11. Juni 2021 / 12:57 Uhr

Schweinsteiger über seinen ARD-Job, Deutschlands Rolle bei der EM und seine Freundschaft zu Löw

Schweinsteiger über seinen ARD-Job, Deutschlands Rolle bei der EM und seine Freundschaft zu Löw

Imre Grimm
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Bastian Schweinsteiger ist bei der EM als Experte für die ARD im Einsatz.
Bastian Schweinsteiger ist bei der EM als Experte für die ARD im Einsatz. © IMAGO/Sven Simon
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In Brasilien wurde der 36-Jährige vor sieben Jahren Weltmeister, bei der paneuropäischen EM wird er in wenigen Tagen als Experte für die "ARD" am Mikrofon im Einsatz sein. Der gebürtige Münchener glaubt an die Chancen des DFB-Teams und legt den Fokus mehr auf die Abwehr als auf das Mittelfeld.

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Am Freitagabend startet die Europameisterschaft mit dem Eröffnungsspiel in Rom zwischen Italien und der Türkei. Mit dabei sein wird Bastian Schweinsteiger als Experte für die ARD. Der 36-Jährige hat im Interview mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND), über die nötigen Tugenden für das DFB-Team gesprochen und zeigte sich überrascht ob der Nicht-Nominierung von Jerome Boateng.

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SPORTBUZZER: Herr Schweinsteiger, vor uns liegt keine gewöhnliche Fußball-Europameisterschaft. Die Bedingungen sind besondere, die Vorfreude erscheint mir etwas gedämpft – glauben Sie, es wird sich trotzdem Euphorie einstellen?

Bastian Schweinsteiger (36): Ich glaube schon, dass die Europameisterschaft eine Euphorie entfachen kann. Das ist doch immer etwas Besonderes, so ein Turnier. Und natürlich hoffe ich, dass auch die deutsche Mannschaft Euphorie entfacht. Wir haben eine schwierige Gruppe erwischt. Aber wer weiß, was passiert, wenn wir das erste Spiel gegen Frankreich gewinnen? Ein einziger Sieg kann sehr viel auslösen.



Die Fußball-EM wird Ihr erstes großes Turnier in der neuen Funktion als ARD-Experte. Was haben Sie sich vorgenommen?

Ich freue mich sehr darauf, jetzt mal ein Turnier aus einem anderen Blickwinkel begleiten zu dürfen. Ich habe ein tolles Team um mich herum, das mich technisch unterstützt, auch mit all den Datenbanken voller Informationen über jeden einzelnen Spieler – bis zu der Frage, wie er sich die Haare schneidet (lacht).

Per Mertesacker hat erzählt, dass er als Quelle für seinen TV-Job im ZDF auch das EM-Panini-Heft zu Rate zieht. Wie ist das bei Ihnen?

Nein, ich verwende kein Panini-Heft. Ich versuche aber, in der Vorbereitung auch persönliche Kontakte zu nutzen. Manchmal hilft das, um mehr über Spieler zu erfahren. Ich habe ja das Glück, auch im Ausland gespielt zu haben. Und wenn ich jetzt mal Manchester United als Beispiel nehme: Da habe ich eine ganze Reihe von Telefonnummern von Franzosen, Italienern und Engländern – die decken ein breites Spektrum ab, das nutze ich.

Die ARD hat Sie vorab als "präzisen und wortgewaltigen Analytiker" angekündigt. Das sind ziemlich hohe Erwartungen.

Ich bin niemand, der sich gern in den Vordergrund drängt. Das sollte man als Experte auch gar nicht. Ich bereite mich so gut vor, wie ich kann, um die Spiele in einem normalen Ton analysieren zu können. Man kann ja durchaus fein mit den Worten sein, aber hart in der Sache. Ich fand es schon als Spieler angenehm, wenn Gesprächspartner sich auch bei kritischen Fragen anständig benommen haben. So versuche ich das auch zu halten. Das schließt Kritik nach schlechten Leistungen nicht aus.

Mit welchem Team ist denn aus Ihrer Sicht zu rechnen bei dieser EM?

Ich denke, dass Frankreich, Belgien, Spanien und Niederlande eine größere Rolle spielen werden, und natürlich wäre es auch schön, wenn die Engländer mal bei einem Turnier ein bisschen was zeigen könnten. Das sind so die Mannschaften, auf die man achten wird. Und was das deutsche Team betrifft: Die Qualität ist auf jeden Fall vorhanden. Bayern hat immerhin in der vergangenen Saison die Champions League gewonnen, das darf man nicht vergessen. Am Ende wird es darum gehen, dass die Spieler verstehen, dass es eben nicht nur auf die spielerische Qualität ankommt, sondern auch auf die berühmten Tugenden, um die uns die anderen Nationen beneiden: Laufbereitschaft, Zweikampfstärke, Mentalität. Wenn wir das auf den Platz bringen, können wir weit kommen. Da bin ich mir sicher.

Sie meinen, das Halbfinale wäre drin?

