27. Januar 2021 / 21:03 Uhr

Wie Ex-Wolfsburg-Trainer Reis aus Bochum einen Aufstiegskandidaten machte

Wie Ex-Wolfsburg-Trainer Reis aus Bochum einen Aufstiegskandidaten machte

Marcel Westermann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Erfolgreich: Ex-Wolfsburg-Trainer Thomas Reis machte aus dem VfL Bochum einen Aufstiegskandidaten.
Erfolgreich: Ex-Wolfsburg-Trainer Thomas Reis machte aus dem VfL Bochum einen Aufstiegskandidaten. © 2019 Getty Images
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Der ehemalige Nachwuchstrainer des VfL Wolfsburg, Thomas Reis, hat den Fußball-Zweitligisten von einem Abstiegs- zu einem Aufstiegskandidaten geformt. Dabei hatte der Coach anfangs keinen leichten Stand.

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Was Thomas Reis gerade beim VfL Bochum leistet, ist große Klasse. Der ehemalige Nachwuchstrainer des VfL Wolfsburg hat aus dem Abstiegskandidaten der 2. Fußball-Bundesliga einen Aufstiegsaspiranten gemacht - nach der Hinrunde liegt der 47-Jährige mit seinem Team auf Platz zwei. Dabei war es für Reis nicht immer leicht, geholfen hat ihm aber auch seine Erfahrung aus der VW-Stadt.

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Von Juli 2016 bis September 2019 war Reis für die U19 des VfL verantwortlich (91 Partien, 65 Siege). "Mir war damals wichtig, ohne Vorschusslorbeeren in ein starkes Nachwuchszentrum zu kommen, und das beim VfL zählt für mich zu einem der besten in Deutschland", blickt Reis zurück. Ohne Vorschusslorbeeren, damit meint er, dass er sich diesen Posten nur durch harte Arbeit erkämpft hatte. Denn nach seiner aktiven Karriere war er in zunächst unter Andreas Bergmann, Karsten Neitzel sowie Gertjan Verbeek Co-Trainer bei den Bochumer Profis gewesen und trainierte die Reserve und die U19. Sein Vorteil damals: 112 Bundesliga- und 64 Zweitliga-Spiele von 1995 bis 2003 für den Klub im Ruhrgebiet - im Verein war er ein bekanntes Gesicht.

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Aber auch in Wolfsburg machte er gute Arbeit und empfahl sich so für höhere Aufgaben. "Mein Traum war immer der Profi-Bereich", betont Reis. "Ich möchte nicht im Altersstuhl sitzen und sagen: Hättest du mal…Jetzt habe ich in Bochum, bei meinem Verein, die Gelegenheit bekommen", freut sich der gebürtige Wertheimer und ist nach wie vor dankbar, dass der VfL ihn trotz seines kurz zuvor um drei Jahre verlängerten Vertrags hat ziehen lassen. Der Kontakt nach Wolfsburg ist bis heute nicht abgerissen. "Ich habe zu meinem ehemaligen Team und zu Sportdirektor Marcel Schäfer noch Kontakt. Das soll auch so bleiben, ich hatte dort eine tolle Zeit."



Und in Bochum läuft es für ihn nach anfänglichen Schwierigkeiten richtig gut. Als er den Cheftrainer-Posten am 6. September 2019 übernommen hatte, war der VfL nach fünf Spieltagen Vorletzter. "Es war nicht einfach. Ich wusste, in welcher Situation ich zum VfL Bochum gekommen bin", sagt Reis und beschreibt deutlich: "Ich habe eine Mannschaft vorgefunden, die in sich große Probleme hatte und von Individualisten geprägt war. Es war ein schwerer Prozess, die Spieler zu einem Team zu formen."

