29. März 2021 / 19:35 Uhr

Bayern vor Wolfsburg: Die Wachablösung im Frauenfußball steht bevor

Bayern vor Wolfsburg: Die Wachablösung im Frauenfußball steht bevor

Andreas Pahlmann und Jasmina Schweimler
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Auf dem Weg zu den Trophäen: Der FC Bayern ist dabei, den VfL Wolfsburg als Top-Team des deutschen Frauenfußballs abzulösen.
Auf dem Weg zu den Trophäen: Der FC Bayern ist dabei, den VfL Wolfsburg als Top-Team des deutschen Frauenfußballs abzulösen. © Boris Baschin
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Kampfansage aus München: Die Fußballerinnen des FC Bayern sind dabei, die Vormachtsstellung des VfL Wolfsburg zu beenden. Schon in dieser Woche kann es so weit sein. Denn dem VfL droht das Aus in der Königsklasse - und am Sonntag steigt im Pokal das direkte Duell.

Sechs deutsche Meistertitel, sieben Triumphe im DFB-Pokal, fünf Endspielteilnahmen in der Champions League - seit 2013 ist der VfL Wolfsburg die mit Abstand erfolgreichste Mannschaft im deutschen Frauenfußball. Einziger nationaler Konkurrent ist der FC Bayern, der in diesen acht Jahren zweimal Meister wurde (2015 und 2016), einmal ins Pokalendspiel einzog (2018) und in der Champions League nie übers Halbfinale hinauskam. Aber in diesem Jahr steht eine Wachablösung ins Haus - und die könnte schon in dieser Woche passieren. Denn während der VfL nach dem 1:2 im Hinspiel gegen Chelsea vorm Rückspiel am Mittwoch ums Erreichen des Champions-League-Halbfinals zittern muss, ist der FCB nach dem souveränen 3:0 gegen Rosengard praktisch schon weiter. Und am Sonntag treten die Bayern als Favorit zum DFB-Pokal-Halbfinale (14 Uhr, ARD) in Wolfsburg an.

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Zudem haben die Bayern in der Liga fünf Spieltage vor Schluss fünf Punkte Vorsprung - und haben jetzt eine eindeutige Kampfansage Richtung Wolfsburg formuliert: "Jetzt ist der Zeitpunkt zu sagen, dass wir Meister werden wollen!", so Bianca Rech, Sportliche Leiterin der FCB-Frauen, im Kicker. Ihr Wolfsburger Kollege nahm das mit einem Schmunzeln auf. "Fünf Spieltage vor Schluss ist das eine ,mutige' Aussage", so Ralf Kellermann, "und eigentlich müssten die Bayern nicht nur Meister werden wollen, sondern das Triple anstreben..."

Denn der FC Bayern ist drauf und dran, den VfL mindestens mittel-, womöglich aber auch langfristig zu überholen. Was für Kellermann an den wirtschaftlichen und infrastrukturellen Möglichkeiten des vierfachen Vizemeister (2017 bis 2020 immer hinter dem VfL) liegt: "Bayern und wir beschäftigen uns oft mit denselben potenziellen Neuzugängen. Und wenn eine Spielerin nach München will, haben wir da in der Regel keine Chance." Im Transfer-Rennen um die deutschen Nationalspielerinnen Klara Bühl und Lea Schüller sowie um die Schwedin Hanna Glas beispielsweise (die allesamt vor dieser Saison zum FCB wechselten) war früh klar, dass der VfL nicht zum Zuge kommen wird.

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"Wir haben hier in Wolfsburg wirklich gute Bedingungen", stellt Kellermann klar, aber zähle man die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Münchner Klubs, die Bedingungen auf dem FC-Bayern-Campus und die Strahlkraft von Verein und Stadt zusammen, "dann müsste der FC Bayern eigentlich wie bei den Männern Dauermeister werden, wenn er nicht alles falsch macht."

Und der macht zumindest seit einiger Zeit vieles richtig, womöglich war das überragende 6:0 des VfL gegen Bayern am 30. September 2018 ein Weckruf. Am Ende der Saison damals ersetzte Jens Scheuer Trainer Thomas Wöhrle. Seitdem macht das Team mehr aus seinen Möglichkeiten. "Wir haben ein gewisses Selbstverständnis auf dem Platz entwickelt und wissen, dass wir Spielerinnen haben, die den Unterschied machen können", so Scheuer. Und: "Unser Kader ist qualitativ und quantitativ gut besetzt." Die Transferstrategie, junge Spielerinnen mit Entwicklungspotenzial (wie etwa Bühl und Schüller) zu verpflichten und parallel auch erfahrene Spielerinnen wie Marina Hegering zu holen, ging bereits auf. Und dass sein Team die Liga anführt, "lässt mich ruhiger schlafen", so Scheuer. "Wir sind in einer komfortablen Situation. Schlimmer wäre es, wenn wir Zweiter wären und uns keinen Ausrutscher erlauben könnten."

