23. Februar 2021 / 17:43 Uhr

Volleys-Star Benjamin Patch im Interview: "Ich bin queer, keine Frage"

Volleys-Star Benjamin Patch im Interview: "Ich bin queer, keine Frage"

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Benjamin Patch (l.) war von den Netzhoppers in den ersten beiden Sätzen kaum zu stoppen. 
Patsch! Wenn Benjamin Patch (l.) auf den Ball haut, ist der gegnerische Block meist machtlos. © Oliver Schwandt
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Ausnahmespieler Benjamin Patch spricht im SPORTBUZZER-Interview über und sein Coming-Out, die Liebe zum Volleyball und warum er seinen Vertrag bei den BR Volleys nun verlängert hat.

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Wenn die BR Volleys am Donnerstag (19.30 Uhr) im Viertelfinale der Champions League das italienische Spitzenteam Itas Trentino empfangen, kommt es wieder mal auf den sprungstarken Diagonalangreifer Benjamin Patch an. Der 26-Jährige, geboren im US-Bundesstaat Utah, gilt auch neben dem Spielfeld als starke Persönlichkeit. Im Oktober machte Patch im „Tagesspiegel“ öffentlich, dass er queer sei, also nicht der heterosexuellen Geschlechternorm entspreche.

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SPORTBUZZER: Herr Patch, warum fällt ein Coming-Out im Spitzen-Volleyball offensichtlich einfacher als im Profifußball der Männer?

Benjamin Patch: Es ist einfach eine Frage des Geldes. Fußballer verdienen mehr, haben bessere Werbeverträge und deshalb mehr zu verlieren. Denn das Risiko besteht ja, dass Menschen, die die Wege von anderen nicht verstehen, versuchen, Sportkarrieren zu verbauen.

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Sie haben sich 2020 als queer geoutet. Wie fielen die Reaktionen von Mitspielern und Club-Offiziellen aus?


Um ehrlich zu sein, habe ich schon immer so gelebt, wie ich leben wollte – nicht erst seit der Artikel letztes Jahr erschien. Es war kein Geheimnis, dass ich queer bin. Ich bin da sehr offen, mag nur nicht die Dramatik, die hinter diesem Thema steckt. Für mich ist das ja völlig normal, ich bin queer, keine Frage. Natürlich ist es schön, wenn darüber geschrieben wird und das dann anderen Menschen hilft. Aber warum sollte es ein großes Ding sein, dass ich queer bin? Es ist kein großes Ding. Nur schätze ich mal, dass wir grundsätzlich noch ein bisschen über dieses Thema sprechen müssen, damit die Leute verstehen, dass es kein großes Ding ist.

Fühlen Sie sich manchmal als Vorbild?

Ich sehe mich einfach nur als ehrlicher Mensch. Für mich ist es wichtig, dass ich immer der sein kann, der ich gerne sein möchte, und nicht nur ein Volleyballspieler. Ob ich als Vorbild tauge? Weiß ich nicht, ich will einfach versuchen, ehrlich und authentisch zu sein, so gut es eben geht.

Sie haben mal gesagt, dass Sie in Berlin so leben können, wie Sie wollen –dass es leicht fällt, man selbst zu sein. War das in anderen Städten und Ländern, in denen Sie schon gelebt haben, nicht der Fall?

Man muss seinen eigenen Weg gehen und sich ein gutes Umfeld schaffen. Für mich war der Umzug nach Berlin deshalb genau richtig. Die Stadt ist offen für vieles, eben auch für queere Personen. Das bedeutet aber nicht, dass man nicht auch anderswo glücklich werden kann. Das zu erkennen, hätte ich mir deutlich früher gewünscht – dass man nicht darauf warten sollte, von anderen akzeptiert zu werden, sondern, dass man einfach sein Leben leben sollte wie man das für richtig hält.

Sie haben Ihren Vertrag in Berlin nun bis 2024 verlängert – trotz lukrativer Angebote aus Ländern, in denen Volleyball eine größere Rolle spielt. Was gab den Ausschlag pro Berlin?

Klar, ich hatte viele Optionen, aber für mich sind andere Dinge wichtiger. Mein Lebensziel ist es nicht, der beste Volleyballspieler der Welt zu werden. Ich will in einem Umfeld leben, wo ich andere beeinflussen kann. Das könnte ich in kleinen, konservativen Städten in Russland nicht, zumindest zurzeit nicht.

