07. Mai 2021 / 17:07 Uhr

Bäder dicht, Schwimm-Vermögen sinkt – und Wartelisten für die Kurse

Bäder dicht, Schwimm-Vermögen sinkt – und Wartelisten für die Kurse

Matthias Preß
Peiner Allgemeine Zeitung
Da ging es noch: Kinder lernen schwimmen. Seit geraumer Zeit sind die Schwimmbäder allerdings geschlossen.
Da ging es noch: Kinder lernen schwimmen. Seit geraumer Zeit sind die Schwimmbäder allerdings geschlossen.  © Martin Schutt/dpa
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Kinder lernen nicht das Schwimmen. Nicht etwa, weil sie nicht wollen, sondern weil sie nicht können. Die Bäder sind dicht. „Das wird gravierende Auswirkungen haben“, warnt der Kreissportbund-Vorsitzende Wilhelm Laaf.

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Schwimmkurse gibt es zurzeit nicht. Man kann nicht einmal das Sprachbild verwenden, dass sie ins Wasser gefallen wären. Denn die Bäder im Kreis Peine sind seit geraumer Zeit dicht. Man kann aber festhalten, dass die Schwimmvereine auf dem Trockenen sitzen. „Das wird gravierende Auswirkungen auf die Schwimmfähigkeit der Kinder haben“, sagt der Kreissportbund-Vorsitzende Wilhelm Laaf. Denn mehr Schwimmkurse werde es künftig nicht unbedingt geben. Aber viel mehr Kinder, die das Schwimmen noch nicht gelernt haben.

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Wir haben jetzt schon etwa 30 Jungen und Mädchen auf der Warteliste für einen Schwimmkursus“, sagt Helmut Döhne, Vorsitzender des Peiner Schwimmvereins. Aber: „Das Vereinsleben steht seit ungefähr einem Jahr still. Wir machen ein paar OnlineAngebote für die Mitglieder, doch es bleibt viel auf der Strecke. Nur Trockentraining bringt es nicht.“

Mehr vom Peiner Sport im Corona-Lockdown

Döhne hofft, dass zu den Sommerferien wenigstens das Peiner Freibad wieder öffnen darf. „Wir haben viele junge Leistungsschwimmer mit Lizenz. Wir könnten dann verstärkt Kurse anbieten.“ Außerhalb der Ferien sei das schwieriger.

Ähnlich die Situation bei der DLRG Peine, die ebenfalls eine Warteliste führt. „Uns ist es als DLRG aber wichtig, dass die Kinder mehr Sicherheit im Wasser bekommen“, sagt Ortsgruppen-Leiter Jürgen Danert. „Deswegen gibt es Folgekurse nach dem ersten Kursus zum Seepferdchen.“ Eigentlich – aber seit mehr als einem Jahr sind auch die dem Corona-Lockdown zum Opfer gefallen. Mehr Kurse werde es voraussichtlich nicht geben.

Bei den noch laufenden Schuleingangs-Untersuchungen im Kreis Peine lassen sich zwar noch keine Zahlenvergleiche zu den Jahren vor Corona ziehen, aber „gefühlt ist der Anteil der Kinder, die bereits ein Schwimmabzeichen erworben haben, geringer“, teilt Landkreis-Pressesprecher Fabian Laaß mit. „Etliche Eltern berichten, dass ja leider keine Schwimmkurse möglich seien beziehungsweise, dass begonnene Kurse abgebrochen werden mussten.“

Schon vor Corona konnte ein Großteil der Erstklässler nicht schwimmen.Zum Schuljahr 2019/2020 wurden 1427 Kinder eingeschult, von denen 28 Prozent ein Schwimmabzeichen erworben hatten und 13 Prozent gerade an einem Schwimmkursus teilnahmen. Zum Schuljahr 2020/2021 konnten coronabedingt nur 1074 Kinder untersucht werden, etwa zwei Drittel der baldigen Erstklässler. Auch hier hatten 28 Prozent schon ein Schwimmabzeichen, acht Prozent nahmen bis zur Schließung der Bäder an einem Schwimmkursus teil.

