12. November 2020 / 21:20 Uhr

Bayerns Frauen-Trainer: "Wolfsburg schiebt uns die Favoritenrolle zu..."

Bayerns Frauen-Trainer: "Wolfsburg schiebt uns die Favoritenrolle zu..."

Jasmina Schweimler
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Bayern vorm Classico: Trainer Scheuer muss um Lohmann bangen (l.), Hegering (r.) hat frische Pokalfinal-Erinnerungen.
Bayern vorm Classico: Trainer Scheuer muss um Lohmann bangen (l.), Hegering (r.) hat frische Pokalfinal-Erinnerungen.
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„Der VfL Wolfsburg schläft nie", sagt Bayern-Trainer Jens Scheuer vorm Frauenfußball-Classico gegen den Meister. Eine seiner Spielerinnen hat frische Erinnerungen an die Stärke der Niedersachsen.

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Der VfL Wolfsburg vor den Bayern - das ist seit Jahren die Hierarchie im deutschen Frauenfußball. Während die VfLerinnen Double an Double reihten, wurde der FCB Zweiter und scheiterte auch im Pokal regelmäßig an Wolfsburg. Das sind viele offene Rechnungen - und eine Bayern-Spielerin hat sogar eine Rechnung mehr. Denn Abwehr-Ass Marina Hegering war in der vergangenen Saison noch für die SGS Essen aktiv, verlor im Pokalfinale gegen den VfL. „Ja, dieses Gefühl ist noch nicht so ganz weg", gibt die 30-Jährige zu.

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Aber "es ist jetzt eine neue Situation und kein Alles-oder-Nichts-Spiel", so Hegering. Nach bisher acht Liga-Spielen ohne Niederlage und Gegentor sei die Hürde Wolfsburg "ein weiterer Schritt, den wir gehen müssen. Dass wir top motiviert in dieses Spiel gehen, ist selbstverständlich.“ Immer nur Zweiter werden - das will man beim FC Bayern nicht mehr. Und auch Hegering möchte bei ihrem neuen Klub um Titel mitspielen. Nach zuletzt vier Vizemeisterschaften in Folge scheint der Verein aus Bayern endlich wieder im Kampf um den Titel angekommen zu sein. Doch Trainer Jens Scheuer bleibt vorsichtig: "Von einer Vorentscheidung zu sprechen, finde ich etwas vermessen, denn das ist es nicht, wenn wir gewinnen. Wenn wir im Sommer auf dem ersten Platz stehen und dann sagen, dass das damals die Vorentscheidung war, war es das wohl. Stand jetzt aber nicht. Es folgen noch viele weitere schwierige Spiele."

VfL gegen Bayern: Die Geschichte des Frauenfußball-Classicos in Bildern

In der Saison 2019/20 endeten beide Liga-Spiele unentschieden, das DFB-Pokal-Achtelfinale gewann der VfL bei den Bayern mit 4:2. Zur Galerie
In der Saison 2019/20 endeten beide Liga-Spiele unentschieden, das DFB-Pokal-Achtelfinale gewann der VfL bei den Bayern mit 4:2. ©

Am Sonntag drohen dem FCB die Ausfälle von Spielführerin Lina Magull und Top-Talent Sydney Lohmann. Ex-VfLerin Magull verletzte sich im Training am Sprunggelenk, während Lohmann mit einem kleinen Muskelfaserriss im Oberschenkel zu kämpfen hat. Auch beim VfL muss mit den Verletzungen von Ewa Pajor (Knie-OP), Pauline Bremer (Kreuzbandriss) und Alexandra Popp (Kapselriss im Fuß) der Ausfall eines Offensiv-Trios kompensiert werden. Nach dem Abgang von Spielerinnen wie Pernille Harder (Chelsea) und Sara Gunnarsdottir (Lyon) schmerzt das umso mehr.

Scheuer ist sich sicher: „Der VfL Wolfsburg schläft nie und hat auch versucht, seine guten Abgänge sehr sinnvoll zu ersetzen und das Team zu verstärken. Ich sehe immer noch eine sehr starke Wolfsburger Mannschaft. Sie schieben uns jetzt gerne die Favoritenrolle zu und erwähnen, wie viele Abgänge sie hatten..." Doch wenn man beide Mannschaften und deren Abgänge vergleiche, "ist es identisch. Wir sind deutlich näher rangekommen an Wolfsburg, das glaube ich schon. Aber Wolfsburg hat keinen Schritt zurückgemacht, sondern sich auch noch mal entwickelt.

Was macht den FCB diese Saison so stark? Die Verpflichtungen von Lea Schüller, Hegering (beide SGS Essen), Klara Bühl (SC Freiburg), Hanna Glas (Paris Saint-Germain), Sarah Zadrazil (Turbine Potsdam) und Viviane Asseyi (Girondins de Bordeaux) schlugen sofort ein, zudem haben wir "auch Fokus darauf gelegt, die mentale Stärke ins Spiel rüberzubringen", so Scheuer. "Es ist deutlich zu sehen, dass wir da einen Schritt gemacht haben." Denn: "Wir bleiben ruhig, auch wenn ein Spiel mal länger 0:0 steht. Das hat sich jetzt gegen Freiburg gezeigt. Da war es lange 0:0, wir wussten aber, dass wir stark sind und auch die Qualität haben, kurz vor Schluss zu treffen." Letztes Jahr war der Vizemeister da noch zu hektisch. Diese Verbesserung komme nicht von ungefähr, da "steckt viel Arbeit hinter. Da haben wir uns auch im Staff erweitert und im Trainerteam einen Schwerpunkt drauf gelegt."

Grundsätzlich sei die Meisterschaft für den 43-Jährigen aber noch "ganz weit weg. Der Fokus liegt für mich voll auf dem Spiel am Sonntag. Da wollen wir unbedingt gewinnen und eine gute Leistung abrufen, die auch notwendig ist. Aber an die Meisterschaft werde ich nur erinnert, wenn ich mit Journalisten und Journalistinnen spreche.“ Gegen den VfL will der FCB alles raushauen und dabei ist es auch egal, ob Torfrau Laura Benkarth das erste Mal hinter sich greifen muss oder nicht. "Die Zu-null-Serie", so Scheuer, "ist mir relativ schnuppe. Ich gewinne auch gerne 5:4 gegen Wolfsburg. Dass wir ungeschlagen bleiben und punktemäßig die weiße Weste bewahren, ist das Ziel. Unsere Mannschaft hat hohe Qualität. Wir haben uns sehr klug und intelligent verstärkt, das ist eine sehr homogene Truppe." Ihn stimme das sehr zuversichtlich - und wenn die Bayern ihre Leistung zu hundert Prozent auf den Platz bringen, "gibt es für mich keine Frage, wer das Spiel gewinnt".