21. Dezember 2021 / 07:53 Uhr

Außer zu Weihnachten: Eiskunstlauf-Legende Jutta Müller fühlt sich oft einsam

Außer zu Weihnachten: Eiskunstlauf-Legende Jutta Müller fühlt sich oft einsam

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Jutta Müller blickt auf unzählige Erfolge im Eiskunstlauf zurück. Die feierte sie unter anderem mit Katarina Witt.
Jutta Müller blickt auf unzählige Erfolge im Eiskunstlauf zurück. Die feierte sie unter anderem mit Katarina Witt. © dpa / Imago
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Die lange Zeit weltbeste Eiskunstlauftrainerin führte ein Leben im Trubel. Nun verlässt die 93-jährige Jutta Müller ihre Chemnitzer Wohnung nur noch selten. Ehemalige Schützlinge wie Katarina Witt halten weiter Kontakt zu ihr.

Chemnitz/Berlin. „Ich gehe nicht mehr viel spazieren. Ich kann nicht mehr so gut laufen. Dafür gucke ich gern aus dem Fenster, denn da liegt mir ganz Chemnitz zu Füßen“, sagte Jutta Müller vor wenigen Tagen an ihrem 93. Geburtstag. „Frau Müller fühlt sich einsam, obwohl wir alle immer wieder von uns hören lassen oder vorbeischauen“, beschreibt der größte deutsche Eiskunstlaufstar Katarina Witt die Situation ihrer Trainerin, die einst weltweit gefeiert wurde. Das Gefühl der Einsamkeit verwundert nicht, denn Freudinnen und Trainer-Kolleginnen sind inzwischen verstorben. Zum 93. gratulierten natürlich auch ihre Weltklasse-Schützlinge wie Jan Hoffmann (66) und Annett Pötzsch (61).

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Fast 51 Jahre verheiratet

Die einstige Startrainerin wird inzwischen von einem Hauspflegedienst umsorgt. „Zu Mutters Geburtstag ist meine Tochter Sheila mit meiner neunjährigen Enkelin Karlotta nach Chemnitz zum Gratulieren gefahren. An den Weihnachtsfeiertagen werden mein Mann Egbert und ich zwei Tage zu ihr reisen, um es ihr mit uns ein bisschen gemütlich zu machen“, verrät Tochter Gabriele Seyfert-Körner.

Die dicken Alben mit den zahlreichen Fotos aus den Eisarenen der Welt holt die Startrainerin nur noch selten aus den Schrankfächern. „Man wird vergesslich“, meint die weltberühmte, in den Eishallen immer topgekleidete Kufen-Madonna.


Jutta Müller, aufgenommen den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid (USA) mit ihren Schützlingen Anett Pötzsch (l.) und Jan Hoffmann
Jutta Müller, aufgenommen den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid (USA) mit ihren Schützlingen Anett Pötzsch (l.) und Jan Hoffmann © dpa

Wenn ihr Blick zum Schreibtisch auf das Foto ihres Mannes Bringfried Müller fällt, huscht ein leises Lächeln über das Gesicht der alten Dame. Fast auf den Tag genau 51 Jahre waren Jutta und Bringfried verheiratet. „2016 starb ‚Binges‘, bei dem ich aufgewachsen bin. Seitdem lebt meine Mutter allein in der Wohnung, in die sie mit uns vor 55 Jahren eingezogen ist“, erinnert sich die zweimalige Weltmeisterin Gabriele, die inzwischen 73 Jahre alt ist.

Wie Wismut Aue dank Jutta Müller zur Farbe Lila kam

Ein Geheimnis hat Jutta Müller lange für sich behalten, ihr Ehemann hingegen lüftete es vor einigen Jahren. Bringfried Müller kickte für Wismut Aue in der DDR-Oberliga. Die künstlerischen Einfälle seiner Frau färbten offensichtlich auf den Abwehrspieler ab: „Die Wismut-Kumpel pflegten in 900 Metern Tiefe ihres Schlemaer (heute Bad Schlema) Uranschachtes ein Beet mit Veilchen in Form eines Emblems der BSG Wismut. Jutta fand, das sei eine schöne Trikotfarbe für unsere Mannschaft. Die Vereinschefs ließen damals auf meinen Vorschlag hin tatsächlich Trikots in der Veilchenfarbe anfertigen.“ Bis heute laufen die Spieler des FC Erzgebirge mit Trikots in Veilchenfarbe auf, die einst Jutta Müller vorgeschlagen hatte.

