12. März 2020 / 16:02 Uhr

"The real Normal One": Darum bekommt dieser Coach den Bürgerpreis der Zeitungen

"The real Normal One": Darum bekommt dieser Coach den Bürgerpreis der Zeitungen

Christian Meyer
Peiner Allgemeine Zeitung
„Typisch Menge“: Die Fair-Play-Aktion, die Frank Mengersen für die verunglückten Jungs des VfB Peine angestoßen hat, wurde bundesweit gefeiert.
„Typisch Menge“: Die Fair-Play-Aktion, die Frank Mengersen für die verunglückten Jungs des VfB Peine angestoßen hat, wurde bundesweit gefeiert. © Ralf Büchler
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Bürgerpreisträger Frank Mengersen: Kein Handy, kein Auto - aber ganz viel Mensch. Für seine Fair-Play-Geste ist der C-Jugend-Trainer aus Braunschweig mit dem Bürgerpreis der Zeitungen geehrt worden. Aber seine Fußballjungs sehen in ihm viel mehr als den umsichtigen Coach. Ein Porträt.

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Als ehemaliger Vollblut-Stürmer kann er sich auch mit 51 Jahren im Jugend-Training noch hochschrauben und einen Seitfall-Zieher vormachen; in seiner Funktion als beratendes Bürgermitglied sitzt er im Braunschweiger Sportausschuss schon mal im Trainingsanzug; für seine Geburtstagsfeier hat er einst ein Double seines Lieblingssängers Bruce Springsteen organisiert; er ist Fan des FC Bayern München, engagiert sich als Jugendtrainer und Vize-Vereinspräsident beim BSC Acosta - aber vor allem ist Frank Mengersen ein Mann mit Haltung und dem Herz am rechten Fleck. Und deshalb hat ihn der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) jetzt mit dem „Bürgerpreis der deutschen Zeitungen“ ausgezeichnet. Eigentlich war die feierliche Übergabe bei einem Bürgerpreis-Festakt in Berlin geplant. Wegen des Corona-Virus musste das ausfallen und wird nun beim BDZV-Kongress im September nachgeholt.

„Diese Auszeichnung berührt mich besonders, insofern sie einfach so unerwartet kam - und weil sie von so kreativen Köpfen kommt“, sagt der Fair-Play-Held. Die Chefredakteurinnen und Chefredakteure der Zeitungen würdigen als Bürgerpreis-Jury eine Fair-Play-Aktion im Jugendsport, die bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Eine Geschichte über Uneigennützigkeit, Fairness und großes Glück.

Darum bekommt Fußballtrainer Frank Mengersen den BDZV-Bürgerpreis

"Das war Weltklasse und Kreisklasse in vier Zehnteln"

Mit einem Übersteiger lässt Lukas Poller seinen Gegenspieler aussteigen, schiebt ihm danach noch frech den Ball zwischen den Beinen durch. Was für ein feiner Techniker! Doch beim dritten Trick der Umschalt-Spiel-Übung bleibt das 14-jährige Fußballtalent vom BSC Acosta doch noch an seinem Gegenspieler hängen. Coach Frank Mengersen ärgert das: „Das war Weltklasse und Kreisklasse in vier Zehnteln“, ruft er seinem Schützling zu und fordert ihn auf, beim nächsten Mal bitteschön den direkten Weg zum Tor zu suchen und die Zirkuseinlage wegzulassen.

Training bei den C-Junioren des aktuellen Landesliga-Spitzenreiters. Hier wird konzentriert und hart gearbeitet, wer hier mitdribbelt und passt, träumt von einer Karriere als Fußball-Profi. Den Jungs ist es nicht egal, ob sie gewinnen oder verlieren. Aber Meister werden um jeden Preis – das wollen sie und ihr Trainer nicht.

