei der Deutschen Bahn, hat ein abgeschlossenes Geografie-Studium und gilt als Sprachrohr der Fanszene. Bei der Mitgliederversammlung will er das Ticket für den Aufsichtsrat lösen.  

Anzeige
Anzeige

Lasse Gutsch, sehen Sie sich als Vertreter der Fankurve?

Eher ja. Aber nicht als derjenige, der über die Kurve bestimmt, sondern als Vertreter der Interessen. Und ich meine nicht nur die Interessen der Nordkurve, sondern aller Fans. Einigen ist es wichtig, dass der Bierpreis niedrig ist, anderen ist wichtig, dass der Verein Anteile an der Profiabteilung behält.

Jetzt ist die Zeit für Reklame ...

Ich möchte, dass der Verein transparent mit Themen umgeht, gegenüber den Mitgliedern und den Fans. Ich stehe dafür, dass die Verbindung zwischen der Profiabteilung und dem Verein nicht gekappt wird. Und ich meine eine Verbindung, die sich nicht nur über den Namen Hannover 96 darstellt.

Geht es dabei nur um die 50+1-Regel oder auch um Anteile des Vereins an der Profiabteilung?

Zunächst einmal geht es um 50+1. Wenn der Verein Anteile hätte, wäre das schön. Aber ich halte es kurzfristig für schwierig, das zu finanzieren. Die Anteile sind weg und der Verein hat das Geld nicht, um sie zurückzukaufen. Wichtig ist, dass der Verein über die die Besetzung des Geschäftsführers der Management GmbH bestimmen kann, also im Sinne von 50+1.

Was ist Ihnen so wichtig daran, den Zugriff auf die Profiabteilung zu haben. Geht es um mehr Einflussnahme?

Eigentlich geht es darum nicht. Aber der Verein sollte die Möglichkeit behalten, im absoluten Notfall ein Veto einzulegen. Wenn die Investoren etwas bestimmen und das ganze Stadion aufsteht und sagt: Wir sind komplett dagegen. Ein Beispiel: Die Investoren würden bestimmen, unsere Heimtrikots sind jetzt blau und die Hosen gelb. Das wird nicht passieren, aber wenn es so wäre, hat niemand mehr die Möglichkeit einzugreifen, wenn die 50+1-Regel gekappt ist.

Glauben Sie, dass Martin Kind so etwas in der Art machen könnte?

Das war nur ein Beispiel. Solange Martin Kind an der Macht ist, glauben wir nicht, dass etwas Schlimmes passieren würde, was dazu führt, dass wir alle keinen Bock mehr auf den Verein haben. Aber Martin Kind wird nicht endlos leben, irgendwann kommt etwas oder jemand anderes und wir wissen nicht: Was passiert dann? Ich habe vor, noch 62 Jahre, bis ich 96 bin, ins Stadion zu gehen. Und ich möchte, dass 96 auch dann noch ein cooler Verein ist, mit dem ich mich identifizieren kann. Unser Ziel ist es, dass der Verein im Notfall vom Vetorecht Gebrauch machen kann. Einflussnahme bei Transfers oder Trainerwechsel, das steht gar nicht zur Debatte.

Aber die Türe wäre dafür offen. Warum glauben Sie, dass in Transfers nicht reingeredet werden würde?

Das wurde die letzten 20 Jahre auch nicht gemacht. Es lag natürlich auch an der Personalunion mit Martin Kind. Aber bei anderen Vereinen passiert es auch nicht. Natürlich kann es passieren, dass die Fans in der Kurve protestieren, wenn sie mit einem Trainer oder Manager nicht einverstanden sind. Aber da wird mit Sicherheit nicht der Verein kommen und sagen: Schmeißt doch mal bitte den Trainer raus.

50+1-Streit, Fanproteste und drohende DFL-Strafe: Die Hintergründe in der Chronologie

50+1-Streit, Mitgliederversammlungen und Fanproteste: Eine Chronologie der Ereignisse. Zur Galerie
50+1-Streit, Mitgliederversammlungen und Fanproteste: Eine Chronologie der Ereignisse. ©
Anzeige

Martin Kind hat ein Hannover-Modell vorgeschlagen und Sie vertrauen dem Modell nicht. Warum sollte man Ihnen vertrauen, dass der Verein nicht bei Trainerwechseln mitredet?

Es geht natürlich um beidseitiges Vertrauen. Wir wollen, dass er der e.V. und die Profigesellschaft weiterhin zusammengehören und sich gegenseitig vertrauen. Es geht aber auch um Kontrolle. Der Verein und der Profifußball haben Mittel in der Hand, die sie nicht nutzen müssen. Aber beide Seiten können aufeinander einwirken. Fällt 50+1, dann kann nur noch der Profifußball auf den Breitensport Einfluss nehmen, aber nicht mehr umgekehrt.

Aus der Kurve kommt die Parole "Kind muss weg". Jetzt tritt Kind als Präsident nicht mehr an. Jetzt ist er ja weg. Warum muss es zu diesem Showdown kommen? Warum stimmen die Mitglieder nicht einfach über 50+1 ab?