Ich denke, alles wäre drin. Natürlich müssen wir nicht drumherum reden, dass die letzten Auftritte gegen Nordmazedonien oder gegen eine Topmannschaft wie Spanien nicht toll waren. Aber wenn alle Spieler fit sind, sich gut vorbereiten, sich die Automatismen antrainieren und dann noch die deutschen Tugenden dazukommen – dann können wir weit kommen. Aber es muss schon alles stimmen. Frankreich und Portugal sind schon eingespielt, auf hohem Niveau. Das macht’s nicht einfach. Aber es kommen ja auch die besseren Drittplatzierten in den Gruppen weiter. Das kann uns vielleicht helfen.

Welche Positionen im deutschen Team machen Ihnen denn noch Sorgen? Manche sehen, was das Mittelfeld angeht, eine Parallele zur Situation vor der WM 2014: Damals waren Sie und Sami Khedria vor dem Turnier angeschlagen, diesmal waren es Leon Goretzka und Toni Kroos. Womit rechnen Sie in der jetzigen Lage?

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Im Mittelfeld haben wir auf jeden Fall ausreichend gute Spieler. Es stimmt, dass Goretzka noch ein bisschen angeschlagen ist. Aber ich denke, Toni Kroos wird fit sein, insofern ist die Situation nicht vergleichbar. Gespannt bin ich auf die Verteidigung. Wir haben zuletzt doch das eine oder andere Gegentor kassiert, und das lag auch an Abwehrfehlern. Was die Innenverteidiger angeht, hat sich Antonio Rüdiger sehr gut entwickelt unter Thomas Tuchel bei Chelsea, das ist schon mal beruhigend. Außerdem ist Mats Hummels zurück, der mit seiner Erfahrung Stabilität bringen wird.

Jerome Boateng dagegen ist nicht dabei.

Und das ist mir, wenn ich seine Leistung anschaue, schon ein Rätsel. Er hat immerhin Bayern München geholfen, das Triple zu holen.

Und die Außenverteidigung? Ist es richtig, Joshua Kimmich als rechten Außenverteidiger spielen zu lassen, obwohl er eigentlich ins zentrale Mittelfeld gehört?

Sagen wir mal so: Wenn wir jetzt einen sehr guten Rechtsverteidiger hätten, wäre Joshua Kimmich mit Sicherheit ein bisschen glücklicher. Aber da wir aktuell keine richtige Alternative haben, könnte es schon sein, dass er Außenverteidiger spielen muss. Vielleicht sagt sich Jogi Löw aber auch: Kimmich hat bei Bayern jetzt immer auf der 6 gespielt, den brauche ich als Sechser. Ich persönlich erwarte angesichts der Anzahl guter Spieler im zentralen Mittelfeld eher, dass Joshua in der Außenabwehr spielt. Und man darf ja nicht vergessen: Heutzutage stellen Mannschaften die Mitte oft zu, du hast als Innenverteidiger immer einen Gegner an dir kleben – und das hast du als Rechts- oder Linksverteidiger nicht immer. Das heißt: Da kannst du im Spielaufbau sehr viel bewirken. Als Rechtsverteidiger kannst du heute auch ein Spiel nach vorne organisieren.

Stichwort Jogi Löw: Die EM wird sein letztes Turnier als Bundestrainer sein. Was verdanken Sie persönlich ihm?

Ich verdanke ihm nicht nur die Erfolge, die wir gemeinsam hatten, sondern auch die respektvolle Art des Umgangs miteinander, aus der eine Freundschaft geworden ist. Wir haben Höhen und Tiefen miteinander erlebt – auch wenn ich bei der WM 2018 nicht mehr dabei war. Bei uns war es eben ein Tief, wenn wir das Halbfinale gegen Italien verloren haben. Dass wir Weltmeister geworden sind, verbindet uns natürlich für ewig. Jogi hat jetzt in vier Anläufen einen WM-Titel geholt, wenn man die WM 2006 mitzählt, als er Assistenztrainer war. Und natürlich zählen am Ende immer diese Titel. Bei ihm aber zählt auch seine Führungsqualität als Trainer, seine Fähigkeit, als Freund mit der Mannschaft zu sprechen. Das hat ihn immer ausgezeichnet, und das habe ich immer an ihm geschätzt. Das erste, was einem zu Jogi Löw immer einfallen wird, ist der Weltmeistertitel 2014. Und hoffentlich kommt jetzt noch die EM 2021 dazu.

Es gibt einen Satz von Ihnen, der lautet: "Ich glaube einfach, dass Gott mit im Spiel meines Lebens ist." Gilt das noch immer? Oder jetzt erst recht?

Während so einer Karriere oder einem Leben passieren ja manchmal Dinge, da denkt man: Das ist Zufall, das kann ja nicht sein. Aber ich glaube nicht an Zufälle. Ich glaube, dass Dinge aus gewissen Gründen passieren. Ich habe das in meiner Karriere als Fußballer oft erlebt, aber auch im Leben. Dass ich mein bestes Länderspiel zum Beispiel ausgerechnet im WM-Finale gemacht habe – das ist für mich kein Zufall gewesen. Ich hätte an diesem Abend auch ein schlechtes Spiel machen können. Aber es hat im genau richtigen Moment gepasst. Im Englischen sagt man: Don’t jinx it!