01. Dezember 2022 / 14:15 Uhr

Zerstritten, zu alt – chancenlos? Warum Belgien bei der WM in Katar nicht überzeugt

Zerstritten, zu alt – chancenlos? Warum Belgien bei der WM in Katar nicht überzeugt

Hendrik Buchheister
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Enttäuschte Belgier um Kapitän Kevin de Bruyne (r.) nach der Niederlage gegen Marokko.
Enttäuschte Belgier um Kapitän Kevin de Bruyne (r.) nach der Niederlage gegen Marokko. © IMAGO / Shutterstock
Anzeige

Belgien droht bei der WM in Katar das Aus in der Vorrunde – und die Spieler sind offenbar total zerstritten. Der Mitfavorit strauchelt, auch weil die Mannschaft überaltert ist. Eine Bestandsaufnahme.

Ein Trainer will von seinen Spielern Leidenschaft, Hingabe und Einsatz sehen. Von daher hätte Roberto Martínez zufrieden sein können am vergangenen Sonntag. Seine Belgier hatten alle diese Qualitäten gezeigt – nur leider nicht auf dem Platz bei der WM-Partie gegen Marokko, sondern nach Schlusspfiff in der Kabine des Al-Thumama-Stadions.

Anzeige

Belgien hatte verdient mit 0:2 verloren, es war der zweite müde Auftritt des amtierenden WM-Dritten beim Turnier in Katar gewesen nach dem uninspirierten 1:0 gegen Kanada. Beim Vorrundenabschluss gegen Vizeweltmeister Kroatien an diesem Donnerstag (16 Uhr, ARD und Magenta TV) muss wohl ein Sieg für den Einzug ins Achtelfinale her, in dem es gegen Deutschland gehen könnte. Nach der Niederlage gegen Marokko kochten die Emotionen über. Angeblich gerieten Kapitän Eden Hazard, Regisseur Kevin De Bruyne und Abwehrchef Jan Vertonghen in der Kabine aneinander. Stürmer Romelu Lukaku musste eingreifen.

Belgiens Nationalmannschaft ist zerstritten

Als Trainer Martínez am Mittwoch im Pressekonferenzsaal im Qatar National Convention Center erschien, um einen Ausblick auf das Duell mit Kroatien zu liefern, hatte er eine Mission. Er wollte das Gerede über das Zerwürfnis zwischen seinen wichtigsten Profis zerstreuen, indem er es als Verschwörung darstellte. Er sprach von "Fake News" und unterstellte einigen Medien, lieber nach schlechten Nachrichten zu suchen, anstatt sich an der Qualität seiner Mannschaft zu erfreuen. Das Pro­blem ist nur, dass die Mannschaft es in Katar bisher verpasste, ihre Qualität zur Schau zu stellen. Um dagegen auf schlechte Nachrichten zu stoßen, muss man in diesen Tagen keinen großen Aufwand betreiben. Da ist zum Beispiel De Bruynes Aussage in einem Interview mit dem Guardian. Auf die Frage nach Belgiens Aussichten auf den WM-Titel sagte der einstige Profi von Werder Bremen und vom VfL Wolfsburg: "Keine Chance, wir sind zu alt. Ich glaube, unsere Chance war 2018."

Damals war Belgien im Halbfinale an Frankreich gescheitert. Die "goldene Generation" um De Bruyne, Hazard und Lukaku hatte es verpasst, sich mit dem Titel zu krönen. In Katar gehört Belgien wieder mal zum erweiterten Kreis der Favoriten. Doch die bisherigen Leistungen stützen die These, dass die Mannschaft ihren Höhepunkt überschritten hat. Belgiens "goldene Generation" hat Rost angesetzt.

Anzeige

Trotzdem – oder gerade deshalb? – kam De Bruynes Diagnose natürlich schlecht an bei seinen Kollegen. Sie brachte zum Vorschein, wie zerstritten die Mannschaft offenbar ist. "Wir greifen wahrscheinlich schlecht an, weil wir zu alt sind", sagte Abwehrchef Vertonghen nach der Niederlage gegen Marokko, eine sarkastische Anspielung auf die Aussagen seines Mitspielers. Außerdem kritisierte er Torwart Thibaut Courtois: "Wir kassieren zwei identische Treffer. Die Bälle sollten niemals reingehen."

Wegen Affäre: Courtois und De ­Bruyne sprechen angeblich seit Jahren nicht mehr miteinander

Hazard stellte derweil seiner Abwehr ein vernichtendes Zeugnis aus: "Unsere Verteidiger sind nicht die schnellsten. Das wissen sie auch." Courtois drohte demjenigen, der den Streit nach dem Marokko-Spiel an die Presse weitergegeben hatte. Persönliche Animositäten drücken aufs Binnenklima. Courtois und De ­Bruyne zum Beispiel wechseln angeblich seit Jahren kein Wort miteinander, weil der eine (Courtois) eine Affäre mit der Freundin des anderen (De Bruyne) gehabt haben soll.

Am Tag nach dem 0:2 gegen Marokko trafen sich die Belgier zur Aussprache. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass es dabei hitzig zuging, auch wenn Verteidiger Timothy Castagne behauptet: "Es war kein Krisentreffen. Wir haben uns ein paar Dinge von der Seele geredet." Das Vorrundenfinale gegen Kroatien wird zeigen, ob die jüngsten Tumulte ein reinigendes Gewitter waren – oder die Ouvertüre zum frühen WM-Aus und dem Ende der "goldenen Generation".

Anzeige: Erlebe die gesamte Bundesliga mit WOW und DAZN zum Vorteilspreis