05. Juni 2021 / 15:35 Uhr

Auto- und Motorradrennen in Hellerau: Eine Spinne, auf die viele voll abfuhren

Auto- und Motorradrennen in Hellerau: Eine Spinne, auf die viele voll abfuhren

Christian Ruf
Dresdner Neueste Nachrichten
Gepolsterte Spitzkehre von einer Autobahnspur auf die andere: Das Motorradrennen im September 1971 gehörte zu den letzten Veranstaltungen auf der Hellerauer Spinne.
Gepolsterte Spitzkehre von einer Autobahnspur auf die andere: Das Motorradrennen im September 1971 gehörte zu den letzten Veranstaltungen auf der Hellerauer Spinne. © Wikimedia Commons/BR1950
Anzeige

Mike Jordan erinnert mit einem Buch an die beliebten Auto- und Motorradrennen auf der Autobahn bei Hellerau von 1951 bis 1971. Die „Spinnenrennen“ fanden auf einer ursprünglich 6,4 Kilometer langen Rennstrecke (mit vier Spitzkehren) am heutigen Autobahndreieck Dresden-Nord statt. In den Siegerlisten tauchen so legendäre Rennfahrer wie Paul Greifzu, Heinz Melkus und Ewald Kluge auf.

Anzeige

Dresden. Peter Parker ist der Gregor Samsa der US-Comic-Literatur, seine Verwandlung beginnt damit, dass ihn eine radioaktiv verseuchte Spinne beißt. Er stirbt allerdings nicht, sondern mutiert zum Superhelden. Zu Spider-Man, der mittels seiner Finger Netzfäden spinnen kann. Er tut – das gehört zur Berufsbezeichnung eines Superhelden – nur Gutes, gibt also Superschurken keine Chance. Allerdings sah es zunächst nicht nach einem langen Leben für den Spinnenmann aus. Comic-Autor Stan Lee bekam, nachdem er sich 1962 die Figur ausgedacht hatte, von seinen Kollegen bei Marvel unisono zu hören, dass absolut niemand Spinnen möge. Das ist grundsätzlich nicht falsch, vor allem das Verhältnis zwischen Frauen und Spinnen ist sehr komplexer Natur, aber es gab einst in Dresden gleichwohl eine „Spinne“, die sich eines exzellenten Rufs erfreute.

Anzeige

In Erinnerung an den Dresdner Motorrad Club 1914

Zwanzig Jahre lang, von 1951 bis 1971, wurde auf dem Autobahndreieck im Norden der Landes- beziehungsweise Bezirkshauptstadt, in der Nähe des Flughafens Dresden-Klotzsche, internationaler Motorrennsport betrieben (wofür am jeweiligen Wochenende kurzerhand die Autobahn nach Berlin und Bautzen gesperrt wurde) – auf der Autobahnspinne Dresden, kurz „Hellerauer Spinne“ genannt.

Weitere Meldungen zum Motorsport in der Region

An sie erinnert der 59-jährige Mike Jordan in einem Buch, das frisch im Radebeuler Notschriften Verlag erschienen ist. Der Autor geht zunächst knapp und kurz auf die Anfänge des Motorsports in und vor allem um Dresden ein, ob es nun um Radrennen in Dresden-Reick geht oder um die Hohnstein-Bergrennen, die ab 1926 zuhauf Zuschauer anlockten. Anders als heute, wo das Bundesamt für Risikobewertung vor längeren Aufenthalten im Fernsehsessel warnen muss, weil viel zu viele zur Couch-Potato beziehungsweise zum Stubenhocker degenerieren, suchten die Leute massenweise noch das Live-Erlebnis.



Treibende Kraft für Rundstreckenrennen, wie sie zunehmend populär wurden, weil man so die Möglichkeit hatte, Fahrer und ihre „Boliden“ mehrmals zu sehen, war insbesondere der Dresdner Motorrad-Club 1914. Im Jahr 1926 lud man bereits zur „III. großen Dreiecks-Fahrt im Moritzburger Wald“, dann aber fand man im Tharandter Wald eine bessere Strecke. Man zählte die Rennen einfach weiter, das Jagdschloss Grillenburg war Ausgangs- und Zielpunkt der „Vierten großen Dreiecks-Fahrt“.

Weil der Name „Schleife“ schon vergeben war

Der Name „Spinne“ war nicht zuletzt einschlägigen Funktionären geschuldet. Jede Rennstrecke sollte einen markanten Namen haben, etwa Sachsenring oder Schleizer Dreieck. Und da das Wort „Schleife“ schon an die Halle-Saale-Schleife vergeben war, ersann der „rasende Reporter“ Hubert Schmidt-Gigo den umgehend abgesegneten Namen Spinne – wegen der Streckenführung. Die vier Spitzkehren der 6,4 Kilometer langen Strecke bestanden aus jeweils zwei Fahrbahnen. Als Markenzeichen tauchte die achtbeinige Spinne allerdings erst 1963 erstmals auf einer Programmheft-Titelseite auf.