Diese Rolle nimmt jetzt erst einmal der VfL ein - aber aussichtslos sieht er sich in dieser Saison noch lange nicht. Das direkte Duell im Pokal-Halbfinale am Sonntag ist "ein 50/50-Spiel", wie Kellermann findet. Und sollte nicht nur der FCB, sondern auch der VfL am Mittwoch in der CL weiterkommen, gibt's in der Königsklasse die nächsten direkte Duelle. In der Liga steht das Aufeinandertreffen auch noch bevor - am 9. Mai, dem drittletzten Spieltag. Ein Sieg dort würde dem VfL allerdings nichts nützen, wenn sich die Bayern (die bisher alle 25 Saison-Pflichtspiele gewannen und dabei nur sieben Gegentore kassierten!) nicht noch einen weiteren Patzer erlauben. Sie haben aber das deutlich schwerere Restprogramm, spielen noch gegen den Dritten Hoffenheim, die Vierten Potsdam und den Fünften Leverkusen - alles Teams, die noch auf den wichtigen Rang drei (berechtigt zur Champions-League-Teilnahme) schielen. Kellermann: "Und diese Gegner werden alle das Ziel haben, die Ersten zu sein, die gegen Bayern punkten."

Schon in den letzten Jahren, so der Sportlicher Leiter des VfL, "lagen wir nicht vor den Bayern, weil wir die direkten Duelle gewonnen haben - sondern weil wir in anderen Spielen nichts liegengelassen haben. Das scheint diesmal eine Qualität der Bayern zu sein." Und so scheint sie möglich, die erste titellose VfL-Saison seit 2012 - zumal in der Champions League nicht nur Chelsea und danach vielleicht Bayern die Konkurrenten sind, sondern auch Klubs wie der FC Barcelona oder Paris-Saint Germain neben Dauersieger Lyon zu echten Titelkandidaten reiften. Kellermann: "Es wird jetzt sichtbar, was ich schon seit längerer Zeit voraussage: Im internationalen Vergleich werden deutschen Klubs insgesamt rechts und links überholt."

Es sei darum durchaus denkbar, "dass wir mal keinen Titel holen", so Kellermann, "und das vielleicht auch auf Dauer". Wenn regelmäßig Top-Stars wie Carolin Hasen (2019), Pernille Harder und Sara Gunnarsdottir (im vergangenen Jahr) oder Ingrid Engen und Fridolina Rolfö (im kommenden Sommer) ersetzt werden müssen, wird der Kampf um Trophäen schwieriger. Am Ehrgeiz ändere das aber nichts. "Wir haben nach wie vor einen konkurrenzfähigen Kader - und werden den auch weiterhin haben."

Sechs VfLerinnen in der DFB-Auswahl

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hat ihren Kader für die anstehenden Länderspiele der deutschen Nationalmannschaft gegen Australien am Samstag, 10. April (ab 16.10 Uhr, live in der ARD) und Norwegen am Dienstag, 13. April (ab 16 Uhr, live im ZDF), bekanntgegeben. Mit Lena Oberdorf, Kathrin Hendrich, Felicitas Rauch, Svenja Huth, Sara Doorsoun und Alexandra Popp zählt die 53-Jährige auf sechs Akteurinnen des VfL Wolfsburg. Popp hatte zuletzt beim 3:1-Erfolg des VfL gegen den SC Sand aufgrund eines positiven Corona-Tests im familiären Umfeld passen müssen, testete selber aber negativ.


"Es kommt nicht so oft vor, dass man gegen die australische Mannschaft spielt. Umso mehr freue ich mich auf diesen hochkarätigen Vergleich", freut sich Voss-Tecklenburg, die über Norwegen sagt: "Sie haben den Frauenfußball der vergangenen Jahrzehnte geprägt und zählen seit Jahren zu den herausragenden europäischen Teams. Die beiden Spiele gegen diese Topteams werden unsere junge Mannschaft in ihrem Reifeprozess wieder ein Stück weiterbringen."