03. Mai 2020 / 17:53 Uhr

Behinderten- und Rehasport in Leipzig: Noch ist der Pausenknopf gedrückt

Behinderten- und Rehasport in Leipzig: Noch ist der Pausenknopf gedrückt

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Martin Schulz
Martin Schulz beim Fockeberglauf am 7. März 2020. © Dirk Knofe
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Aufgrund der Coronavirus-Pandemie herrscht größtenteils Stillstand im Behinderten- und Rehasport. Dadurch stehen viele Vereine vor Problemen, finanziell wie personell. Die Zwangspause wird aber auch genutzt, um Pläne zu verfeinern und neue Ideen zu entwickeln.

Leipzig. Paralympicssieger Martin Schulz ist in Topform. Der Triathlet befindet sich im intensiven Training – als einziger Behindertensportler der Stadt darf er mit Ausnahmegenehmigung seit Wochen nicht nur Laufen und Radfahren, sondern auch in der Uni-Schwimmhalle seine Bahnen ziehen. „Ich bin motiviert, obwohl sich die Frage stellt, wofür man gerade trainiert“, so Schulz. Die Paralympics sind auf Spätsommer 2021 verschoben, die für Mai in Mailand geplante WM ist längst abgesagt. Der Ersatz in Montreal ist fraglich.

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„Ich hoffe auf den Herbst. Dann sind einige Weltcups geplant. Diese sind nicht nur eine Frage der Bedingungen vor Ort. Aufgrund der Reisebeschränkungen kämen die Teilnehmer nach jetzigem Stand nicht mal hin“, so der 29-Jährige. Die Unterstützer halten Schulz die Treue. Ulrike Kurze, Marketingleiterin von Sponsor Verbio: „Unser gemeinsames Motto heißt ,Mit Vollgas Richtung Tokio’ – diesem Ziel fühlen wir uns weiter verpflichtet.“

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In vielen Bereichen herrscht Stillstand. Die 22 Aktiven vom Leipziger Sitzballverein 1999 hätten am 25. April in Regensburg gern ihren deutschen Meistertitel verteidigt. „Es gibt Überlegungen, die DM im Herbst durchzuführen, aber ich bin skeptisch“, so Vereinschef Mike Hentschel. Derzeit finde kein Training statt, zudem gehören einige Spielerinnen und Spieler zur Corona-Risikogruppe und dürfen sich Gefahren nicht aussetzen. Die finanzielle Lage seines Vereins sieht Hentschel halbwegs entspannt. „Wir arbeiten auf ehrenamtlicher Basis, müssen also keine Gehälter und derzeit keine Hallenmiete bezahlen. Reisekosten müssen wir nicht tragen, weil es keine Wettkämpfe gibt. Insofern sollten wir das Jahr einigermaßen gut überstehen“, ist er gedämpft optimistisch.

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Mitgliedergewinnung derzeit fast unmöglich

Ein anderes Problem hat der junge Verein SV Rhinos Leipzig. Vor knapp einem Jahr wurde er gegründet – mit dem Ziel der Inklusion, also Sportmöglichkeiten für Menschen mit und ohne Handicap. Mit Boccia und Laufen sollte es beginnen. Vorbild ist der Schwesterverein Rhinos Wiesbaden, der ein erfolgreiches Rollstuhlbasketball-Team in der Bundesliga hat. Beide Vereine sind mit einer Stiftung verbunden.

Die Mitgliedergewinnung sei derzeit fast unmöglich. Ein Boccia-Workshop musste abgesagt werden. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, daher ist Vereins-Chefin Linda Reuther optimistisch. „Wir mussten erst mal die Pausetaste drücken, wo wir doch so viel vorhaben. Inklusive Angebote für alle Altersgruppen, Eltern-Kind-Sport und vieles mehr. Wir stehen mit anderen Vereinen im Austausch, aus dem sich tolle Möglichkeiten ergeben können. Wir nutzen die Zwangspause, um unsere Pläne zu verfeinern und neue Ideen zu entwickeln. Irgendwann lassen wir die Pausetaste los“, so Linda Reuther.

Hohe Ausgaben bei Rehasportvereinen

Deutlich angespannter ist die Situation in den Rehasportvereinen. „Rund 40 000 Mitglieder unseres Verbandes – das sind fast 90 Prozent – sind dem Rehabilitationssport zuzuordnen. Hinzu kommen noch einmal so viele, die in unseren Vereinen Rehasport betreiben, ohne Mitglied zu sein,“ sagt Christian Rösler, Geschäftsführer des Sächsischen Behinderten- und Rehabilitationssportverbandes (SBV).

Gerade die größeren Vereine mit teils vierstelligen Mitgliederzahlen hätten in den vergangenen Jahren viel in Sportstätten, Ausstattung und Personal investiert. Die Ausgaben sind hoch, Einnahmen, zum Beispiel durch Rehaverordnungen, brechen in Größenordnungen weg.

Ob das größtenteils in Kurzarbeit befindliche gut qualifizierte Personal langfristig zu halten ist, steht in den Sternen. Die vom sächsischen Innenministerium und dem Landessportbund angekündigte Soforthilfe wird in einigen Fällen als Tropfen auf den heißen Stein gesehen und verschiebt die zum Teil existenzbedrohende Situation nur um einige Wochen.

Trainer seit Wochen in Kurzarbeit

Diese Probleme kennt der SBV-Vize für Rehasport bestens. Detlev Günz ist auch Präsident des BSV AOK Leipzig, mit knapp 250 Rehasportgruppen pro Woche einer der größten Anbieter. Vergangene Woche schilderte er die Situation ausführlich im Sachsenradio und sagte über den Neustart des Vereinssports ab 4. Mai: „Über diese Nachricht bin ich freudig überrascht.“


Im Rehasport, der nur teilweise im Freien stattfindet, werde es aber nur schrittweise und in kleinen Gruppen wieder losgehen. „60 Prozent unserer Sporttreibenden sind über 60 Jahre alt und gehören zur sogenannten Risikogruppe. Wir haben auch gesundheitlich angeschlagene Sportler“, gibt er zu bedenken. Die Trainer seien seit Wochen allesamt in Kurzarbeit null, bekommen also nur 60 bis 67 Prozent ihres ohnehin nicht üppigen Einkommens. „Ich hoffe, sie springen uns nicht ab“, so Günz.

Stefan Friedrich