17. Oktober 2020 / 21:29 Uhr

Aus dem Fußball-Ruhestand direkt auf den Tenniscourt

Aus dem Fußball-Ruhestand direkt auf den Tenniscourt

Volker A. Giering
Lübecker Nachrichten
Marcus Steinwarth (r.) hat sich mit LN-Reporter Volker Giering getroffen.
Marcus Steinwarth (r.) hat sich mit LN-Reporter Volker Giering getroffen. © privat/hfr
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Nach Beendigung seiner aktiven Fußball-Laufbahn hat Marcus Steinwarth ein neues Hobby für sich entdeckt. Statt dem Lederball jagt der 34-Jährige jetzt der gelben Filzkugel hinterher. Wir treffen uns mit „Steini“ zu einem Match in der Lübecker Welsbachhalle und wollen gucken, ob der ehemalige Jugendnationalspieler auf dem Hallenparkett genauso talentiert ist?

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Gut gelaunt betritt er Platz zwei, dem Center Court beim früheren Lübecker ATP-Challenger-Turnier (1997 bis 2005), und packt als erstes zwei Rackets aus seinem Rucksack aus. Sein Outfit verrät seine Vergangenheit. So trägt der einstige Linksverteidiger einen schwarzen Aufwärmpullover mit dem Vereinslogo vom NTSV Strand 08. Mit den Ostholsteinern wurde er Oberliga-Meister, ehe er im Juli 2019 zum 1. FC Phönix Lübeck gewechselt ist. Überhaupt hat es ihm schwarz ganz offensichtlich angetan. Auch die Socken und die kurze Sporthose (draußen herrschen zehn Grad) sind passend in der selben Farbe. Unter dem Pulli trägt der gebürtige Berliner ein schwarzes Tennisshirt (mit abgesetztem roten Kragen) von Roger Federer, dem 20-maligen Grand-Slam-Sieger. „Roger ist mein großes Vorbild“, verrät er und fügt an: „Ich fand ihn schon immer gut.“ Auf die Frage, was ihn an dem 39-jährigen Schweizer fasziniert, antwortet er: „Weil Roger ein magisches Tennis spielt. Bei ihm sieht alles so leicht aus. Ich liebe sein elegantes Spiel.“

Sportartwechsel nach Karriereende

Tennis habe ihm schon immer gut gefallen, so Steinwarth weiter. „Als ich bei Türkiyemspor Berlin gespielt habe, haben wir immer Tennis auf der X-Box vor dem Training gespielt. Für mich stand immer fest, dass wenn ich mit Fußball aufhöre, dass ich die Sportart wechseln werde.“ Schon seit seinem sechsten Lebensjahr frönt er seiner eigentlichen Leidenschaft Fußball. Angefangen hat alles im ehemaligen Ost-Berlin – genauer gesagt im Stadtteil Marzahn-Hellersdorf. „Es gab damals noch keine Handys“, erzählt er. Als der kleine Marcus nach der Schule nach Hause kam, wurde der Schulranzen meistens gleich in die Ecke geschmissen, ehe es direkt zum Bolzen in den Käfigplatz zwischen den großen Plattenbauten ging.

Marcus Steinwarth - Karriere in Bildern

Saison 2012/2013, SHFV-LOTTO-Pokal, Viertelfinale, Preetzer TSV - VfB Lübeck: Markus Steinwarth vom VfB Lübeck wird von seinen Mannschaftskollegen auf den Schultern getragen und gefeiert

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Saison 2012/2013, SHFV-LOTTO-Pokal, Viertelfinale, Preetzer TSV - VfB Lübeck: Markus Steinwarth vom VfB Lübeck wird von seinen Mannschaftskollegen auf den Schultern getragen und gefeiert . ©

In der Jugend bei Hertha BSC spielte sich „Steini“ später schnell in den Fokus: Er war schnell, drahtig, dynamisch und gut in der Ballführung. Mit der B-Jugend wurde er 2003 Deutscher Meister. Entdeckt wurde er indes von keinem geringeren als Horst Hrubesch. Der frühere HSV-Profi und Ex-Nationalspieler war Beobachter des Eröffnungsspiel der damals neu eingeführten A-Jugend-Bundesliga. Die Hertha aus Berlin, für die auch die Boateng-Brüder Jerome und Kevin-Prince kickten, gastierte beim Hamburger SV und gewann mit 4:1. Steinwarth spielte linker Verteidiger und sich mit einem starken Auftritt in das Notizbuch von Scout Hrubesch. Kurz darauf fand er eine Einladung für die U18-Nationalmannschaft in seinem Sprint. „Ich war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort“, blickt der Ex-Phönixer zurück. Seine Premiere im DFB-Dress feierte er in Sofia bei einem Freundschaftsspiel der U18-Nationalmannschaft in Sofia gegen Bulgarien.

