31. März 2020 / 11:00 Uhr

Bei den Fußballern von Frisch Auf Wurzen kitzelt’s in den Füßen

Bei den Fußballern von Frisch Auf Wurzen kitzelt’s in den Füßen

Haig Latchinian
Leipziger Volkszeitung
Fussball internationales Turnier
Das Internationale Nachwuchsturnier ist ein sportlicher Höhepunkt beim ATSV FA Wurzen. © Bettina Finke (Archiv)
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Beim ATSV Frisch auf Wurzen ruht in Corona-Zeiten der Fußball. Die Wurzener Nachwuchsspieler trainieren solo weiter. Doch ob der Ball in dieser Saison noch einmal rollt, steht in den Sternen.

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Wurzen. Ach, wenn sie im letzten Spiel doch nur nicht den Pfosten getroffen hätten! So trennt sie in der Kreisliga A ein einziges Tor vom punktgleichen Spitzenreiter Blau-Weiß Bennewitz. Der kleine Ben Scheller aber ist wild entschlossen, im Laufe der Saison noch ganz an die Tabellenspitze zu stürmen. Umso trauriger ist der zwölfjährige Mittelfeldmotor der D-Jugend von Frisch Auf Wurzen, dass in Corona-Zeiten der Fußball ruht: Kein Training, kein Spiel, kein gar nichts.

So oft es geht, kicke er wenigstens zu Hause, sagt der Oberschüler: „Auf der Straße fahren am Tag nur fünf Autos. Da geht’s. Manchmal spielt auch meine Schwester Tessa mit.“ Bens Mutti Maren, die ihren Jungen sonst immer zu den Spielen chauffiert, spricht bereits offen von Lagerkoller. „Normalerweise trainiert Ben dreimal die Woche, dazu das Spiel am Wochenende. Ist doch klar, dass ihm die Decke auf den Kopf fällt“, sagt die Friseurin, deren Geschäft zu ist.

Sie halte sich im Garten mit Dribblings, Jonglieren und Krafttraining fit, sagt Bens Mitspielerin Sophie Weist (13). „Unser Coach hat das Trainingsprogramm per Handy geschickt. Außerdem teilte er einen YouTube-Kanal mit mehreren Videos. Da ist alles sehr gut beschrieben.“ Wenn sie Glück habe, spiele auch ihr Bruder Timo mit. Das Kontaktverbot nehme sie ernst: „Ich mache vor allem Intervallläufe – fünf Minuten locker traben und dann sieben Sekunden Vollsprint.“

Kopfzerbrechen wegen Zwangspause

Das hört Übungsleiter Tobias Bendel gern. Der 37-Jährige koordiniert den Spielbetrieb aller zehn Nachwuchsteams von Frisch Auf. Außerdem trainiert er die U 13. Elf Spiele seiner Mannschaft stünden in dieser Saison noch aus. Dazu käme am 27. Juni die Pokal-Endrunde in Pegau. Es war an jenem Freitag, dem 13., als mittags wegen Corona-Alarm alle Spiele des Wochenendes abgesagt wurden. „Ich informierte daraufhin Mario Mucke, einen aktiven Papa, der über WhatsApp alle anderen Eltern erreichte.“

Die Corona-Krise verändert sein derzeitiges Leben, sagt der ehrenamtliche Trainer. Beruflich tingelt der Eilenburger sonst mit seiner Fußballschule „Ilebiber“ von Schule zu Schule. Er ist Mitglied im Jugendausschuss des Nordsächsischen Fußballverbandes und Übungsleiter in Wurzen: „Welche Tragweite die Pandemie für die Sportvereine hat, kann man noch gar nicht abschätzen. Auf jeden Fall ist an Fußball bis mindestens 20. April nicht mehr zu denken. Ich fahre jetzt Käse, Quark und Milch für das Landgut Nemt aus.“