Bei der Premiere am 16. und 17. Juni 1951 zählte die Zeitschrift Motorrennsport in ihrer Ausgabe 14 insgesamt 200.000 Zuschauer auf der Großveranstaltung. Unter ihnen war ein junger Bierwagenfahrer aus Dresden, der die Getränkestände der Grenzquell-Brauerei mit Hopfensaft-Nachschub belieferte. Nicht mehr wegkommend im Gedränge sah er sich nolens volens das Rennen an und dachte sich: „Das kannst du doch besser.“ Es war Heinz Melkus, der dann auch beim nächsten Rennen seinen VW-Sportwagen und sich als Fahrer anmeldete – Auftakt einer Karriere, die ihn zur Fahrer- und dann auch Konstrukteurslegende werden ließ.

Konstrukteur Heinz Melkus steht an einem Melkus RS 1000
Konstrukteur Heinz Melkus steht an einem Melkus RS 1000 © Archivfoto von 1970

Noch immer beachtliche 120.000 Motorsport-Begeisterte waren es, die im darauffolgenden Jahr 1952 zu diesem „gesamtdeutschen Rennen“ strömten, wobei in einem Artikel auf einer Titelseite einer Zeitung, die im Untertitel den Beinamen „Organ der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ führte, groß darauf hingewiesen wurde, wie die Regierung „im Gegensatz zu den kapitalistischen Ländern“ in „vollem Maße“ den Motorsport unterstützt, inklusive Fahrerbetreuung. Gelobt wurde selbstverständlich auch die „dem Sport verbundene“ Volkspolizei.

Wie auch immer: In der Tat trafen sich hier für geraume Weile Spitzensportler aus Ost und West, fuhren gesamtdeutsche und internationale Rennen sowie DDR-Meisterschaftsläufe. Darunter auch Rudi Knees aus Nagold in Baden-Württemberg, der erklärte, dass es solche Veranstaltungen, wie sie in der DDR durchgeführt würden, in Westdeutschland nicht gäbe. Drüben sei der Motorsport lediglich ein Geschäft, er sei Deutscher und werde überall in Deutschland an den Start gehen. Ob die SED-Genossen wussten, dass Knees während des Zweiten Weltkrieges als Obersturmführer an der SS-Kraftfahrschule I in Apeldoorn gedient hatte?

Auch die DDR-Meisterschaft war umkämpft

Mittels in epischer Länge zitierten Rennberichten aus verschiedenen Publikationen gibt Mike Jordan die zeitgemäße Stimmung der rennbegeisterten Bevölkerung, der Aktiven und der vielen Helfer am Rande der Strecke wieder. Ob es wichtig ist, nach gut 50 Jahren auch noch das letzte Detail eines (fast) jeden Rennens zu erfahren (etwa ob eine Lenkerschraube brach oder eine Kupplung den Dienst versagte), muss jeder mit sich selbst abmachen. Zumindest bei einschlägigen PS-Enthusiasten/Nerds könnte sich der Puls beschleunigen, wenn sie lesen, wie umkämpft 1952 das zweite Rennen der 500er-Gespanne im Kampf um wertvolle Punkte der DDR-Meisterschaft war.

Interessant für jedermann sind auf alle Fälle die Geschichten am Rande der Großveranstaltungen. Und auch was der Autor über die Einbindung der beteiligten Sportgemeinschaften festhält, fügt sich zu einem dann doch stimmigen Gesamtbild. So erfährt man etwa, dass 1953 wie 1954 die Rennen von der Sektion Motorrennsport der DDR organisiert wurden, oder auch dass neben der BSG Motor Niedersedlitz und der BSG Lok Dresden-Mitte mit der SV Post ein weiterer Club in der Elbmetropole ein weiterer „Verein“ eine Motorsportsektion besaß.

Alles eitel Sonnenschein war wiederholt nicht. Es gab Mitglieder- und Finanzprobleme, weshalb das Spinnenrennen von 1955 – um es nicht ganz ausfallen zu lassen – lediglich als Eintages-Veranstaltung zunächst nur für Ausweisfahrer angesetzt wurde (später wurden zwei Klassen „doch noch mit Lizenzfahrern gestartet“, wie Jordan schreibt). Es kamen auch nur 10.000 Besucher, absoluter Minusrekord. Immerhin hatte der Bezirksfachausschuss der Sektion Motorrennsport laut einem Pressebericht „vor allem den Ausweisfahrern Gelegenheit gegeben, einmal ohne die Großen (Lizenzfahrer) ihr Können zu beweisen“. Ein Herz für Amateure?