Steinwarth zum VfB-Aus: "Wäre gern geblieben"

Insgesamt spielte er sieben Mal für die U18- und einmal für die U19-DFB-Junioren – jeweils unter Trainer Uli Stielike. Obwohl „Steini“ bei den Hertha-Profi mittrainieren durfte, blieb ihm der Sprung ins ganz große Fußballgeschäft verwehrt. „Das Geschäft ist hart, man macht einiges mit“, betont er. Von Hertha BSC II ging es zu Türkiyemspor Berlin in die Regionalliga Nord (77 Einsätze). Über *Peter Schubert *landete er dann in 2011 beim VfB Lübeck. Zwei Jahre spielte er bei den Grün-Weißen. Im Rahmen der zweiten Insolvenz musste er den Klub aber verlassen. „Ich habe mich beim VfB sehr wohl gefühlt, wäre gern geblieben und war traurig, dass ich gehen musste. Wir mussten damals sechs Monate mit einer Ungewissheit leben, wie es weitergeht. Mir wurde letztlich mitgeteilt, dass der Verein nix zum Anbieten hatte.“

Abschied vom Fußball mitten in der Pandemie

Von der Lohmühle ging es weiter zum FC Schönberg 95 (121 Spiele, 25 Tore), Eutin 08 (27 Spiele, ein Tor) und Strand 08 (28 Tore, sieben Tore). Eigentlich hat er sich überall wohl gefühlt, sagt er. Auch weil er ein angenehmer und lustiger Zeitgenosse mit einem trockenen Humor ist. Einzig die Saison 2017/18 in Eutin habe sich katastrophal entwickelt. Am Ende stieg die Mannschaft direkt aus der Regionalliga ab und Steinwarths ursprünglicher Zwei-Jahres-Vertrag vorzeitig aufgelöst. Die „Strandpiraten“ führte er in der vorletzten Saison als vorbildlicher Kapitän zur souveränen Meisterschaft in der Flens-Oberliga und hatte da schon überlegt, sich mit dem Titel in den Fußball-Ruhestand zu verabschieden. „Ich war mir noch nicht ganz sicher“, sagt der gelernte Physiotherapeut. Sein letztes Spiel hat er am 29. Februar absolviert (6:1 beim Eckernförder SV) – das Coronavirus hat ihn ausgebremst.

„Bis jetzt fehlt mir überhaupt nichts“

Obwohl er seine Laufbahn ad hoc beendet hat, vermisst er das runde Leder nicht – ganz im Gegenteil. „Bis jetzt fehlt mir überhaupt nichts“, erzählt er, „ohne Fans finde ich Fußball im Fernsehen ohnehin total trostlos. Das liegt auch an Corona.“ Erst zweimal war Steinwarth wieder auf einem Fußballplatz: Beim Regionalliga-Heimspiel seines Ex-Klubs 1. FC Phönix gegen Titelkandidat SC Weiche Flensburg 08 (0:1) mit seinem früheren und gut befreundeten VfB-Kollegen Dominik Hartmann und in der Landesliga beim TuS Hartenholm, wo seit dem Sommer sein ehemaliger Phönix-Kollege und bester Kumpel Jan-André Sievers spielt.

Seit Mai beim Lübecker THC

Der Fokus gehört jetzt der Familie, Ehefrau Judith und Tochter Emina. Nebenbei versucht „Steini“ möglichst viel auf dem Tennisplatz zu stehen, um nicht zu rosten und sein Spiel zu verbessen. Beim Lübecker THC in der Ziegelstraße hat er eine neue sportliche Heimat gefunden. Dass er durchaus Talent hat, zeigt er in unserem Match. Läuferisch ist „Steini“ immer noch gut in Schuss und hat kein Gramm Fett zu viel drauf. Zwar geht er am Ende als klarer Verlierer vom Platz, wobei man aber nicht vergessen darf, dass der 34-Jährige erst im Mai mit Tennis angefangen hat. Dafür sieht das schon ganz ordentlich aus. Die Niederlage („Es hat trotzdem Spaß gemacht“) nimmt er gelassen hin. Wie es nun mal seine Art ist: Locker-flockig. Steinwarth grinst und fährt mit seinem Auto vom Parkplatz an der Welsbachstraße – natürlich in einem schwarzen Auto.