„Die Auswirkungen der nun fehlenden Möglichkeit, Da ging es noch: Kinder lernen schwimmen. Seit geraumer Zeit sind die Schwimmbäder allerdings geschlossen. FOTO: MARTIN SCHUTT/DPA an Schwimmkursen teilzunehmen, wird sich sicherlich in den nächsten Jahrgängen zeigen“, sagt Laaß. „Erfahrungsgemäß ist das Angebot an Plätzen in den Kursen auch bei geöffneten Bädern geringer als der Bedarf. Nicht in allen Gemeinden stehen entsprechende Angebote zur Verfügung.“

Für die weiterführenden Schulen wird das einige Herausforderungen bringen. „Bei der Anmeldung für die fünften Klassen wäre es gut, wenn die Kinder schon den Freischwimmer haben, weil sie den für Klassenfahrten brauchen“, sagt Simon Speer, Schulleiter des SilberkampGymnasiums. „Das werden viele in diesem Jahr nicht schaffen können. Wir werden deshalb wohl ein Angebot wie die Nichtschwimmer-AG deutlich ausbauen.“

Wann Schwimm-Unterricht erteilt wird, hängt am Silberkamp-Gymnasium davon ab, wann die Schule Bad-Zeiten zugeteilt bekommt. „Unter den gegebenen Umständen werden wir aber den fünften Jahrgang sicherlich nicht gleich ins Wasser werfen, sondern erstmal analysieren und über das AG-System versuchen, das Problem zu lösen“, sagt Speer.

Durch den Corona-Lockdown hat sich die Situation verschärft, das Problem, dass immer mehr Kinder nicht schwimmen können, bestand aber schon vorher. Diese Entwicklung will KSB-Chef Laaf nicht hinnehmen. Er appelliert an die Eltern, mit ihren Kindern regelmäßig Schwimmbäder zu besuchen, wenn diese wieder geöffnet sind. Und er appelliert an die Kommunen, den Bäderbetrieb nicht nur unter dem Kostenaspekt zu sehen, sondern auch unter dem Aspekt des Bildungsauftrages, zu dem der Schwimmunterricht zählt. Froh ist er deshalb über den 900 000-Euro-Zuschuss, den der Bund zur Sanierung des Mehrumer Hallenbades zahlt.

„Verheerende Folgen für Kinder“ 

Der niedersächsische Sportlehrerverband fordert, einen Teil der Bund-Länder-„Nachhilfe-Milliarde“ auch für den Schulsport einzusetzen. WegenderCorona-Pandemie hätten viele Schülerinnen und Schüler „erhebliche Lernrückstände und Defizite im motorischen Bereich“. Zur Aufarbeitung schlägt er auch eine dritte Sport-Schulstunde vor.

So seien zum Beispiel pandemiebedingt viele Schwimmbäder 2020 und 2021 größtenteils geschlossen gewesen – mit verheerenden Folgen für Kinder. In Niedersachsen konnte kaum Schwimmunterricht stattfinden. Es sei zu erwarten, dass es „starke Einbrüche bei der - ohnehin verbesserungsfähigen – Schwimmfähigkeit der Grundschülerinnen und -schüler“ gebe.

In Kooperation mit den Sportvereinen könnten Schwimmkurse in der Schulzeit, in den Ferien, an Wochenenden eingerichtet werden, jedoch brauchten die Schulen Schwimmzeiten, Lehrerstunden und Geld, argumentieren die Sportlehrer.

Die frühere Schwimmweltmeisterin Franziska van Almsick hat unterdessen vor den Folgen der Bäderschließungen während der Coronapandemie gewarnt. „Die Auswirkungen auf das Schwimmen sind verheerend“, sagte sie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sie gehe davon aus, dass wir eine verlorene Generation von Kindern haben, die das Schwimmen gar nicht lernen. Sie fürchte, dass viele das unterschätzen.