07. Februar 2022 / 07:36 Uhr

Aufstieg und Fall eines Mega-Talents: Chemie Leipzigs Peter Gosch wird 70

Aufstieg und Fall eines Mega-Talents: Chemie Leipzigs Peter Gosch wird 70

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Mit 18 Jahren gab Peter Gosch sein Debüt von Chemie Leipzig und traf gleich auf Anhieb.
Mit 18 Jahren gab Peter Gosch sein Debüt von Chemie Leipzig und traf gleich auf Anhieb. © Christian Modla
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Fußballer Peter Gosch avancierte bei Chemie Leipzig zum Auswahlspieler, musste dann zur Armee - und wurde später lebenslang gesperrt. Am Montag wird er 70 Jahre alt. Wir blicken auf die bewegte Karriere zurück.

Leipzig. 26. September 1970: Nach der Halbzeit des Oberligaspieles Chemie gegen Erfurt betreten die Spieler wieder den Rasen des Georg-Schwarz-Sportparks. Zwischen Scherbarth, Bauchspieß, Trojan, Lisiewicz und Matoul taucht ein junger Kicker auf, der den wenigsten der 13 .000 Zuschauer bekannt ist: Klaus-Peter Gosch, der an diesem Montag 70 Jahre alt wird. Der junge Mittelfeldspieler gehörte zu den talentiertesten Kickern der DDR, folgerichtig wurde er 1969 in die DDR-Juniorenauswahl berufen und bestritt bis Ende 1969 acht weitere Nachwuchs-Auswahlspiele.

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„Das wäre bei einem anderen Club nicht passiert“

Nur zwölf Minuten nach seiner Einwechslung erzielte der 18-Jährige sein erstes Oberligator und den 2:0-Endstand. Da bahnte sich Großes an… Zunächst aber gehörte Gosch zum Stamm der zweiten Chemie-Mannschaft, die in die DDR-Liga aufgestiegen war. Die Elf von Übungsleiter Dieter Sommer hatte mit sieben Punkten Vorsprung die Bezirksmeisterschaft geholt. Auch der Pokal konnte gegen Grimma durch ein 2:1 gewonnen werden – durch ein Tor von Peter Gosch. In der darauffolgenden Liga-Saison maß Chemie II seine Kräfte mit Teams wie FC Karl-Marx-Stadt, Wismut Gera und Chemie Böhlen. Die Leutzscher errangen den Klassenerhalt auch dank zweier Treffer von Gosch, mussten jedoch absteigen, weil die „Erste“ aus der Oberliga abstieg. Dort hatte Peter Gosch inzwischen auch seine ersten Oberligaspiele absolviert, kam so auf 15 Einsätze und drei Tore.

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Noch bevor feststand, dass beide Chemie-Mannschaften 1971 absteigen würden, wurde Gosch im Mai 1971 für 18 Monate zur Armee eingezogen. Während dieser Zeit spielte er beim FC Vorwärts Frankfurt (Oder). Dort bestritt er 1971/72 vom 3. Spieltag an 19 Oberliga-Punktspiele (ein Tor). Nachdem er 1972/73 noch die ersten sieben Oberligaspiele (zwei Tore) für den FC Vorwärts hauptsächlich als Linksaußen absolviert hatte, wurde er im Oktober 1972 aus der Armee entlassen – allerdings nicht freiwillig. Peter Gosch hatte mehrfach mit einigen Teamkameraden über die Stränge geschlagen, die Rede ist von verspäteter Heimkehr in die Kaserne nach verpasstem Zapfenstreich und ähnliche Abenteuer.

Das, was vielen jungen Männern während der Armeezeit passierte, mündete bei Gosch in eine Katastrophe: Er wurde lebenslang für den Leistungssport gesperrt. Gosch erinnert sich 50 Jahre später: „Wenn man da Scheiße machte, war man gleich weg vom Fenster. Das wäre bei einem anderen Club nicht passiert.“ Er kehrte nach Leipzig zurück und schloss sich der SG Rotation 1950 an, mit der er 1973 in die DDR-Liga aufstieg. Nach einem Ausnahmeantrag von Rotation durfte er für ein Jahr 2. Liga spielen, es folgte postwendend der Abstieg. Der Weg zurück zu Chemie war verbaut, obwohl man sich in Leutzsch sehr um den talentierten Stürmer bemühte.

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„Ja, es ist doch irgendwie schade…“

Der ehemalige Sektionsleiter Heinz-Joachim Jungnickel erinnert sich: „Ich war eigens in Berlin, um ein Gnadengesuch für Peter zu erwirken. Ich dachte, der Hans Müller (stellvertretender Generalsekretär des Verbandes, die Red.) fällt tot um. In 30 Sekunden war das Thema erledigt. Dabei hätte Gosch 50 oder 100 Länderspiele haben können!“ Auch der damalige Mitspieler Bernd Hubert hält große Stücke auf Gosch: „Eines der größten Talente, das es je bei Chemie gab, ein Megatalent. Schade, dass das dann so endete…“

Das Eigengewächs, das sich mit zehn Jahren bei Chemie anmeldete, war durch sämtliche Nachwuchsteams gegangen und durch die großen Nachwuchstrainer der BSG wie Männe Hermsdorf und Dieter Sommer geformt worden. Vater Johann fiel dabei stets als engagierter, die Übungsleiter aber auch mal nervender Vater an der Seitenlinie auf – fast jedes Training besuchte der Papa. Manfred Walter war immer Peters Idol: „Ein Traum, dass ich dann später mit ihm zusammen noch spielen konnte!“ Nach seinem Leistungssport-Au kickte Gosch bis 1980 bei Rotation, danach kurz für Motor Lindenau. Seinem jüngeren Bruder Dieter schaute er selten zu, als der seinen Weg in die Oberligamannschaft der BSG Chemie fand. Auch er hatte es schwer und scheiterte letztlich an mehreren schweren Verletzungen.

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Später zog Peter Gosch der Liebe wegen nach Berlin, bis heute lebt er in Wedding. Im Sommer frönt er seinem großen Hobby, seinem Schrebergarten. Körperlich geht es ihm gut, und den Weg seiner BSG verfolgt er noch heute. Der Blick zurück enthält Wehmut und Selbstkritik. „Wenn man sich das überlegt, warum hat man das gemacht… Ja, es ist doch irgendwie schade…“ Unzufrieden sei er aber nicht. Immerhin hat er ja lange Fußball gespielt und einiges erlebt.

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