Das wurde ja getan. Der Vorstand hat die Wahl als Empfehlung bewertet und wollte die 50+1-Regel in den Hinterzimmern abschaffen. Wenn jetzt die fünf Kandidaten aus dem Herter-Team (Kind-nahe Kandidaten um den Vorstandskandidaten Matthias Herter) in einer freien Wahl gewählt werden oder die Mitglieder bei einer Wahl für die Abschaffung von 50+1 bei Hannover 96 entscheiden, dann ist das eben so. Dann muss ich damit leben. Aber es wurde dann demokratisch entschieden und nicht von Einzelpersonen.

Von der Einzelperson Kind ...

Ja, es gab ja auch einen Satzungsänderungsantrag, den Erhalt von 50+1 in die Satzung zu schreiben. Es gab zwar keine erforderliche Zweidrittel-Mehrheit, aber eine relativ klare Mehrheit. Die Mehrheit steht also ganz offensichtlich nicht hinter einer Abschaffung der 50+1-Regel.

Warum sollten Investoren Einschränkungen vom Verein hinnehmen?

Weil der Fußball etwas anderes ist als ein normales Wirtschaftsunternehmen. Der Profifußball ist abhängig von den Fans, im Stadion und vor den Fernsehgeräten. Wir glauben, dass der Fußball immer noch allen gehört, auch wenn er in Hannover auf dem Papier vier Menschen gehört. Aus Sicht der Fans und traditioneller Sicht ist Fußball ein Vereinssport und gehört allen Menschen. Nur, wenn alle an dem Modell teilhaben, ist der Fußball auch erfolgreich. Es sollte im Sinne von Investoren sein, dass alle ein wenig teilhaben. Investoren dürfen nicht das alleinige Sagen haben, aber Vertrauen haben in eine Mitglieder- und Fanbasis. Nur mit dieser Basis können Investoren profitieren. Ich glaube nicht, dass Investoren mit dem Fußball das große Geld verdienen wollen. Sie wollen etwas für ihr Image tun.

96-Zeitreise: Das Niedersachsenstadion im Wandel der Zeit

Das 96-Stadion am Maschsee wurde 1954 eröffnet – und seither mehrfach umgebaut. Zur Galerie
Das 96-Stadion am Maschsee wurde 1954 eröffnet – und seither mehrfach umgebaut. ©

Und wenn die Investoren der Meinung sind, die Fans, die gegen Martin Kind sind und mitbestimmen wollen, das sind doch nur die Ultras, die Pyros zünden?

Das ist ja nicht so. Die dagegen sind, das ist im Stadion eine Mehrheit in der Nordkurve, Westkurve und Ostkurve. Es gibt Leute, die finden Kinds Weg gut und es gibt Leute, die finden seinen Weg schlecht. Aber nicht jeder, der gegen Kind ist, findet Pyrotechnik toll. Die beiden Sachen haben nichts miteinander zu tun.

Wie denkt die Kurve, wie denken die Fans darüber, dass es Vereine wie Wolfsburg, Leverkusen, Hoffenheim und inoffiziell Leipzig gibt? Ist es nicht so, dass Kind die Bundesliga gerechter macht, wenn er 50+1 kippen möchte?

Ich würde eher sagen, dass die dreieinhalb Vereine, bei denen 50+1 nicht gilt, 50+1 einfach mal gilt. So schafft man Gerechtigkeit. Ich könnte mir nicht vorstellen, bei einem dieser Vereine Fan zu sein. Das geht nicht, erst recht nicht bei einem Kunstprodukt wie Leipzig.

Was passiert, wenn DFL und DFB es den Klubs freistellen, ob sie 50+1 erhalten oder eben nicht?

Das käme einer Abschaffung von 50+1 gleich. Sobald die ersten Vereine 50+1 kippen, dümpeln die anderen Verein unten rum. Sobald man das freigibt, sind alle gezwungen, nachzuziehen, wenn man in der Bundesliga spielen will.

Martin Kind hat den Antrag für Hannover 96 gestellt, 50+1 würde nicht komplett fallen. Was halten Sie von einem Wettbewerbsvorsprung für 96?

Nichts. 96 wäre der erste Traditionsverein, bei dem 50+1 fallen würde, zumal andere Vereine zeitnah nachziehen würden. Das will keiner.

Hatte die aktive Fanszene mal das Gefühl, dass sie sich von der deutschen Fanszene vor den Karren spannen lässt?

Nein. Eher im Gegenteil. Wir waren froh, dass die deutsche Fanszene hinter uns stand. Die Zusammenarbeit hat dazu geführt, dass 50+1 noch besteht. Wie lange noch, werden wir sehen. Wir können die Uhr danach stellen, dass nach dem Bayern-Aus in der Champions League wieder darüber diskutiert wird.

Ich stelle mir Solidarität anders vor. Im Stimmungsboykott haben die 96-Fans zu Hause geschwiegen, die Gästefans haben geschrien. Wie werten Sie das?

