22. Juli 2021 / 17:22 Uhr

BBL-Schiedsrichter Bittner: "Müssten uns nicht hinter dem Fußball verstecken"

BBL-Schiedsrichter Bittner: "Müssten uns nicht hinter dem Fußball verstecken"

Nico Schmook
Leipziger Volkszeitung
Unmissverständlich in seiner Gestik: Steve Bittner beim Final 4 in München.
Unmissverständlich in seiner Gestik: Steve Bittner beim Final 4 in München. © Imago / BBL-Foto
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Steve Bittner zählt derzeit wohl zu einem der besten deutschen Schiedsrichter in der Basketball-Bundesliga. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der 30-Jährige über Erlebnisse im BBL-Finale, seine Karriere und die Probleme des Sports.

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Leipzig. 45 Basketballschiedsrichter gibt es in Sachsen, die eine Lizenz besitzen. Von der Bundesliga, über die zweite Liga bis hin zur Regionalliga. In allen Ligen ist mindestens einer vertreten. Sachsen scheint gut in Sachen Schiedsrichterei aufgestellt zu sein. Und dennoch sei die Zahl ausbaufähig, sagt Danilo Roscher, erster Vorsitzender des Basketball Spielbetriebs Leipzig. „Dazu muss man aber sagen, dass die Zahl in jeder Sportart ausbaubar ist. Auch im Fußball.“

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Dass die Zahl nicht auffällig hoch ist, hat viele Gründe. So sei Basketball aufgrund der Schnelligkeit und Fülle an Ereignissen eine sehr attraktive Sportart, aber auch deshalb oft abschreckend. Dazu kommt, dass es „unglaublich viele Regeln“ gebe, die es alle zu beherrschen gilt. Nicht abgeschreckt hat es Steve Bittner. 30 Jahre alt, geboren in Zwickau und wohl einer der derzeit besten deutschen Schiedsrichter.

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SPORTBUZZER: Guten Tag Herr Bittner, Sie haben Mitte Juni das zweite Finalspiel zwischen Alba Berlin und Bayern München geleitet. Alba Berlin konnte sich am Ende der Finalserie mit 3:1 durchsetzen und wurde BBL-Meister. Mit etwas Abstand, wie ging es Ihnen nach Ihrem Einsatz?

Steve Bittner: Nach solchen Spielen und nach dem Ende der Saison ist die ganze Energie immer raus. Am nächsten Tag fühle ich mich dann meist sehr erschöpft, weil man weiß, dass es erstmal vorbei ist und der Körper abschaltet.

Die Spiele zwischen den beiden Mannschaften sind immer von Intensität geprägt. Wie war es für Sie als Schiedsrichter?

Der große Vorteil war, dass ich erst im zweiten Spiel gepfiffen habe und so gucken konnte wie das erste Spiel lief. Es sind immer sehr viel Emotionen im Spiel bei diesen Duellen. Ich persönlich versuche dabei aber soviel wie möglich auszublenden, was nicht mit dem Spiel zu tun hat und lege mein Fokus so gut es geht auf das Wesentliche, weil man eben weiß, dass jede Entscheidung zählt. Es ist natürlich etwas anderes als ein Hauptrundenspiel, aber man sollte als Schiedsrichter nichts anders machen als in der Hauptrunde.

Zum Ende der Playoffs durften auch wieder einige Zuschauer in die Hallen. Freut man sich darüber als Schiedsrichter auch oder war es einfacher zu pfeifen, als keine Fans da waren?

Für mich gehört es schon dazu. Am Anfang der Saison hatte ich oft das Gefühl, es wäre ein Trainingsspiel. Dadurch war das Energielevel oft ein anderes. Mit Fans hat man automatisch mehr Druck, weil da mehr Lautstärke und mehr Gegenwehr kommt. Als im Halbfinale das erste Mal Zuschauer in Berlin waren, war ich schon sehr glücklich und auch sehr angefasst, weil es wieder ein Stück in Richtung Normalität ging.

Es gibt einige sehr emotionale Trainer in der Liga. Unter anderem eben auch Andreas Trinchieri vom FC Bayern. Wie geht man mit solchen Charakteren um?

Mit emotionalen Trainern musst du klar kommen. Auch weil es einfach dazugehört. Für mich ist es eher eine Herausforderung, wenn zwei ungleiche Trainertypen an der Seitenlinie stehen. Wie kriegt man eine Balance hin, wenn der eine sehr emotional ist und der andere sehr ruhig. Allgemein habe ich mit der Zeit gelernt, dass es mehr bringt, wenn man schnell durchgreift und auch mal Verwarnungen und Technische Fouls ausspricht anstatt einen Käfig um Trainer und Spieler zu bauen.

