07. April 2021 / 11:59 Uhr

BC Harthas Präsident Scheidig gegen Re-Start: "Für mich beinahe unglaublich"

BC Harthas Präsident Scheidig gegen Re-Start: "Für mich beinahe unglaublich"

Heiko Henschel
Leipziger Volkszeitung
BC Hartha
Für die Fußballer aus Hartha (gelbes Trikot, hier gegen Leisnig) ruht der Ball schon eine ganze Weile. © Sven Bartsch
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Die Meinungen gehen auseinander: Die einen befürworten den Vorstoß des Fußballverbandes Muldental/Leipziger Land, den Spielbetrieb wieder aufzunehmen, bei anderen stößt der Gedanke allerdings auf blankes Entsetzen - so auch bei BC-Harthas Präsident Matthias Scheidig.

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Muldental. Das vor wenigen Tagen veröffentlichte Rundschreiben des Fußballverbandes Muldental/Leipziger Land bezüglich einer eventuellen Wiederaufnahme des Spielbetriebes noch im laufenden Spieljahr 2021/2022 sorgte hinsichtlich des Zeitpunktes und der ungenierten Angriffslust für ziemliche Überraschung. Gerade jetzt, wo selbst beim übergeordneten Sächsischen Fußballverband vieles auf einen Abbruch der Punktspielsaison hindeutet (die nächste Beratung soll am 17. April stattfinden) und man im Fall der Fälle den Kreisverbänden vermutlich selbige Vorgehensweise empfehlen wird, geht Muldental/Leipziger Land praktisch den umgekehrten Weg.

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Hier sollen die Wettkämpfe unter allen Umständen noch einmal aufgenommen werden, bevor sich die Serie dem Ende neigt. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass eine noch längere Pause die Gefahr des Verlustes von Spielerinnen und Spielern und damit des Rückzugs von Mannschaften noch vergrößern würde. In den Vereinen stieß der offensive Vorstoß der Verbands-Oberen auf ein höchst unterschiedliches Echo.

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„Ich verstehe das wirklich nicht, das ist für mich beinahe unglaublich. Die Verbandsfunktionäre stehen doch auch alle im Berufsleben und wissen, was momentan in den Betrieben los ist.“ Überhaupt keinen Anklang fanden die Zeilen bei Matthias Scheidig, dem Präsidenten des BC Hartha. Dieser sah sich sogar genötigt, dem Kreisverband unverzüglich eine Stellungnahme (liegt dem SPORTBUZZER vor) zukommen zu lassen.

"Schnellstart ist der falsche Weg"

Darin hält er die Vorgehensweise für nicht akzeptabel. Es sei absolut unverantwortlich und völlig unrealistisch, in Zeiten von 200er-Inzidenz-Zahlen so wie gegenwärtig in Mittelsachsen (wozu Hartha gehört) einen Restart voranzutreiben. Die Teams bräuchten nach fünf Monaten Auszeit mindestens vier Wochen Vorbereitungszeit, um wieder in Fahrt zu kommen und vor allem um Verletzungen vorbeugen zu können. Die Vereine haben obendrein eine Verantwortung ihren aktiven Sportlern gegenüber, insbesondere was die Kinder und Jugendlichen betrifft.

Scheidig redet sich mit seiner Kritik beinahe in Rage: „Aktuell müssen wir alles tun, um Krankheiten zu vermeiden. Wenn sich ein Kind beim Training etwas einfängt, wird dann womöglich dem Verein die Schuld in die Schuhe geschoben und wir bekommen es vielleicht noch mit rechtlichen Problemen zu tun. Und außerdem: Wenn Schulschließungen zur Debatte stehen, können wir doch nicht auf dem Sportplatz herum rennen.“

Der BC-Chef verweist zudem auf die von der Stadtverwaltung angeordnete Nichtbenutzung sämtlicher Vereins-Sanitär- und Umkleideräume sowie auf ungeklärte Fragen im Zusammenhang mit der Einhaltung der Hygiene-Bestimmungen. Die Stichwörter lauten Testverfahren, Kontaktnachverfolgung und finanzielle Aufwendungen. „Ein Schnellstart mit allen Mitteln ist der falsche Weg, denn die Herausforderungen sind enorm. Ein Saisonabbruch würde stattdessen für Planungssicherheit sorgen und die Ungewissheit beenden. Sich auf eine ordentliche Vorbereitung und Organisation des Spieljahres 2021/2022 zu konzentrieren, halte ich für weitaus vernünftiger.“

"Von vielen Faktoren abhängig"

Dagegen kann sich Lutz Grohme (Vereinsvorsitzender des Otterwischer SV) unter gewissen Voraussetzungen einen zeitnahen Wiedereinstieg in den Wettkampfbetrieb durchaus vorstellen: „Und wenn es lediglich Pflichtfreundschaftsspiele wären. Hoffentlich gehen die Infektionszahlen bis Anfang oder Mitte Mai so weit zurück, dass wir dann wenigstens erst einmal in den Trainingsbetrieb einsteigen und eventuell im Juni noch die eine oder andere Begegnung absolvieren können. Vielleicht klappt es, der liebe Gott und das Wetter müssen natürlich auch mitspielen. Denn falls die Pause tatsächlich noch ewig andauert und erst im Spätsommer endet, könnten sich schon einige Probleme bezüglich der Motivation der Spieler ergeben. Nicht dass wirklich noch welche in den Sack hauen. Wir haben vor drei Wochen mit unseren Nachwuchsverantwortlichen beraten, die sehen das im Prinzip alle ähnlich.“

Einen positiven Aspekt hat die sportliche Auszeit auf jeden Fall: „Unser Rasen wächst und gedeiht in aller Ruhe. Wir haben vor kurzem vertikutiert, gedüngt, gewalzt. Alles ungestört und ohne Zeitdruck. Das selbe haben wir vor einem Jahr jedoch auch schon erzählt und hätten nicht gedacht, dass es sich in der Form wiederholt.“

Ebenso sehnt Raik Hiller (Abteilungsleiter Fußball beim SV Germania Auligk) eine baldige Rückkehr auf den Platz herbei: „Die Idee von einem Restart noch in dieser Saison klingt definitiv gut, aber wir sind halt von vielen Faktoren abhängig. Jeder würde gern wieder Fußball spielen, das ist doch klar. Wir wünschen uns alle, dass sich die Situation so schnell wie möglich entspannt. Bei den Männern mache ich mir sowieso keine großen Sorgen, die kommen nach der Auszeit alle wieder. Selbst wenn der eine oder andere vielleicht an Körpergewicht zugelegt hat. Was den Nachwuchs betrifft, sehe ich bei einer noch längeren Pause schon eher Probleme. Gerade was Wackelkandidaten betrifft. Wir haben seit Monaten nicht mehr trainiert. Unmittelbar vor dem zweiten Lockdown haben wir eine neue Bambini-Gruppe gegründet, hatten acht Kids zusammen, dann war plötzlich erneut Schluss. Für die Kinder ist dieses ständige Hin und Her der nackte Wahnsinn. Schulsport ja und Vereinssport nein, das verstehen sie natürlich genau so wenig. Ganz schwierige Zeiten nach wie vor für uns alle.“ Seinen Optimismus lässt sich Hiller allerdings nicht nehmen: „Ich sehe es bei meinem Sohn, wenn es ihn mit seinen Freunden in Richtung Sportplatz zieht. Der Bewegungsdrang ist also ungebrochen, da können und wollen wir sie nicht festbinden.“