Vieles aus ihrem ereignisreichen Leben hat die Startrainerin vergessen. Beim Stichwort Wien aber kommen sofort die Erinnerungen wieder hoch. Gabriele Seyfert war als EM-Zweite von Ljubljana zur Weltmeisterschaft 1967 nach Österreich gefahren. Die Pflicht, damals wichtiger Bestandteil des Eiskunstlaufs, wurde abseits des Stadtzentrums in der Donau-Eishalle ausgetragen. 7 Uhr mussten die ersten Läuferinnen aufs Eis. Die Mutter, von Lampenfieber getrieben, erschien lange vor dem Start mit ihrer Tochter. Als sie Gaby die Schlittschuhe anziehen wollte, wich jeder Tropfen Blut aus Juttas Gesicht. In der morgendlichen Eile hatte die Trainerin statt der Pflicht- die Kürschlittschuhe gegriffen. Das Ende aller Medaillenträume?

DURCHKLICKEN: Bilder aus Leben und Karriere von Jutta Müller

Unter den kritischen Augen ihrer Mutter und Trainerin Jutta Müller (r) trainiert die DDR-Eiskunstäuferin Gaby Seyfert im Februar 1968 in Grenoble für den Start bei den Olympischen Winterspielen. Zur Galerie
Unter den kritischen Augen ihrer Mutter und Trainerin Jutta Müller (r) trainiert die DDR-Eiskunstäuferin Gaby Seyfert im Februar 1968 in Grenoble für den Start bei den Olympischen Winterspielen. ©

Schlittschuhe vergessen: Schiri aus Prag half

Wie von einer Tarantel gestochen, jagte Jutta Müller aus der Halle, sprang in einen WM-Shuttle und raste ins Hotel. Unterdessen rückte der Uhrzeiger unerbittlich auf die Sieben zu. Jeder wusste: Wenn Gaby nicht pünktlich auf dem Eis steht, scheidet sie ohne Wenn und Aber aus. Hauptschiedsrichter war Josef Dedic aus Prag. Der Tscheche fand hier und da noch einen Kratzer auf dem Eis. Also ließ er mehrmals die Eismaschine zum Wischen über das kalte Parkett fahren. Diese 15 Minuten Verzögerung reichten. Jutta Müller raste mit den richtigen Schlittschuhen in die Halle. Trotz der Hektik führte die damals 18 Jahre alte Gaby Bogen und Paragrafen gekonnt vor. In der Kür sprang und hüpfte die Sächsin gefühlt mit den Donau-Wellen um die Wette – es wurde WM-Silber hinter Peggy Fleming (USA).

Mit Jutta Müller als Trainerin glänzten bei EM, WM und Olympia von Gabi Seyfert über Günter Zöller bis zur vorläufig letzten deutschen Europameisterin Evelyn Klaudt-Großmann (1990 in Leningrad) 58 Medaillen bei der Siegerehrung für ihre Schützlinge. Bilder in Frau Müllers Wohnung zeugen von glanzvollen Tagen – wie das Foto vom Auftritt ihrer Starschülerin Katarina Witt als „Carmen“ bei den Winterspielen 1988 in Calgary.

Tennis-Fan dank Zverev

Katarina tanzte die wilde Carmen so perfekt, dass sogar manch eine spanische Flamenco-Tänzerin neidisch den Auftritt verfolgte. Natürlich sprang, drehte und „stampfte“ sich die schöne Kufenfee erneut zu olympischem Gold. Katarina Witt wiederholte damit ihren Olympiasieg von 1984 in Sarajevo. Vor ihr glückte ein solches – im wahrsten Sinne des Wortes – Kunststück nur der Norwegerin Sonja Henie, die gleich drei Mal triumphierte (1928, 1932 und 1936).

Wird Jutta Müller zu Weihnachten besuchen: Urenkelin Karlotta.
Wird Jutta Müller zu Weihnachten besuchen: Urenkelin Karlotta. © dpa

In die Küchwald-Eishalle, runde 80 Jahre Jutta Müllers zweites Wohnzimmer, „komme ich kaum noch. Der Weg ist zu weit“, sagt die früher so couragierte Frau ein wenig traurig. Gerade zu den Weihnachtstagen begeisterte sie früher mit ihren Schülern durch glanzvolle Schaulaufen.

In diesem Jahr ist geteiltes Leid, wie man so schön sagt, halbes Leid. Wegen der Pandemie wurden die Kulissen für das geplante Weihnachtsmärchen auf dem Eis wieder abgebaut. Auch Tochter Gaby zieht die Schlittschuhe nicht mehr an. „Ich halte mich aber trotzdem mit 73 Jahren weiter fit – jetzt mit Tennis. Seit Alexander Zverev bin ich ein richtiger Fernseh-Tennis-Fan geworden.“ So ändern sich die Zeiten…

Manfred Hönel