08. Juni 2021 / 20:32 Uhr

Großer Coup der "Babelszwerge": Als der SV Babelsberg 03 in die 2. Bundesliga aufstieg

Großer Coup der "Babelszwerge": Als der SV Babelsberg 03 in die 2. Bundesliga aufstieg

Mirko Jablonowski
Märkische Allgemeine Zeitung
Emotionale Bilder: So feierte der SV Babelsberg 03 den Aufstieg in die 2. Bundesliga 2001.
Emotionale Bilder: So feierte der SV Babelsberg 03 den Aufstieg in die 2. Bundesliga 2001. © Bernd Gartenschläger
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Unter dem Präsidenten Detlef Kaminski gelang dem SV Babelsberg 03 Historisches – 20 Jahre später hat der "schwarze Abt" mit dem Club abgeschlossen.

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Es ist ein Datum für die Geschichtsbücher, das bei allen Beteiligten 20 Jahre später noch sehr präsent ist und große Emotionen hervorruft. Am 9. Juni 2001 feierten die Fußballer des SV Babelsberg 03 zum ersten und bislang einzigen Mal den Aufstieg in die 2. Bundesliga. „Diesen Tag und die ganze Saison vergisst man nicht“, bestätigt Detlef Kaminski. Der heute 66-Jährige war damals als Präsident der starke Mann bei den Kiezkickern und hatte maßgeblichen Anteil am Erfolg. „Ohne den ,schwarzen Abt‘ wäre das alles nicht möglich gewesen“, ist sich der damalige Ex-Nulldreier Enrico Röver sicher. Seinen Spitznamen hatte Kaminski seiner Vorliebe für dunkle Kleidung zu verdanken.

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Der gebürtige Babelsberger, der mit vier Jahren beim SVB-Vorgänger Motor mit dem Kicken begann, trat Mitte der 1990er Jahre als Vorsitzender mit großen Visionen an. Für diese wurde er von vielen belächelt und spürte daher vor 20 Jahren Genugtuung, als Martino Gatti mit seinem Tor zum 1:0-Sieg gegen Fortuna Düsseldorf den Aufstieg perfekt gemacht hatte und anschließend zig tausende Fans den Rasen des ausverkauften Karl-Liebknecht-Stadions stürmten. „Wir haben das Unmögliche möglich gemacht“, sagt Kaminski heute. Am Ende der Regionalliga-Nord-Saison standen „seine Babelszwerge“ hinter Union Berlin auf dem zweiten Platz und ließen Traditionsclubs wie Eintracht Braunschweig oder Fortuna Düsseldorf hinter sich. „Da gab es Teams in der Liga, deren Etat drei- bis fünfmal so hoch war wie unserer. Es war ein Fußball-Wunder!“

In Bildern: So feierte der SV Babelsberg 03 den Aufstieg in die 2. Bundesliga 2001.

Der Arbeitsnachweis der Babelsberger Spieler. Gleich fünf Babelsberger Spieler standen in der Saison 2000_01 in allen 36 Regionalliga-Partien auf dem Platz. Zur Galerie
Der Arbeitsnachweis der Babelsberger Spieler. Gleich fünf Babelsberger Spieler standen in der Saison 2000_01 in allen 36 Regionalliga-Partien auf dem Platz. © Bernd Gartenschläger

Die Babelsberger gingen mit einem Mini-Etat von 4,2 Millionen Mark in die Saison und galten als Abstiegskandidat. Selbst nach einer starken Hinrunde hatten die Mannschaft von Trainer Hermann Andreev, der inzwischen im Nachwuchs von Union Berlin arbeitet, nur die wenigsten Experten auf der Rechnung. Gatti erinnert sich: „In der Winterpause haben beim Thema Aufstieg alle nur von Union, Münster oder Braunschweig gesprochen. Almedin Civa und ich haben damals im Trainingslager gesessen und uns gefragt: ,Warum sollen wir eigentlich nicht aufsteigen? So schlecht sind wir auch nicht.‘"



Erfolgsgeheimnisse gab es für Kaminski einige. „Wir hatten eine eingeschworene Truppe und kaum Verletzte. Trotz der zum Teil schwierigen Bedingungen, haben sich die Jungs füreinander zerrissen.“ Der erste Baustadtrat der Landeshauptstadt nach der Wende spielt damit unter anderem darauf an, dass die Kiezkicker damals in der Woche vor den Spielen regelmäßig auf unterschiedlichen Plätzen übten. Neben dem alles andere als optimalen – weil zu kleinen – Trainingsplatz am „Karli“ trainierten die Kicker um Kapitän Civa auf den Plätzen am Luftschiffhafen und an der Berliner oder Templiner Straße.