Heinz Melkus schraubt im Fahrerlager an seinem Fahrzeug rum.
Heinz Melkus schraubt im Fahrerlager an seinem Fahrzeug rum. © Zentralbild Kohls 1961

Vom Ansatz her ist das damalige Geschehen jedenfalls durchaus anders zu werten als jene Vorstellungen Andreas Scheuers, seines Zeichens Verkehrsminister und „Master of (Maut-)Desaster“, denen zufolge jeder, der 25 Jahre alt ist und seit fünf Jahren einen Autoführerschein hat, ein leichtes Motorrad mit bis zu 15 PS fahren darf. Aber selbstverständlich erst, so die Spötter, nachdem er fünf Fahrstunden absolviert hat, wahlweise auch 20 Stunden „Grand Theft Auto 5“ oder zehn Runden mit dem Autoscooter.

1956 fand gar kein Rennen auf der Spinne statt, die Dresdner Motorradfahrer konnten sich aber die Leistungsprüfungsfahrt „100 km durch die Dresdner Heide“ wie auch eine Motocross-Veranstaltung im Ostragehege am Schlachthof „reinziehen“. Auch 1968 gab es kein Rennen auf der Spinne – nichts sollte im „Warschauer Pakt“ den Einmarsch in die CSSR und die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ behindern. Nachdem am 2. Juni 1957 der Allgemeine Deutsche Motorsportverband (ADMV) der DDR gegründet worden war, kam die Autospinne Dresden wieder auf den Terminkalender – und zwar als DDR-Meisterschaftslauf wie auch als „Gesamtdeutsches Rennen“. Die Streckenlänge wurde von 6,4 auf 5,3 Kilometer reduziert, man ließ die „Berliner Kehre“, den Autobahnabzweig Richtung Berlin, weg. Rennleiter war einmal mehr der bewährte Meißner Max Haufe.

Mann hinkte dem Westen technisch hinterher

So international man sich gab, wie Jordan deutlich macht, zeitigte der Kalte Krieg zunehmend Auswirkungen. Rein um den Sport ging es zunehmend nicht mehr, 1963 wurde den Programmheften schon mal ein Flugblatt mit einem Aufruf zur Volkskammerwahl beigelegt. Westdeutsche Fahrer machten sich mehr und mehr rar, die Fahrer der DDR bekamen keine Visa mehr, um im Westen an Rennen teilzunehmen. Man schenkte sich gegenseitig nichts, was Schikanen anging.

Anzeige

Zunehmend kamen die Spitzenfahrer aus dem Westen kaum noch, worüber das Publikum bei aller frenetischen und lautstarken Unterstützung der Lokalmatadoren durchaus wenig erbaut war. Auch der Motorsport schmorte in der DDR zunehmend im eigenen Saft. Mitunter war auch die technische Überlegenheit des Westens ein Problem. So wurden die allseits beliebten Seitenwagenrennen ab 1961 in der gesamten DDR nicht mehr ausgeschrieben – man hatte den westdeutschen BMW-Gespannen einfach nichts entgegenzusetzen. Und nachdem 1966 mit dem Braunschweiger Dieter Bohnhorst ein Westdeutscher das abschließende Rennen der Formel-3-Wagen auf der Spinne überlegen gewonnen hatte, wurde das Rennen 1967 als „Einlauf um den Pokal der sozialistischen Länder“ ausgeschrieben – so machten Fahrer aus dem Warschauer Pakt das Rennen unter sich aus. Immerhin waren die beiden Motorradklassen noch weiterhin gut mit Fahrern aus aller Welt gefüllt.

Nicht zuletzt die Fotos von den Veranstaltungen als authentische Dokumente, aber auch die Reproduktion von Eintrittskarten, Programmheft-Titelseiten, Urkunden etc. machen das Buch reizvoll. So weist ein Foto darauf hin, dass das Dresdner Gesangsquartett „Die vier Brummers“, das bei vielen Veranstaltungen des ADMV für die musikalische Unterhaltung (mit-)zuständig war, auch beim Spinnenrennen 1963 für gute Laune sorgte.

Mike Jordan: Die Dresdner Autobahnspinne. Internationale Auto- und Motorradrennen auf der Autobahn bei Dresden-Hellerau 1951–1971, Notschriften Verlag, 168 Seiten mit 177 teilweise farbigen Abbildungen, ISBN 978-3-948935-13-9