Doch er hat es geschafft, nach der Corona-Pause legte Bochum richtig los - und beendete die Saison noch als Achter. "Nach dem Re-Start haben wir vieles besser gemacht", lobt Reis, der dem Team neues Leben einhauchte und ihm mit viel Empathie die Werte vermittelt hat, die ihm selbst am Herzen liegen: Ehrlichkeit, großes Engagement und ein intaktes Mannschaftsgefüge. "Die Spieler müssen untereinander nicht mit jedem Kaffee trinken gehen, aber auf dem Platz muss eine gewisse Verlässlichkeit her."

Viel umstellen in seiner Arbeit musste er beim Wechsel von der Jugend in den Profi-Bereich nicht, schließlich ist bei der U19 des VfL schon alles "auf den Profi-Bereich ausgelegt". Daher sei Wolfsburg für seine Entwicklung "gut und wichtig" gewesen. "Man trainiert nicht groß anders, die Profis lieben auch diesen Wettbewerb, sie wollen sich immer wieder messen", berichtet Reis, weiß aber auch, dass die Ansprache eine andere sein muss. "Wenn du Familienväter vor dir hast, kannst du nicht so einen trockenen Spruch bringen wie bei einem Jugendspieler." Und es gibt noch einen Unterschied: das Interesse der Medien. "Also ich bräuchte das nicht", sagt Reis lachend. "Jeder hat hier die Hoffnung, mal wieder aufzusteigen. Und wenn es nicht passiert, kommt oft Unruhe auf. Aber damit muss man umgehen, wenn man bei einem Traditionsverein arbeitet."

Reis scheint mit dem "Druck" bisher ziemlich gut umzugehen. Ging als Tabellenzweiter mit drei Zählern Rückstand auf Primus Hamburger SV in die englische Woche - der Aufstieg scheint möglich zu sein, auch wenn es noch ein weiter Weg ist. "Natürlich wollen wir den Platz verteidigen, wenn wir da oben schon stehen", sagt Reis, "aber es wird schwer. Die 2. Liga ist ziemlich ausgeglichen. Und irgendwann wird es eventuell auch eine Kopfsache." Viele Trainer haben ihr Glück versucht, darunter Peter Neururer, Verbeek und Robin Dutt. Doch geklappt hat es bisher nicht - jetzt hat Reis die große Chance. "Ich würde die Tabelle, so wie sie jetzt ist, unterschreiben, dann hätten wir hier nach elf Jahren etwas Einzigartiges geschafft."

Nächstes Duell mit Omar Marmoush

Die nächsten Punkte im Aufstiegskampf können die Bochumer am Donnerstag beim FC St. Pauli sammeln. Für Reis gibt's ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten: Omar Marmoush, der im Sommer vom VfL zu den Kiezkickern ausgeliehen worden war und in den ersten vier Partien gleich zweimal traf. "Omar hat zwei, drei Spiele unter mir gemacht. Für junge Spieler ist es beim VfL ziemlich schwer in einer funktionierenden Mannschaft", weiß Reis. "Er hat eine unglaublich gute Schuss-Technik und ein gutes Tempo. Er macht es dort ordentlich, aber wir wollen schauen, dass er es am Donnerstag nicht ordentlich macht. Danach darf er gern in jedem Spiel bomben."

So wie es Marmoush auch in der U23 getan hat, bevor er dauerhaft zum Profi-Kader des VfL gehörte. Dass es für die zweite Mannschaft der Wolfsburger bis zur Corona-Pause im Amateurfußball nicht gut lief, ist auch Reis nicht entgangen. Die U23 tue sich "tabellarisch von außen betrachtet überraschenderweise etwas schwer", sagt der Bochum-Trainer über den Regionalliga-Neunten der Süd-Staffel. Aber auch in der U19 (Bundesliga-Letzter) und der U17 (Bundesliga-9.) läuft es gerade nicht. Er habe ein paar Mal mit dem Sportlichen Leiter des VfL-Nachwuchses, Pablo Thiam, telefoniert. "In der Jugend ist es, was die Ergebnisse angeht, gerade etwas schwierig", weiß Reis. "Sie haben aber auch Spieler frühzeitig in die höheren Altersklasse gesetzt. Es ist klar, dass das nicht auf Anhieb funktioniert."

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