Bendel kickte früher in Krostitz, Zschortau und Naundorf selbst aktiv. Die Nachwuchsspieler mögen seine Art zu trainieren. Kein Wunder: Stupides Ausdauerlaufen im Kreis findet bei ihm nicht statt: „Das wäre verschenkte Trainingszeit. Wir machen alles mit Ball.“ Die Corona-Zwangspause bereitet ihm Kopfzerbrechen: „Keiner weiß, wann der Spuk vorbei ist. Aber es besteht durchaus die Gefahr, dass gerade manch ältere Jugendlichen ganz wegbleiben. Wenn die merken, wie schön es ist, sonntags auszuschlafen, gewöhnen die sich womöglich dran.“

Harald Sather, Präsident des Muldentaler Fußballverbandes, teilt die Sorge nur bedingt: „Zumindest die Jüngeren drängeln schon jetzt. Den Kindern ist langweilig, sie wollen unbedingt wieder päppeln. Erst kürzlich kamen zwei Jungs und sagten, sie wollten doch nur ein bisschen aufs Tor flaschen.“ Er bleibe da hart, sagt Sather. Es gebe keinerlei Ausnahme, die Plätze blieben gesperrt. Sven Weihmann macht aus der Not eine Tugend. Er hält die Wurzener Sportanlagen in Schuss: „Der Rasen kann sich etwas erholen.“

Er sei in großer Sorge um die Vereinslandschaft, sagt Hermann Winkler. Der Präsident des Sächsischen Fußballverbandes erinnert daran, dass 99 Prozent der Übungsleiter ehrenamtlich aktiv seien. „Wenn diese Stützen unserer Sportgemeinschaften jetzt beruflich selber in existenzielle Nöte geraten, bleibt abzuwarten, ob sie sich auch in Zukunft in Vereinen engagieren können.“ Fraglich sei zudem, ob die Sponsoren weiterhin bei der Stange blieben.

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Internationales Turnier in Frankreich?

Daniel Weist ist Präsident des ATSV Frisch Auf Wurzen. Er stehe in ständigem Kontakt zu seinen Trainern, zu den Amtskollegen in Grimma und Eilenburg sowie zu den Staffelleitern. Zwei Sponsoren von Frisch Auf hätten sich bereits gemeldet, die ihre Unterstützung für den Verein ruhen lassen müssten, da sie wegen der aktuellen Ereignisse um Corona wirtschaftlich selber betroffen seien. „Ich weiß nicht, ob tatsächlich alle unsere Förderer zahlen können, wenn ich demnächst die Rechnungen für die Werbebanden rausschicke.“

Stand jetzt gehe er bei den Sponsorengeldern von monatlichen Mindereinnahmen in Höhe von rund 550 Euro aus, sagt Präsident Weist. Er wisse nicht, wie sich das weiter entwickele. Es sei zudem mehr als fraglich, ob die D-Jugend wie ursprünglich geplant zu Pfingsten zum Gegenbesuch nach Frankreich reisen könne. „Das internationale Turnier steht wegen Corona auf der Kippe.“ Abgesagt hätten bereits die Veranstalter eines ähnlichen Events in Holland. Eigentlich wollte die Wurzener C-Jugend zu Ostern dorthin fahren. „Die von uns überwiesenen rund 2500 Euro für Teilnahme, Übernachtung und Verpflegung gibt es nicht zurück.“

Ben Scheller wird weiter joggen. Er ist beseelt davon, die Spitzenreiter aus Bennewitz doch noch vom Thron zu stürzen. „Es fehlt nur ein einziges Tor. Vor allem spielen wir in der Rückrunde das entscheidende Match zu Hause.“ Doch ob der Ball in dieser Saison noch einmal rollt, steht in den Sternen. Übungsleiter Tobias Bendel: „Bei den Jüngeren könnten wir theoretisch in englischen Wochen einiges nachholen. Bei der B-Jugend aufwärts wäre das schwieriger. Die einen sind dann schon im Prüfungsstress, die anderen bereits in ihrem Lehrbetrieb.“