Berlins Benjamin Patch spielt den Ball.
Das klassische Rollenbild – Mann und Frau gehören zusammen – ist längst durch andere Formen ergänzt worden. In Deutschland steht die sexuelle Orientierung jeder Person frei. Queer (sprich: kwier) kommt aus dem Englischen und heißt „seltsam“. Früher galt es als Schimpfwort, seit den 1990er Jahren verwenden Lesben, Schwule und Bisexuelle das Wort aber zur Selbstbezeichnung und besetzen es damit positiv. Inzwischen gilt als „queer“, wer nicht dem klassischen (sexuellen) Rollenbild entspricht. © Maike Lobback

Sie töpfern gerne, beschäftigen sich viel mit Mode und produzieren auch welche – weil die Volleyball-Welt sonst zu klein für Sie wäre?

Nein, nein, ich versuche mir einfach, Zeit für andere Dinge zu nehmen, die ich mag. Mensch zu sein bedeutet Fähigkeiten in ganz vielen Dingen zu haben, deshalb müssen wir immer lernen und Sachen neu entdecken. Dass Volleyball meine große Liebe ist, steht ja sowieso fest. Ich spiele aber nicht deshalb, weil ich das Leben eines Profis so toll finde, sondern, weil ich diesen Sport liebe. Profisport an sich, mit all dem vielen Geld, den Lügen und anderen Dingen, die sich ändern müssten, bräuchte ich eigentlich nicht. Aber ich brauche einen Weg, um mich auszudrücken, deshalb mache ich Mode oder andere Kunst, das hält mich im Gleichgewicht.

Kommen wir mal zum Sport.

Gerne, wenn Sie das wollen (lacht).

Sie sind als einer der sprungstärksten Angreifer europaweit gefürchtet. Wann haben Sie bemerkt, dass Sie talentierter sind als andere?

Puh, gute Frage. Ich weiß gar nicht, ob ich jemals realisiert habe, dass ich höher als andere springen kann. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich als Kind in der Leichtathletik angefangen habe. Und das Gefühl über Hürden zu springen, war einfach nur toll. Ich habe mich so gefühlt, als könnte ich fliegen. Und dann entdeckte ich irgendwann Volleyball für mich, das war Magie. Ein bisschen rennen, springen und dann noch etwas in der Luft stehend schlagen, das war so viel besser und anders als alles, was ich davor gemacht habe! Und ich habe viel gemacht: Kunst, Tanzen und so weiter. Volleyball war anders – und man kracht auch nicht ineinander wie in anderen Sportarten, Volleyball ist artistisch, einfach großartig.

Sie messen 2,03 Meter, können wahnsinnig hoch springen und sind in den USA aufgewachsen – haben Sie auch Basketball mal ausprobiert?

Oh, nein. Nein, nein, nein. Wenn ich Basketball gespielt hätte, hätten mich die anderen so schnell wie möglich aus dem Team geworfen (lacht). Darin bin ich wirklich nicht gut. Und um ehrlich zu sein: Mir passt auch das Umfeld im Basketball oder Fußball nicht. Zum Beispiel die Frauenbilder, die dort vermittelt werden – natürlich nicht von allen –, finde ich schwierig.

Ihre Volleyballkarriere haben Sie in jungen Jahren in einem Mädchenteam begonnen, weil es keine Mannschaft für Jungen gab. Das hat Ihnen auch hämische Kommentare eingebrockt. Was haben Sie diese negativen Erfahrungen gelehrt?

Vor allem, dass es wichtig ist, nicht über andere zu urteilen. Dass es darum geht, sich gegenseitig zu akzeptieren. Bei mir war es so, dass ich damals wirklich der einzige Junge war, der Volleyball spielte. Mich hat’s nicht gekümmert, hat halt Spaß gemacht. Aber umso besser man wird, umso mehr Menschen diskutieren über einen, umso mehr wird gefragt. Ich erinnere mich noch daran, wie ich bloß gestellt wurde, weil ich halt Volleyball gespielt habe. Ich wurde schwul genannt und all diesen anderen dummen Scheiß, nur weil ich mit Mädchen spielte.