Tod vom Hauptsponsor als "Schlag ins Kontor"

Zu Auswärtsspielen fuhr man erst am Spieltag, oft mit Zug und mehreren Umstiegen. Hinzu kam, dass aufgrund ausbleibender Sponsorenzahlungen im Frühjahr 2001 das Geld ausging. Kaminski sorgte durch einen Privatkredit dafür, dass die Spieler verspätet ihre Gehälter bekamen und am Ende des Tages der größte Erfolg der Vereinsgeschichte stand. „Natürlich war es ein Risiko. Hätten wir den Aufstieg nicht geschafft, hätte ich das Geld nicht wiedergesehen und wir hätten wohl Insolvenz anmelden müssen“, berichtet Kaminski. „Das stand alles auf wackeligen Beinen. Ich würde es als ,Grenzausreizung‘ bezeichnen. Aber zeigen sie mir einen ostdeutschen Verein, bei dem das damals anders lief?“

Den Erfolg auf waghalsiges Wirtschaften zu reduzieren, sei jedoch falsch. „Der Grundstein waren die professionelleren Strukturen, die wir schon unter Wolfgang Metzler zu Verbandsligazeiten und seinem Nachfolger Karsten Heine geschaffen haben. Gerade Heine hat uns mit seinem Fachwissen einen extremen Schub gegeben“, berichtet der ehemalige Baustadtrat, dessen politische Karriere 1998 nach Korruptionsvorwürfen endete. Bis zum Zweitliga-Aufstieg hing er sich anschließend „zum Teil 16 Stunden am Tag“ für seinen Kiezverein rein. Für den hatte er in all den Jahren privat viel zurückgesteckt und trotz einiger Tiefschläge nie aufgegeben. Als „Schock“ und „Schlag ins Kontor“ bezeichnet er zum Beispiel den Tod vom damaligen Hauptsponsor Johannes Gerats im April 1998. 40 Prozent des Etats hätten auf einen Schlag gefehlt, der Gang in die Oberliga wäre der vernünftige Weg gewesen. Doch Stehaufmännchen Kaminski zeigte Nehmerqualitäten und sprang im Ernstfall eben mit einem Privatkredit ein.

Mehr Historisches vom SV Babelsberg 03

„Dass Leute erzählen, dass man in Potsdam damals nur eine Baugenehmigung bekam, wenn man bei Nulldrei Sponsor war, ist Blödsinn“, stellt er klar. Man habe vielmehr geschaut, wie man verschiedene potenzielle Unterstützer zusammenbringen kann. „Wir haben geguckt, wer wo Probleme hat, und wer dabei helfen kann. Wir haben vermittelt und Netzwerke geschaffen und dann waren die Leute auch eher bereit, den Verein zu unterstützen.“ Dass im Jahr 2003 die Insolvenz folgte, will er sich nicht anhängen lassen. Das sei viel mehr das Resultat der krampfhaften Versuche gewesen, die 2. Bundesliga mit aller Macht zu halten. „Trotz der sportlichen Qualifikation waren Verein und Umfeld dieser Herausforderung nicht gewachsen. Man hätte es genießen und mit Anstand sowie einem finanziellen Plus zurück in die Regionalliga gehen können. So wurde im Winter durch einen Trainerwechsel und fünf Neuzugänge viel Geld verbrannt“, sagt Kaminski, der sich dem Gegenwind vom damaligen Sponsor und Stadtwerke-Chef Peter Paffhausen, dessen Prokurist im Aufsichtsrat saß, sowie seinem späteren Nachfolger Marc Schulten ausgesetzt sah.

„Paffhausen hatte mit seiner Unterstützung natürlich ebenfalls großen Anteil am Erfolg, wollte sich dann aber zu sehr inhaltlich einmischen und drohte, sein Sponsoring stark zu reduzieren, solange ich Vorsitzender bleibe.“ Bereits vor dem Ende der Zweitliga-Saison, die mit dem Abstieg endete, nahm Kaminski seinen Hut. „Natürlich hat das weh getan“, gibt er zu. „Aber es fand bereits zuvor ein schleichender Abnabelungsprozess statt. Irgendwann war ich die Grabenkämpfe, diesen permanenten Abnutzungskampf leid.“

Zwei Jahrzehnte später hat Kaminski mit dem SVB abgeschlossen und kann sich nicht vorstellen, sich noch einmal für den Verein zu engagieren. „Aufgewärmte Sachen sind nicht mein Ding. Es waren unglaublich schöne, aber auch intensive Jahre. Der Erfolg von damals bleibt in den Geschichtsbüchern und wird für Babelsberg einmalig bleiben.“

