18. März 2020 / 15:44 Uhr

Bänderverletzungen in Göttingen: Ist der Kunstrasen Schuld?

Bänderverletzungen in Göttingen: Ist der Kunstrasen Schuld?

Eduard Warda
Göttinger Tageblatt
Jannik Meck vom TSV Landolfshausen/Seulingen liegt im Testspiel gegen die SG Bergdörfer verletzt an der Seitenlinie.
Jannik Meck vom TSV Landolfshausen/Seulingen liegt im Testspiel gegen die SG Bergdörfer verletzt an der Seitenlinie. © Schneemann
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Seit 2018 können Göttinger Fußballmannschaften auf drei zusätzlichen Spielfeldern trainieren und spielen, und seit einiger Zeit häufen sich Klagen über entzündete Sehnen oder Bänderrisse – gibt es einen Zusammenhang? Mediziner konstatieren lediglich eine höhere Belastung für den Körper.

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Ein Meniskusriss hat neulich bei einem heimischen Landesligaspieler eine Operation und einen mehrwöchigen Ausfall nach sich gezogen. Den Akteur beschlich vor allem aufgrund der Verletzungscharakteristik das Gefühl, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen war.

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Das halbe Fußballteam leidet unter Problemen

Er habe schon mal einen Meniskusriss gehabt: „Als das Band durch war, habe ich es sofort gemerkt. Diesmal hatte ich nach Spielen immer mal Schmerzen. Es war wie eine verdeckte Verletzung, die sich allmählich entwickelt hat“, berichtet der Fußballer. Was ihm in der Vorbereitung auf die Rückrunde zusätzliche Sorgen bereitete: Das halbe Team, das im Winterhalbjahr vor allem auf Kunstrasen trainiert, habe sich mit Sehnen- und Bänderproblemen herumgeplagt.

Ähnlich fällt auch die Wahrnehmung von Fabian Otto, Trainer des Bezirksligisten SG Bergdörfer, aus: Im Vorfeld der Partie beim FC Grone (1:0-Auswärtssieg) berichtete er von Abnutzungserscheinungen bei seinen Spielern durch regelmäßiges Training auf Kunstrasen. Man sei wegen Klagen über Bänder- und Gelenkschmerzen schon dazu übergegangen, auf eine intensive Einheit jeweils eine Regenerationseinheit mit leichterem Training folgen zu lassen.

Kunstrasenplätze: Gift für die Bänder und Gelenke von Fußballern? Dr. Stephan Frosch, Leiter der Sporttraumatologie der Göttinger Universitätsmedizin, stellt klar, dass weder wissenschaftliche Studien noch Statistiken einen wesentlichen Unterschied in der Häufigkeit von Bänderverletzungen auf Rasen und Kunstrasen belegen. „Aus medizinischer Sicht kann man sich das nicht erklären.“


Präventionsprogramme beugen vor

Die Belastung ist für Bänder und Gelenke auf Kunstrasen höher als auf Naturrasen. Was kann vorbeugend unternommen werden? Dr. Stephan Frosch von der Göttinger Universitätsmedizin weist auf Präventionsprogramme hin, bei denen gezieltes (Kraft-)Training zum Einsatz kommt. Sie werden unter anderem von der Deutschen Kniegesellschaft angeboten und heißen zum Beispiel „STOP-X“. Dabei handelt es sich um ein Trainingsprogramm zur Prävention von Verletzungen am Kniegelenk.

Werden Überbelastungsschäden diagnostiziert, ist laut Dr. Silke von der Heide von Promotio auch ein Rehatraining sinnvoll. Ein grundsätzliches Anliegen sei, dass auch im Breitensport Trainer für einseitige Belastungen sensibilisiert, und beispielsweise einheitenfüllendes Flankenschlagen unterlassen. „Wenn Kinder im Wachstumsprozess auf einmal ganz viele Flanken schlagen, kann das zu Entzündungen führen.“ Ziel sei es grundsätzlich, mit Sportvereinen gut zu kooperieren, „um eine vernünftige Versorgungssituation reinzukriegen“.

Was anderes sei es mit der zusätzlichen Belastung des Körpers und seines Bandapparates. „Das mögen die Fußballer nicht so“, erläutert der Arzt. Der Kunstrasen als Untergrund verhalte sich bei Richtungswechseln nicht so flexibel wie Naturrasen. „Die Sprunggelenke sind dadurch mehr belastet“, verdeutlicht Frosch, Mannschaftsarzt des Basketball-Bundesligisten BG Göttingen. Vor allem ältere Fußballer, die nicht so an Kunstrasenplätze gewöhnt sind, bekämen die zusätzliche Belastung zu spüren.

„Die Kraft wird auf Kunstrasen direkter übertragen, und der Spieler hat inbesondere bei der Umstellung im Winterhalbjahr Anpassungsprobleme“, sagt Frosch. Deshalb sei eine Eingewöhnungsphase zu empfehlen: „Die Spieler sollten am ersten Tag des Trainingslagers nicht so hart reingehen.“ Nach einer Weile gewöhne sich der Körper an die etwas andere Belastung.

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Dr. Silke von der Heide, ärztliche Leiterin von Promotio, Göttinger „Zentrum für Gesundheit, Fitness, Wohlbefinden“, zieht einen Vergleich mit dem Tennis heran: Während bei Ausfallschritten auf Sand gerutscht werde, sei das auf einem anderen Untergrund nicht möglich, und die Energie werde über die Muskulatur und die Sehnen abgefangen. „Das kann dazu führen, das Bänder überbelastet sind“, sagt sie. „Kunstrasen hat andere Abstoppeigenschaften, und dazu kommt, dass im Leistungssport nach einer hohen Beschleunigung abgestoppt wird.“

Fußballer müssen sich auf Untergrund einstellen

Die Kunst sei es, das Fußballspielen auf Kunstrasen explizit zu üben. „Fußballer sollten nicht einfach auf den Platz gehen und kicken, sondern sich koordinativ auf den Untergrund einstellen“, rät die Ärztin.

Im Prinzip gehe es um die Frage: Welche Tätigkeit werde häufig, vielleicht zu häufig ausgeübt?Und da habe der ambitionierte Fußballer etwas gemein mit der professionellen Geigerin, die über Schulterprobleme klagt – bei Überdosierung seien Gegenmaßnahmen, etwa regelmäßiges Rehatraining, vonnöten.