Das habe ich nicht so empfunden. Die Solidarität hat sich auch in Spruchbändern geäußert. Ob dies immer niveauvoll war, ist eine andere Sache. Aber auch bei den Sitzungen wurden wir gefragt: "Können wir was für euch tun?" Niemand aus der bundesweiten Fanszene hat uns gesagt, was wir tun sollen. Das kam aus eigenem Antrieb. Eher mussten wir die anderen aufrütteln: Hey, wir haben ein Problem und wenn wir das nicht lösen können, dann seid ihr vielleicht die nächsten.

Die Fan-Szene demonstriert bundesweit für Erhalt von 50+1-Regel

Fans von Bayern München beim Auswärtsspiel in Leipzig. Zur Galerie
Fans von Bayern München beim Auswärtsspiel in Leipzig. ©

Wie weh tut das, den Verein so im Streit zu sehen, wenn die Fanszene als eine Partei von zwei streitenden daran aktiv beteiligt ist?

Das tut ziemlich weh. Im Europapokal konnte man es sich gut gehen lassen und feiern. Seit Jahren gibt es nur Streit und Stress. Wir hätte auch gerne Friede, Freude, Eierkuchen. Aber dazu muss alles auf den Tisch. Alles, was in der Vergangenheit war, muss aufgeklärt werden. Es muss alles transparent sein. Dann erst kann alles neu anfangen.

Bitte nur drei Beispiele: Welche Dinge müssten aufgeklärt werden?

Der heimliche Anteilsverkauf, das Ignorieren von Mitgliederbeschlüssen und der Verkauf der Markenrechte mit Rückkaufrecht und der Bewertung der Werte. Das passt alles nicht zusammen. Warum werden die Gutachten zum Beispiel nicht freigegeben? Das sind Fragen, die müssen geklärt werden.

Es geht um die Öffnung der Bücher?

Es geht darum, dass man weiß, worüber man redet und was man entscheidet. Wir kennen die Überschriften, aber nicht den Text darunter. Wenn wir alles kennen, dann können wir sagen: Wir ziehen einen Schlussstrich und gestalten ein erneuertes Hannover 96.

Ist die Mitgliederversammlung ein Kampf oder eine Chance?

Eine Chance. So oder so ist das eine Chance für einen Neuanfang. Wenn das Herter-Team mit 3:2 gewinnen sollte, dann arbeiten wir mit denen zusammen.

Haben Sie sich mal gefragt: Warum tue ich mir das an?

Manchmal. Ich würde auch gern abends auf dem Balkon sitzen und mir den Sonnenuntergang angucken. Aber das ist auch keine Lösung. Ich will mit dem Krückstock noch zu Hannover 96 gehen, ein Verein, mit dem ich mich identifizieren kann. Das ist mein Lebenstraum. Ich fürchte, das wird nicht klappen, wenn 50+1 fällt. Wenn nicht jetzt, dann in 20 Jahren, wenn ein Investor kommt, der alles als Theaterstück ansieht und man sich nicht mehr mit Hannover 96 identifizieren kann.

Mehr zu Hannover 96

Ist Martin Kind nicht schon als Reibungspunkt eine Integrationsfigur für die Fanszene?

Es gab schon kurz nach dem Aufstieg 2002 ein Spruchband: "Ein Präsident der uns verachtet, hat unseren ganzen Hass gepachtet". Ich weiß gar nicht mehr, warum. Es gab immer Reibungspunkte. Das ist eine Konstante, aber nichts, was man weiter haben muss.

Wie waren Ihre persönlichen Gespräche mit Martin Kind?

Immer höflich, aber selten produktiv. Es gab Absprachen, die zwei Wochen später wieder vergessen waren. Irgendwann hat man festgestellt, dass es keinen verlässlichen Dialog gibt.

Wie verlässlich wäre 96 ohne Martin Kind?

Vielleicht ist es so, dass Investoren auch ohne Martin Kind zu 96 kommen. Wenn ein Investor kommt, möchte er doch etwas Gutes tun und sein Image aufpolieren. So, wie es Mercedes Benz in Stuttgart gemacht hat. Wer bei 96 investiert, möchte doch auch im Fokus stehen. Aktuell steht nur Kind im Fokus.

Wie sieht denn Hannover 96 aus, in 62 Jahren, wenn Sie 96 sind?

96 spielt guten Bundesliga-Fußball. Streitigkeiten zwischen Geldgebern, Mitgliedern und Fans gibt es nicht mehr. Aber es gibt Diskussionen, die wird es immer geben, und das ist gut so. Aber es gibt keinen großen Streit, keine großen Gräben. Alle wissen, was das Beste für 96 ist: Ein demokratischer Sportverein.

ANZEIGE: 50% aufs Set für deine Mannschaftsfahrt! Der Deal of the week im SPORTBUZZER-Shop.

Die aktuellen TOP-THEMEN
Anzeige
Sport aus Hannover
Sport aus aller Welt