13. Oktober 2021 / 08:00 Uhr

Benedikt Höwedes über seinen Job beim DFB, den Löw-Abschied und Kritik an Oliver Bierhoff

Benedikt Höwedes über seinen Job beim DFB, den Löw-Abschied und Kritik an Oliver Bierhoff

Heiko Ostendorp und Tobias Manzke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Benedikt Höwedes (rechts) arbeitet seit dem Sommer im Teammanagement des DFB mit und ist dabei unter anderem in die Planung der Verabschiedung von Ex-Bundestrainer Joachim Löw involviert.
Benedikt Höwedes (rechts) arbeitet seit dem Sommer im Teammanagement des DFB mit und ist dabei unter anderem in die Planung der Verabschiedung von Ex-Bundestrainer Joachim Löw involviert. © IMAGO/Jan Hübner (Montage)
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Im Sommer hat 2014er-Weltmeister Benedikt Höwedes seine Arbeit im Teammanagement des DFB aufgenommen. Im Interview mit dem SPORTBUZZER spricht der frühere Abwehrspieler darüber hinaus über die Verabschiedung von Joachim Löw und die Arbeit von DFB-Direktor Oliver Bierhoff.

SPORTBUZZER: Benedikt Höwedes, vor dem 2:1 gegen Rumänien am Freitag waren Sie beim Abschlusstraining der Nationalmannschaft in Hamburg im Einsatz. Stehen Sie vor Ihrem Comeback?

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Benedikt Höwedes (33): Ich bin fit und habe mich Bundestrainer Hansi Flick angeboten (lacht). Nein, ich freue mich immer, wenn ich noch ein bisschen mitkicken kann. Im Anschluss an meine Zeit als Profi habe ich bei meinem Heimatverein TuS Haltern mitgespielt. Seit ich nach Köln umgezogen bin, habe ich noch keine Zeit gehabt, mir einen Verein zu suchen.

Seit August arbeiten Sie im Teammanagement des DFB. Was für Aufgaben haben sich herauskristallisiert?

Grundsätzlich bin ich das Bindeglied zwischen Trainer, Management und den Spielern. Ich kann mit meinen Erfahrungen, die ich in meiner Karriere gesammelt habe, Feedback geben. In einer Art Traineeprogramm bekomme ich zudem Einblick in sämtliche Aufgaben: Wie werden die Länderspiele aufgebaut? Wie laufen die Reisen? Ich leite bereits auch das eine oder andere Projekt selbst.

Zum Beispiel?

Beispielsweise den Abschied von Joachim Löw in Wolfsburg.


Bei allem Respekt: Hätte der Weltmeistertrainer nicht eine andere Bühne verdient als ein Länderspiel im November in Wolfsburg gegen Liechtenstein?

Welche Bühne wäre schon groß genug für einen Weltmeistertrainer? Mit Blick auf seine Erfolge erscheint doch jede zu klein. Und es spricht für Jogis Größe, dass er Hansi Flick erst einmal in Ruhe hat arbeiten lassen. Jetzt ist der passende Moment gekommen. Der Jahresabschluss steht an, es wäre sicher nicht richtig, das Thema noch mit ins WM-Jahr 2022 zu nehmen.

Zuletzt machte es wieder Spaß, der Mannschaft zuzusehen.

Ja, die Freude ist spürbar, die versprüht auch Hansi Flick mit seiner Leidenschaft. Das ist beeindruckend und färbt brutal auf die Mannschaft ab. Es gilt jetzt, diesen Weg weiterzugehen und die ersten guten Ergebnisse zu bestätigen. Die Art und Weise, wie wir spielen wollen, ist klar erkennbar – jetzt geht es darum, Konstanz in die Auftritte und Leistungen zu bekommen.

2014 wurde Deutschland mit der legendären Ochsenkette – mit vier Innenverteidigern – Weltmeister. Ist die Abwehr die Basis für große Erfolge?

Eine stabile Defensive ist immer wichtig, um erfolgreich zu sein. Aber es geht nur im Kollektiv. In Brasilien haben wir uns damals vor allem an die brutalen Bedingungen angepasst. Wir wussten, dass es wahnsinnig heiß wird und es erst mal darum geht, den Laden hinten dichtzuhalten. Und uns war klar, dass es kein offenes Spiel geben darf, bei dem es hin- und hergeht. Auch meine Rolle als Linksverteidiger war vor allem auf die Defensive beschränkt, das ist heute schon etwas ganz anderes. Wir wollen hochstehende Außenverteidiger, die mit nach vorne gehen sollen.

Alle sprechen von Aufbruchstimmung. Was muss der DFB tun, um die Fans wieder zurückzugewinnen – außer sportlich erfolgreich zu sein?

Das ist in der Tat ein großes Thema. Natürlich hängt es in erster Linie davon ab, wie wir auf dem Platz auftreten und ob wir unsere Spiele gewinnen. Aber wir versuchen auch, die Menschen vor Ort mitzunehmen, haben in Hamburg Charityaktionen, unter anderem mit der Stiftung der Mannschaft, und digitale Treffen mit Fans organisiert. Die richtige Identifikation und Begeisterung kommen aber erst dann so richtig auf, wenn wir begeisternd spielen.

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Wie stehen Sie persönlich dem umstrittenen WM-Turnier 2022 in Katar gegenüber?

Wir haben eine klare Haltung zu dem Turnier: Wir werden daran teilnehmen, aber dürfen nicht wegsehen. Ich glaube, dass es ein falsches Signal wäre, die WM zu boykottieren. Dieser Meinung sind auch die NGOs (Nichtregierungsorganisationen, d. Red.). Sie bescheinigen Katar auch durch die WM eine positive Entwicklung. Wir müssen weiter im Austausch bleiben und auch immer wieder auf die Dinge aufmerksam machen, die dort schieflaufen. Das werden wir tun, da kommt viel Input aus der Mannschaft heraus.

Nachdem es sportlich zuletzt nicht so lief, stand auch DFB-Direktor Oliver Bierhoff stark in der Kritik, es wird ein Regulativ gefordert. Können Sie das schon sein oder erst, wenn Sie eine andere Funktion bekleiden?

Eine offene und ehrliche Diskussion ist enorm wichtig. Es bringt nichts, wenn man nur Jasager um sich hat. Wenn ich gefragt werde, gebe ich meine ehrliche Meinung ab. Ich möchte betonen, dass Oliver mir oft zu schlecht weggekommen ist. Wir dürfen nicht vergessen, was er in den letzten Jahrzehnten für den Verband geleistet und was er für wahnsinnig gute Dinge aufgebaut hat – fast schon visionär. Das kommt mir oft viel zu kurz.

Was meinen Sie konkret?

Ich erinnere mich noch gut an die Kritik am Campo Bahia in Brasilien (bei der WM 2014, d. Red.). Als damaliger Spieler muss ich sagen: Das Quartier war das Kernstück und die Basis für den Erfolg und den Teamgeist, der sich damals entwickelt hat. Dafür brauchte es Visionen und Mut, Oliver hat das auf eindrucksvolle Weise durchgezogen. Seine Weitsicht hat sich komplett ausgezahlt und damit hatte er großen Anteil daran, dass wir Weltmeister geworden sind. Da sollten wir uns schon mal bei ihm bedanken.