Trainer Frank Mengersen macht beim Acosta-Training die Übungen mit.
Trainer Frank Mengersen macht beim Acosta-Training die Übungen mit. © Ralf Büchler
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Am Anfang steht ein schwerer Unfall

Rückblick: Im Mai 2019 sind die Jugend-Fußballer des schärfsten BSC-Titelkampf-Konkurrenten VfB Peine auf dem besten Weg zur Landesliga-Meisterschaft, nachdem sie ihr Punktspiel bei der JSG Sparta-Weende Göttingen mit 12:0 gewonnen haben. Auf der Rückfahrt passiert es: Der Mannschaftsbus mit sieben jungen Fußballern und einem Betreuer kracht auf der A7 bei Rhüden (Niedersachsen) in einer Baustelle in die Leitplanke. Mehrere der 14- und 15-Jährigen sowie der Fahrer sind verletzt, ein Spieler erleidet einen Milzriss und schwebt kurzzeitig sogar in Lebensgefahr. Die Meisterschaft rückt plötzlich in weite Ferne – vier Punktspiele hätten die Peiner noch absolvieren müssen, das ist nun nicht mehr möglich.

Ausgebrochene Fensterscheiben, zerbeulte Türen, ausgelöste Airbags: Der Mannschaftsbus der C-Junioren des VfB Peine war ein Wrack. Das Team verunglückte auf der Autobahn 7 bei Rhüden. 
Ausgebrochene Fensterscheiben, zerbeulte Türen, ausgelöste Airbags: Der Mannschaftsbus der C-Junioren des VfB Peine war ein Wrack. Das Team verunglückte auf der Autobahn 7 bei Rhüden. © Feuerwehr Rhüden

Als Frank Mengersen, Trainer des schärfsten Titelrivalen des VfB Peine, von dem Unfall hört, ist er tief betroffen – und hat sofort eine Idee: Die Verunglückten sollen nicht auf den Titel verzichten müssen, der schon so greifbar nahe war. Also schiebt der Acosta-Coach eine Fair-Play-Aktion an, die dem Spitzenreiter die Meisterschaft und die Teilnahme an den Aufstiegsspielen zur Regionalliga ermöglichen sollte. „Fürs Meisterschaftsfoto posieren können wir alle. Aber wenn es nicht so gut läuft, dann müssen wir zeigen, dass wir zusammenhalten können“, sagt der 51-Jährige.

Er bittet in einer Mail die restlichen vier Gegner des VfB, nicht gegen die Peiner anzutreten und ihnen die Punkte zu überlassen. „Für mich stand außer Frage, dass hier die Zwischenmenschlichkeit zu siegen hat und nicht der sportliche Ehrgeiz“, betont Mengersen. Und tatsächlich: Die Liga hält zusammen! Die anderen Vereine und die Staffelleitung spielen mit.

Im Internet hagelt es Lob aus ganz Deutschland: „Ehrenmann“, „Frank Mengersen, wie man ihn kennt und liebt“, „Gänsehaut pur“. Ein Arbeitskollege von der Nord LB wertschätzt ihn in Anlehnung an die Trainer-Stars Jürgen Klopp und José Mourinho mit dem Spitznamen „The real Normal-One“, er bekommt ein Paket zugeschickt, aus dem er staunend die Trophäe „Ehrenmann des Landes Baden-Württemberg“ auspackt.

Das Interview

Motivator, Kumpel, Lehrer und Psychologe

„Typisch Menge“, sagen die Vereinskollegen dagegen. Denn das, was Frank Mengersen, Spitzname Menge, da angeschoben hat, passt so perfekt zu ihm wie Milchkaffee zum Croissant. „BSC Acosta - mehr als Fußball“ - das Vereinsmotto hat sich der Trainer nicht nur mit ausgedacht, er lebt es auch. Auf der Bezirkssportanlage Franzsches Feld in Braunschweig ist der Slogan mehrfach zu lesen. Drei Kunstrasen-Plätze und ein Stadion mit Naturrasen lassen das Fußballer-Herz hier höherschlagen.

Der C-Jugend-Coach rollt mit dem Rad aufs Gelände. Ein Auto braucht und will er nicht, ein Handy schon gar nicht. „Ich habe reduziert, um bewusster zu leben“, erläutert er. Und fester Bestandteil in diesem Leben ist seine Arbeit als Jugendtrainer. Er ist Motivator, Kumpel, Lehrer und Psychologe in einem - und vor allem Vorbild.

