09. September 2021 / 13:42 Uhr

Auspfeifen oder nicht? RB Leipzigs Fans streiten um richtigen Empfang für Nagelsmann

Auspfeifen oder nicht? RB Leipzigs Fans streiten um richtigen Empfang für Nagelsmann

Guido Schäfer / Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
Julian Nagelsmann kehrt mit dem FC Bayern an seine alte Wirkungsstätte zurück.
Julian Nagelsmann kehrt mit dem FC Bayern an seine alte Wirkungsstätte zurück. © IMAGO/motivio/Lackovic (Montage)
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Von einem lange und sehnsüchtig erwarteten Wiedersehen kann keine Rede sein. Wenn RB Leipzig am Samstag den FC Bayern München empfängt, sind gleich sieben Ex-Messestädter mit an Bord, allen voran Coach Julian Nagelsmann. Im Vorfeld ist unter den Fans eine leidenschaftliche Diskussion entbrannt, wie vor allem der 34-Jährige in der Red Bull Arena zu empfangen ist.

Leipzig. "Ich habe etwas die Sorge, dass mich die Leipzig-Fans nicht ganz so freudig empfangen werden, weil sie den Wechsel nicht so verstanden haben", sagte Julian Nagelsmann in dieser Woche. Nicht erst seit dieser Aussagen wird unter den RB-Fans unter anderem in den sozialen Netzwerken leidenschaftlich diskutiert: Wie sollen sie ihrem ehemaligen Coach am Samstag gegenübertreten, wenn der mit seinem neuen Club Bayern München in der Red Bull Arena gastiert? (Aus)pfeifen oder nicht, das ist die Gretchenfrage. Klar ist, für die Gastgeber ist die Partie eine der größtmöglichen. "Wir freuen uns riesig auf die 34.000 im Stadion, auf die totale Unterstützung", sagte Coach Jesse Marsch am Donnerstag. "Die brauchen wir."

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Hauptproblem: Ehrlichkeit

"Ich erhoffe mir eine ironische Choreo und keine Pfiffe gegen Nagelsmann. Pfiffe nerven höchstens, aber unterbinden den Support und schaden am Ende nur unserer Mannschaft", schreibt Nutzer @_Flugratte auf Twitter. "Also ich habe schon Pfeifen bestellt", informiert @Hajo431. Recht schnell wird innerhalb der Diskussion klar, vielen RB-Anhängern geht es gar nicht um den Wechsel des 34-Jährigen an die Isar, der seine Entscheidung unter anderem damit begründet hatte, sich einen Lebenstraum erfüllen zu wollen und schon als Kind in Bayern-Bettwäsche geschlafen zu haben. "Die Pfiffe, "weil einige den Wechsel nicht verstanden haben." Wie unreflektiert kann man sein?", fragt Twitter-Nutzer @CFLE79 denn auch. "Es gäbe keine Pfiffe wegen des Wechsels, wenn er einfach ehrlich gesagt hätte, was Sache ist und sich an seine Ansage, keine Leute mitzunehmen (Sabitzer, Trainerteam) gehalten hätte." Das Schlagwort "Lügenbaron" ist deshalb in diesen Tagen beim Kurznachrichtendienst ein gern genutztes im Zusammenhang mit Nagelsmann.

Nicht von der Hand zu weisen ist: Rund um seinen Abschied hatte sich der Coach wider besseren Wissens lange um ein klares Bekenntnis gedrückt. Seine Zusage, außer Analyst Benjamin Glück und einem weiteren Mitglied des Trainerstabes kein Personal mit zum Rekordmeister zu nehmen, hatte nur eine kurze Halbwertszeit. Nagelsmann folgten neben Glück die Co-Trainer Dino Toppmöller und Xaver Zembrod, Sportpsychologe Maximilian Pelka sowie RB-Kapitän Marcel Sabitzer. Dayot Upamecanos Entscheidung für den FCB war bereits lange zuvor gefallen und interessiert in diesem Zusammenhang weniger. Anders ist das mit der Aussage von Leipzigs Vorstandschef Oliver Mintzlaff gegenüber der Sport Bild, wonach die Münchner auch Kontakt zu Konrad Laimer aufgenommen hatten. So manche Fanseele brachte diese Information noch einmal zusätzlich zum Kochen.

"Die Mannschaft braucht euch"

Neues Öl ins Feuer goss auch Journalist Raimund Hinko in seiner jüngsten Sport-Bild-Kolumne "Meine Bayern". "Liebe RB-Fans, es wäre ein feiner Zug von euch, wenn ihr gnädig seid und am Samstag im Spitzenspiel weder euren Ex-Trainer Julian Nagelsmann, noch euren Ex-Spieler Marcel Sabitzer auspfeift. Wenn ihr von Schmähungen abseht." Hinkos Begründung: Dass sich jemand seinen Lebenstraum erfülle, sei nicht verwerflich. In seiner Kindheit und Jugend Anhänger des FCB zu sein ebensowenig. "Fans die sich noch unsicher waren, ob man nun pfeifen soll oder nicht, werden auf Grund solcher Artikel nun eher den Gegner auspfeifen als das eigene Team zu unterstützen", kontert Twitter-Nutzer @aus_LE1 diese Argumentation.

Die ganze Diskussion hat inzwischen auch den Cottaweg erreicht. Bei einer Fan-Veranstaltung am Mittwochabend, dem OFC-Kick-Off, appellierten die RB-Verantwortlichen und Profi Kevin Kampl an die anwesenden und per Zoom zugeschalteten Fans in Sachen Bayern-Spiel. Motto: Alle Stimmkraft den Gastgebern, keine Streuverluste Richtung Ex-Coach Julian Nagelsmann. "Die Mannschaft braucht euch", formulierte Florian Scholz, Kaufmännischer Leiter Sport, eine klare Bitte. Tatsächlich ist die RB-Bilanz in den Duellen mit dem Rekordmeister ausbaufähig. In zwölf Partien gelang lediglich ein Sieg. Siebenmal hatte der FCB das bessere Ende für sich. Vier Begegnungen endeten unentschieden. "Helft unseren Spielern, indem eure Energie bei unserem Team bleibt", sagte Scholz auch angesichts dessen. "Denn nichts wird den Bayern mehr weh tun, als wenn Jesse und die Spieler nach dem Abpfiff die Arme hochstrecken."

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Als Bevormundung der Anhänger will man den durchaus emotionalen Appell allerdings ausdrücklich nicht verstanden wissen. "Emotional verstehen wir, dass der Abschied sicher hätte anders verlaufen können. Aber eines ist auch klar: Sachlich lief alles sehr, sehr sauber ab. Wir als Verein hätten zu jeder Zeit Nein sagen können", stellte Scholz in Sachen Nagelsmann noch einmal klar. "Wir haben selbstbestimmt agiert und diesem Wechsel zu unseren Konditionen zugestimmt. Wir haben Julian viel zu verdanken – wir hatten zwei super Jahre mit tollen Erfolgen. Wir sind im Guten gegangen." Das gelte auch für alle weiteren Personalentscheidungen. Oliver Mintzlaff betonte gegenüber den Anhängern noch einen weiteren Aspekt, den Fairplay-Gedanken. "Dieser Gedanke hat euch immer ausgezeichnet und von anderen Klubs unterschieden", erklärte er am Mittwoch in Richtung der Anwesenden.