Weitere Stimmen zum Aufstieg des SV Babelsberg 03

Ingo Nachtigall (59, damaliger Co-Trainer): „Bei den Erinnerungen an die damalige Zeit bekomme ich heute noch Gänsehaut pur. Wir hatten keine großen Stars in der Mannschaft, aber eine unheimlich starke Gemeinschaft. Wir haben tollen Fußball gespielt. Wir sind als völliger Außenseiter in die Saison gegangen. Ich erinnere mich noch an eine Anekdote aus dem Wintertrainingslager in der Türkei: Wir wollten ein Testspiel gegen Arminia Bielefeld machen. Die waren damals um Heribert Bruchhagen und Benno Möhlmann auch in der Türkei. Sie sagten ab, weil sie angeblich keine Zeit hatten, spielten aber zu unserem vorgeschlagenen Termin gegen Greuther Fürth. Da sieht man schon, wie wir von außen wahrgenommen wurden. In der nächsten Saison haben wir in Bielefeld gespielt und gewonnen. Nie vergessen werde ich auch unsere legendären Auswärtsfahrten. Als wir zum Beispiel in Essen am Hauptbahnhof mit Trainingsanzügen und Taschen ausgestiegen sind, dachte die Polizei vor Ort, sie guckt nicht richtig. Am Ende gewannen wir 3:0 und wurden von den RWE-Fans gefeiert. Am vorletzten Spieltag sind wir erst mit dem ICE und später weiter mit einem Bummelzug nach Münster gefahren und haben die Partie am Ende gedreht. Erinnerungen, die uns keiner mehr nehmen kann.“

Almedin Civa (49, Mittelfeldspieler und SVB-Kapitän): „Wir hatten ja in der Vorsaison gerade so die Qualifikation für die neue zweigleisige Regionalliga geschafft und wurden als Abstiegskandidat gehandelt, unsere Vorbereitung lief auch überhaupt nicht optimal. Wir hatten aber eine richtig gute Mischung im Team und haben immer an uns geglaubt. Wir haben bestimmt neun, zehn Spiele noch nach einem Rückstand gewonnen. Wir haben sehr offensiv agiert, mit wenigen Kontakten gespielt. Mit jedem Sieg wuchs unser Selbstverständnis. Der unglaubliche Charakter der Truppe zeigte sich vor allem, als es finanziell eng wurde und wir auf unsere Gehälter warten mussten.“

Martino Gatti (49, Mittelfeldspieler und Siegtorschütze im letzten Saisonspiel): „In dieser Saison hat es vom ersten bis zum letzten Tag einfach gepasst. Ich war wirklich 35 Saisonspiele völlig entspannt, vor dem letzten Spieltag aber doch ziemlich nervös. An die Szene vor dem Tor kann ich mich gar nicht mehr so genau erinnern, ich weiß nur noch, dass ich die ganze Zeit gehofft habe, dass ich bloß nicht gefoult werde.“

In Bildern: 30 ehemalige Spieler vom SV Babelsberg 03 – und was aus ihnen wurde.

Klickt Euch durch die Galerie der 30 ehemaligen Spieler vom SV Babelsberg 03. Zur Galerie
Klickt Euch durch die Galerie der 30 ehemaligen Spieler vom SV Babelsberg 03. ©

Björn Laars (46, Abwehrspieler und heutiger SVB-Präsident): „Als ich im Sommer 2000 von Rostock nach Babelsberg wechselte, war ich überrascht, wie viele Spieler gegangen sind. Dass es so kam, wie es gekommen ist, war nicht vorhersehbar. Mannschaft, Trainer und das Team drumherum – es hat alles gepasst. Wir haben sehr offensiv agiert und fast alles über Kurzpassspiel gelöst. Ich erinnere mich unter anderem an den 2:1-Auswärtssieg in Düsseldorf zum Hinrunden-Abschluss, als Alexander Kunze einen Elfmeter hielt und wir eine überragende Rückfahrt hatten. Am vorletzten Spieltag haben wir das Spiel in Münster nach zwei Eigentoren gedreht, mein Gegenspieler war damals in der Schlussphase zusammengebrochen und die Partie war lange unterbrochen. Unsere Aufstiegskonkurrenten dachten schon, dass wir verloren haben. Dann traf Marco Küntzel doppelt. In der Woche vor dem entscheidenden Spiel hat man nur noch an diesen Aufstieg gedacht.“

Enrico Röver (51, Stürmer): „Einfach eine sensationelle Saison, in der wir uns peu à peu gesteigert haben. Wir sind als totaler Außenseiter in die Saison gegangen und wurden immer selbstbewusster – irgendwann war es ein Selbstläufer. Die schwierigen Bedingungen haben uns als Mannschaft immer mehr zusammengeschweißt.“

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Alexander Kunze (50, Torhüter): „Für mich die schönste Zeit als Fußballer, die ich definitiv nicht vergessen werde. Wir haben alle an einem Strang gezogen, das war sensationell. Dass wir am vorletzten Spieltag nach Münster, als das bis dahin wichtigste Spiel der Vereinsgeschichte anstand, erst morgens mit dem Zug losgefahren sind, kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen.“