„Frank ist ein sehr guter Trainer, man lernt bei ihm nicht nur fußballerische Fähigkeiten, sondern auch menschlich sehr viel“, sagt sein Mittelfeld-Talent Lukas Poller. „Frank liebt Fußball, aber ihm ist bei seinen Spielern auch der Mensch, der dahinter steckt, wichtig“, lobt Torwart Niklas Batzdorf (15). Beide gehörten zu dem Team, das mit dem VfB Peine um den Landesliga-Titel kämpfte. Den Vorschlag ihres Trainers trugen sie trotz aller eigenen Titel-Träume mit. „Natürlich haben wir die ganze Saison hart trainiert. Aber da hört der Ehrgeiz auf“, betont Lukas.

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Mal energisch und bestimmend, mal locker und lustig - auf diese Mischung setzt Frank Mengersen bei der Trainingsarbeit. Er weiß, wovon er spricht. In den Spielzeiten 1987/1988/1989 gehörte er als Spieler der Amateur-Mannschaft zum erweiterten Zweitliga-Kader des Traditionsvereins Eintracht Braunschweig. Er war offenbar ein schlitzohriger Instinkt-Stürmer. „Die meisten Tore habe ich in Gerd-Müller-Manier gemacht“, erklärt er. Und es waren viele: Erst sein Opa und dann Frank Mengersen selber führten Buch, rund 1.400 Tore sind zusammengekommen.

„Da sind dann aber auch die aus meinen Spielen in der Jugend, in Hobby-Truppen und der Betriebsmannschaft dabei“, räumt der Bürgerpreis-Träger bescheiden ein. Wofür er noch immer berüchtigt ist, sind seine Sprüche. „Nicht die Ohrläppchen dehnen“, mahnt er die Jugend-Kicker beim Aufwärmprogramm. „Versuch doch ruhig einen Seitfall-Zieher – auch wenn das eigentlich nur ich kann“, kommentiert er eine versiebte Torchance. Und wer sich ausruht, den fragt er schon mal: „Brauchst du Sonnencreme?“ Das kommt an bei den Jungs.

Motivator und Psychologe: Frank Mengersen mit dem C-Junioren-Landesliga-Team vom BSC Acosta.
Motivator und Psychologe: Frank Mengersen mit dem C-Junioren-Landesliga-Team vom BSC Acosta. © Ralf Büchler

Auf den Mund gefallen ist der gebürtige Braunschweiger nicht. Wenn man ihn so hört, hätte er durchaus auch seinen ersten Berufswunsch verwirklichen können: „Früher wollte ich Radioreporter werden“, verrät er. Frank Mengersen entschied sich dann aber doch für eine Banklehre. Ins Radio gekommen ist er jetzt trotzdem - mit seiner Fair-Play-Initiative.

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"Entweder, oder…?" So entscheidet sich Frank Mengersen

Auto oder Rad?

„Sowas von eindeutig Rad. Das hat keine ökologischen oder finanziellen Gründe, für mich ist es einfach eine gute Gelegenheit, mich sportlich zu betätigen. In Braunschweig sind die Distanzen kurz, ich habe gar keinen Führerschein. Ich fahre allerdings auch gerne Auto - aber nur als Beifahrer!“

Kunstrasen oder Naturrasen?

„Naturrasen - aber bitte gepflegt. Ich bin da ein Romantiker. Allerdings muss ich auch sagen, dass der Kunstrasen bei der Ausbildung und den Trainingsmöglichkeiten für unsere Jugendlichen Vorteile hat.“

Sparen oder verprassen?

„Beruflich müsste ich als Bankangestellter sicherlich sparen sagen. Für besondere Sachen nehme ich aber gerne mal Geld in die Hand und gönne mir etwas.“

Paul Breitner oder Marc Pfitzner?

„Auf dem Fußball-Platz sind beide ja Kämpfer. Ich halte es eher mit den Torjägern. Deshalb hat mir bei Eintracht Braunschweig vor allem Wolfgang Frank imponiert. Er war ein ähnlicher Spielertyp wie ich später. Er war zwar klein, hatte aber eine unheimliche Sprungkraft.“

Mallorca oder Harz?

„Mallorca, aber nicht an den Ballermann, ich bin kein Feier-Typ. Die Insel hat viele schöne Seiten, ich mag die Sonne. Einen meiner schönsten Urlaube habe ich allerdings im Winter gemacht: Eine Schiffstour mit den Hurtigruten ans Nordkap.“

Handwerker bestellen oder selber machen?

„Am besten meinen Vater bestellen. Der ist nicht nur handwerklich ein großes Vorbild für mich.“

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