Sie haben 2006 angefangen mit Ihrer Karriere. Wie kommt man zu dem Wunsch Basketballschiedsrichter zu werden?

Es gibt ja immer die böse Aussage, dass wenn du Basketball spielen könntest, du auch Spieler und nicht Schiedsrichter wärst. Und man muss sagen, es stimmt auch ein kleines bisschen. (lacht) Ich hab in Zwickau angefangen zu spielen, nachdem ich im Urlaub mit ein paar anderen Kindern das erste Mal Basketball gespielt hatte. Das fand ich ganz cool und dachte, ich melde mich mal an. Dann wurde ich in Bezirks- und Landesauswahl berufen, weil ich anscheinend ganz gut war für Mitteldeutsche Verhältnisse (grinst).

Die Zeichen für eine Karriere als Spieler standen also gut.

Ja, aber ich kam dann zu einem Punkt, an dem ich entscheiden musste, ob ich Regionalligaspieler werde und sehr viel trainiere oder ob ich mal was anderes probiere. Das war dann die Schiedsrichterei. Das lief gut, bin dann in höhere Ligen aufgestiegen und hatte auch viel Spaß dabei. Deswegen wollte ich dann weitermachen und keinen Schritt mehr zurück gehen.

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Wenn Sie nicht Basketballspiele in der Bundesliga leiten sind sie Politikwissenschaftler. Lässt sich beides gut miteinander vereinbaren?

Es ist so, dass es kein Job ist, bei dem man immer präsent vor Ort sein muss. Viele Treffen & Co funktionieren zum Glück auch digital. Es ist also gut vereinbar mit dem Pfeifen. Einzig nervig war, die Masterarbeit zu schreiben. Da man ja die ganze Zeit unterwegs war, habe ich das gefühlt nur im Zug, im Flugzeug und in Hotelzimmern gemacht. Aber was gute Schiris auszeichnet, ist ja sowieso, dass sie gutes Zeitmanagement können. Nichtsdestotrotz muss man jede Woche neu planen und das ist immer eine Herausforderung.

Wie schätzen Sie die Situation in Sachsen und allgemein, was den Basketball betrifft, ein?

Grundsätzlich hat sich die Situation in den letzten Jahren positiv entwickelt. Die Mitgliederzahlen in den Sport- und reinen Basketballvereinen steigt, die Begeisterung für Sport ist in Ostdeutschland groß und es gibt mit dem MBC, den Chemnitz Niners und Alba Berlin mittlerweile schon drei ostdeutsche Vereine in der BBL. Dennoch sehe ich drei größere Probleme, die der Sport hat.

Und die wären?

Erstens gibt es zu wenig Vereine abseits der Großstädte. Wenn man unten keine große Basis hat, gibt es auch oben in der Spitze wenig. Punkt zwei ist die Frage, ob das Konzentrieren auf Standorte sinnvoll ist. In meinen Augen führt es dazu, dass sich alle Talente im Zweifel in den großen Vereinen versammeln. Dadurch fehlt eine Breite, die den Sport auch abwechslungsreicher macht. Ein Sächsisches Erstliga-Derby wäre noch attraktiver als ein Ostderby zwischen dem MBC und Chemnitz. Zudem bin ich mir nicht sicher, ob Basketball so gut vermarktet wird. Wenn ein Jugendlicher den Fernseher anmacht, kann er nicht einfach Basketball gucken und Lust drauf bekommen. Man muss die Leute mehr und einfacher davon begeistern. Zumal es ja schon so ist, dass Basketball sehr spannend und unterhaltsam ist. Wir müssten uns nicht hinter dem Fußball verstecken und uns nicht als Randsportart sehen.

Nun ist die Saison für Sie aber erstmal vorbei?

Ich habe noch beim DBB-Supercup Ende Juni gepfiffen und habe jetzt erstmal Urlaub, worauf ich mich schon gefreut habe. Auch weil die Saison dahingehend sehr stressig war, dass es nicht nur die Spiele waren, sondern auch die Organisation drumherum aufgrund von Corona. Zum Beispiel PCR-Tests machen und hoffen, dass sie rechtzeitig per Post ankommen. Das war teilweise stressiger als die Spiele selbst.